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Kommentar

Redakteur über Streaming: „Warum ich Netflix und Co. für rückschrittlich halte“

TECHBOOK-Autor Woon-Mo Sung
TECHBOOK-Autor Woon-Mo Sung findet Streaming-Dienste zunehmend verbraucherfeindlich Foto: Getty Images/Montage: TECHBOOK
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Woon-Mo Sung
Redakteur

7. Januar 2026, 10:53 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten

Das Streaming-Versprechen klang so gut, so einleuchtend. Statt den Weg ins Kino oder in die Videothek zu bemühen oder etliche DVDs und Blu-rays zu horten, einfach auf die Couch hinsetzen, Fernseher einschalten und die besten Filme und Serien direkt genießen. Keine Reibung, kein Warten, Instant-Gratifikation im Blockbuster- oder Binge-Format. Das war so lange gut, wie der Markt auch überschaubar blieb. Doch das ist längst passé. Plötzlich sind die Angebote zu dem geworden, was sie niemals sein sollten, und ich denke, dass Streaming-Dienste heutzutage regelrecht verbraucherfeindlich sind.

Streaming – immer teurer und dann noch Werbung

Für die meisten dürften Netflix, Amazon Prime Video oder Disney+ nach wie vor das Unterhaltungsmaß aller Dinge sein. Wer Filme und insbesondere Serien liebt, kommt um einen Streaming-Dienst einfach nicht herum. Und dem Anschein nach spart das nicht nur Zeit und Mühen, sondern auch Geld. Für einen verhältnismäßig geringen Monatsbetrag etliche Titel zur Auswahl zu haben, klingt nach einem überragenden Deal.

Doch der Markt hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Die Preise steigen in regelmäßigen Abständen und neuerdings gibt es auch Tarife mit Werbung – etwas, was bis vor Kurzem noch undenkbar war. Schließlich war das Wegbleiben von Werbeunterbrechungen, wie sie im linearen TV normal sind, auch ein großer Vorteil von VoD. Wer sie jetzt loswerden möchte, soll mehr bezahlen. Wer möglichst wenig ausgeben möchte, muss sie in Kauf nehmen.

Zu viele Anbieter verderben den Spaß

Das größte Problem sehe ich allerdings in der zunehmenden Zerfaserung des Marktes. In der Anfangszeit hat ein Netflix-Abo vollkommen ausgereicht. Doch seitdem wächst der Markt ständig an. Hinzukamen unter anderem internationale Plattformen wie Disney+, Amazon Prime Video, Paramount+ oder Apple TV. Zudem folgten auch hiesige Angebote wie RTL+, Joyn+ oder die Mediatheken der Öffentlich-Rechtlichen – und das sind nur die bekannteren Anbieter auf dem Markt. Demnächst kommt mit HBO Max ein weiterer globaler Player nach Deutschland.

Die Folge: Das Angebot hat sich verkehrt. Denn aufgrund von Exklusivrechten auf vielen Filmen und Serien wandern immer mehr Titel zu immer mehr Plattformen ab und dort bleiben sie auch. Wo früher wenige Anbieter viele Titel zeigten, gibt es auf vielen Streaming-Diensten im Grunde weniger zu sehen. Dieser Trend wird vorerst anhalten. Wer jetzt einen bestimmten Film sehen möchte, muss hoffen, dass genau dieser eine bei einem Dienst ist, den man abonniert hat.

Ist dem aber nicht so, schaut man entweder in die Röhre oder man wechselt den Dienst. Heutzutage ist es deshalb üblich, dass Fans mehrere Streaming-Anbieter gleichzeitig abonniert haben, um ja nichts zu verpassen. Meine Kollegin Marlene kam zum Beispiel 2024 auf Jahreskosten von 875 Euro nur fürs Streaming – ich hoffe, sie hat sich seitdem von einigen Abos wieder verabschiedet. Fairerweise muss ich dazu sagen: Marlene ist schon eine echte Viel-Streamerin.

Frustrierte Fans finden Alternativen

In der Summe hat sich Streaming also zu einem kostspieligen Hobby entwickelt, das längst nicht den gleichen Zugang zu Inhalten ermöglicht wie früher. Streaming-Dienste sind damit deutlich verbraucherfeindlicher geworden. Und abgesehen von Exklusivtiteln schwinden damit auch die Vorzüge gegenüber dem klassischen Fernsehen.

Statt zwischen Logins zu hüpfen, zappt man einfach fröhlich zwischen den Sendern, was seine ganz eigene entspannende Tätigkeit ist. Und der Zugang zum TV-Programm ist für die meisten mit einem Fernsehgerät und einem Anschluss quasi überall der gleiche.

