Kommentar

Warum Smartphone-Spiele für mich keine richtigen Games sind!

Smartphone mit Spiel
Mobile Spiele erleben gerade einen Boom – ernten aber auch immer wieder Kritik
Foto: Picture Alliance

Wie der deutsche Branchenverband game kürzlich mit einer Statistik belegte, ist das Smartphone zur beliebtesten Gaming-Plattform in Deutschland aufgestiegen. Auch auf der Gamescom sind sie in diesem Jahr allgegenwärtig. Doch sind das wirklich Videospiele? Warum die kritischen Stimmen hierbei nicht gänzlich unrecht haben, erklärt TECHBOOK-Autor Michael Sonntag in seinem Kommentar.

2017 zockten insgesamt 18,2 Millionen Menschen auf dem Smartphone. PC-Spieler belegten nur noch den zweiten Platz mit 17,3 Millionen. Das geht aus einer Statistik des game-Verbandes hervor. Außerdem ist das Durchschnittsalter von Gamern auf über 36 Jahre gestiegen, mittlerweile zocken nur noch 6 Prozent mehr Männer als Frauen und die Mobile Game-Industrie boomt.

Der Verband und diverse Fachmagazine schlussfolgern aus diesen Zahlen, dass immer mehr Menschen spielen und Games allgemein immer beliebter werden. Aber kann man das so sagen? Während die Presse das häufig einfach bejaht, lassen sich die einzig kritischen Stimmen hierzu nur in Foren sowie Kommentarsektionen finden.

Unabhängig davon, ob die Aggressivität und Wortwahl dieser Meinungen immer berechtigt ist, finde ich es falsch, diesen Personen nur zu unterstellen, dass sie skeptisch gegenüber Neuem sind. Ich denke schon, dass die Unzufriedenheit und Abwehrhaltung der Gamer damit zusammenhängt, dass ihre Leidenschaft verwaschen wird. Die Hauptgründe für den Boom sind laut dem game-Verband die große Verbreitung des Geräts und die verringerten Einstiegshürden, gerade für Menschen mit wenig Gaming-Erfahrung.

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Aber gerade diese Einstiegshürde ist für mich der Knackpunkt: Was hindert jemanden daran, auf einer Konsole zu spielen? Liegt es daran, dass man das Handy sowieso zu 60 Prozent der Zeit in der Hand hält? Auch in preistechnischer Hinsicht sind die Hürden relativ, da neue Handys nicht unbedingt viel günstiger als Konsolen sind, zumal es auch hier immer gute Spar-Angebote gibt. Sowohl was die Konsolen als auch was die Spiele angeht. Wenn die Hürde letztendlich die Bedienung betrifft, gibt es auch viele Konsolenspiele, die sich mit dem Controller nahezu genauso leicht spielen lassen wie die meisten Handy-Spiele. Aber ja, Wischen ist noch leichter, stimmt schon.

Wo ist der Anspruch?

Sprechen wir über die Inhalte, die in der Statistik nicht erfasst wurden. Würden wir sagen, dass sich die Leute mehr für Filme begeistern, weil plötzlich mehr Fernsehen schauen? Dass sich mehr Menschen für Spiele begeistern, weil plötzlich 100.000 Leute mehr FIFA spielen? Ich sage gar nicht, dass es keine anspruchsvollen Handy-Spiele gibt, aber auch nur diese könnten mit anderen Spielen verglichen werden. Nicht allgemein alle.

Wenn wir uns die aktuellen Bestseller in den iOS-Gaming-Charts ansehen, stechen einzig das Sandkasten-Spiel „Minecraft“ und die „Hitman Sniper-Challenge“ heraus. Der Rest besteht aus Spielen, die dafür konzipiert worden sind, dass man sie gemütlich nebenbei, in der Bahn oder im Cafe zocken kann. Ein paar Äpfel herumschieben, ein paar Zombies plattfahren, ein bisschen hier klicken, ein bisschen da klicken. Daran ist nichts verwerflich, aber das hat wenig mit einem story-geladenen „Detroit: Become Human“ für die PlayStation 4 oder einem strategisch komplexen „Monster Hunter“ zu tun. Die besagten Spiele verdienen ihren Respekt, den sie durch diese Vermengung nicht erhalten.

Platz App-Name Entwickler Preis in Euro
1 Plague Inc. Ndemic Creations 0,99
2 Minecraft Mojang 7,99
3 Bloons TD 6 Ninja Kiwi 5,49
4 Doodle Jump Lima Sky 0,49
5 Nexomon LIME TURTLE, INC. 1,09
6 Pou Paul Salameh 2,29
7 Bloons TD 5 Ninja Kiwi 3,99
8 Hitman Sniper SQUARE ENIX INC 0,49
9 Earn to Die 2 Not Doppler 0,49
10 Monoposto Marco Pesce 2,29

 

Ich bezweifle stark, dass Leute, die während der Bahnfahrt eine Beschäftigung für ihre Finger brauchen, morgen plötzlich zu einem anspruchsvolleren Spiel greifen. Weil eben nicht das Großartige eines Spiels im Vordergrund steht, sondern etwas Interaktivität als Spiel bezeichnet wird. Ich kann die Wut stellenweise nachvollziehen und weise daraufhin, dass die meisten Gamer Spiele um ihrer selbst willen zocken, wegen der fesselnden Geschichte, wegen der schönen Spielwelt und wegen des interessanten Gameplays – und nicht aus Langeweile.

Fragwürdige Finanzierung

Und dabei bin noch nicht einmal auf den Ausbeutungs- und Suchtfaktor von manchen Handyspielen zu sprechen gekommen. Viele dieser bedienen sich für eine höhere Lukrativität am Pay-to-Play-System, das vorsieht, das Spiel zu unterbrechen oder zu verzögern, um es für eine gewisse Geldsumme weiterlaufen zu lassen (etwas, das nur bei sehr wenigen Konsolen-Spielen vorkommt). Zudem locken viele Spiele damit, dass die Spieler sekündlich so viele Pseudo-Gewinne wie möglich einfahren und mit aufblitzenden Farbeffekten belohnt werden. Das ist nicht nur billig, sondern auch psychisch etwas fraglich. Ich denke, dass die Gamerschaft auch nicht mit diesen gewinnorientierten Prinzipien in Verbindung gebracht werden will.

Der Game Boy ist ein kleiner Alleskönner

Um dieser Leidenschaft endlich den Respekt zukommen zu lassen, die sie verdient, schlage ich vor, dass wir ab sofort nur noch Spiele mit ähnlichen Spielen vergleichen, egal welcher Plattform sie angehören. Und mehr auf Inhalte eingehen als auf Zahlen. Anstatt zu warten, bis mehr qualitativ hochwertige Spiele für Handys produziert werden, machen es Entwickler Dontnod Entertainment und Epic Games richtig, indem sie gute und anspruchsvolle Spiele wie „Life is Strange“ und „Fortnite“ einfach als Mobile-Versionen anbieten.

Davon verspreche ich mir tatsächlich positive Aspekte für die Gaming-Welt, womit auch mehr Menschen zum Spielen eingeladen werden und dabei auch den zentralen Aspekt dieses wundervollen Mediums verstehen. Den Aspekt des Unterwegs-Zocken finde ich großartig, aber dann möchte ich währenddessen auch dabei sein und nicht nur beschäftigt werden.