Die jüngsten Entwicklungen sorgen verstärkt für Unmut bei Fans. Zwar werden die Unternehmen nicht müde, immer neue Erfolgsbilanzen zu kommunizieren. Wie aber zum Beispiel die Experten bei Panda Security berichten, sind illegales Streaming und digitale Piraterie „dramatisch“ angestiegen. Die Leute haben die Nase voll vom Markt – und ich auch.

Vorbild physische Medien?

Als Sammler von Blu-rays, aber auch als Videospieler habe ich mir des Öfteren die Frage gestellt, warum die Zeiten gemeinsamer Industriestandards scheinbar vorbei sind. Die Zersplitterung des Streaming-Marktes erinnert an die Videospielbranche, in der seit jeher Firmen wie Nintendo, Sony oder Microsoft mit eigener Hardware und exklusiven Spielen um Anhänger buhlen. Drittanbietertitel müssen aufwendig für verschiedene Systeme portiert werden, was einen Mehraufwand für ein Spiel bedeutet.

Warum aber kann nicht ein Spiel einfach auf allen Systemen funktionieren? Bei physischen Medien hat es zwar in der Vergangenheit Konkurrenzkämpfe gegeben, etwa zwischen der Blu-ray und der HD-DVD. Und in den 70ern und 80ern gab es den sogenannten Formatkrieg zwischen verschiedenen Videoabspielsystemen. Aber am Ende gab es immer einen klaren Gewinner: die VHS-Kassette zum Beispiel oder eben die Blu-ray.

In der Folge haben sich Hersteller auf jeweils einen gemeinsamen Standard geeinigt. Verbraucher konnten dann selbst entscheiden, ob sie ein Premium-Abspielgerät mit vielen Funktionen brauchten oder nicht. Für jeden Geldbeutel war etwas dabei, aber eines war und ist in jedem Fall immer gewährleistet: der Zugang zur Unterhaltung, über alle Plattformen hinweg.

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Auch die Gaming-Industrie ist gefragt

Ex-PlayStation-Chef Shawn Layden sieht das ähnlich in einem Gespräch mit dem YouTube-Kanal Pause for Thought. Darin akzeptiere er zwar den Wert von Exklusivtiteln für eine Konsole. Doch schon jetzt ist zu beobachten, wie das einst so starre Ökosystem aufweicht. Immer öfter landen Sony-Entwicklungen auch auf dem PC und sogar Xbox oder andersherum.

Um langfristig Wachstum zu gewährleisten, müsse Sony anderen Konzernen erlauben, PlayStation-kompatible Konsolen herzustellen, denn so würde das eigene Format in noch mehr Haushalte Einzug halten. Deswegen verlor Sony damals mit Betamax auch gegen die VHS: Es gab viele VHS-Hersteller, während Sony Betamax exklusiv herstellte und vertrieb.

Langfristig müsse die Spieleindustrie sich zu einem gemeinsamen Format hinbewegen, „und vielleicht kommt es vom PC“. Dann könne sich darum ein Konsortium bilden, das wiederum Lizenzprogramme für Hersteller entwirft, die dann für dieses Format bauen könnten. So komme man zur Allgegenwart in Haushalten, die der eines Toasters gleichen würde.

Es muss sich etwas ändern

Wie ein gemeinsamer Standard fürs Streaming aussehen und ob er überhaupt funktionieren könnte, bleibt fraglich. Für mich steht nur fest, dass sich etwas ändern muss. Denn in mancherlei Hinsicht haben es physische Medien Film- und Serienfans doch einfach gemacht. Wer nicht gerade auf teure und obskure Importe setzte und damit auf die Widrigkeiten von Regionalcodes stieß, brauchte sich im Regelfall um Kompatibilität und Zugänglichkeit keine Sorgen machen.

Diesen Aspekt haben die verschiedenen Betreiber aus den Augen verloren, weshalb ich Streaming-Dienste jetzt verbraucherfeindlich finde. Aber wer weiß, vielleicht verkleinert sich der Markt noch: Netflix plant ja den Kauf von Warner Bros. und wird dann ziemlich sicher „Der Herr der Ringe“ oder „Harry Potter“ exklusiv bei sich zeigen. Auch Hulu, einer der ältesten Streaming-Dienste überhaupt in den USA, ist nun fester Teil von Disney+. Unklar ist, was dann aus HBO Max wird, dem Warner-eigenen Streaming-Dienst.

Konsolidierungen steht man in der Regel skeptisch gegenüber, weil sich zu viel Marktmacht auf ein Unternehmen konzentriert. Dieses kann dann mit weniger Konkurrenz mehr Vorgaben machen und die Industrie unter Druck setzen. Und gerade der Netflix-Warner-Deal könnte fürs Kino und physische Medien ein böses Erwachen bedeuten. Streaming-Fans werden aber einem Dienst weniger hinterherrennen müssen. Immerhin.

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