Smart-Home-Experte Chris Bertko erklärt

So wird Smart Home unser Leben verändern!

Chris Bertko
Smart-Home-Experte Chris Bertko erklärt, was heute im Bereich Smart Home möglich ist – und gibt einen Ausblick auf die Zukunft.
Foto: Getty Images / Marko Förster

Smart-Home-Experte Chris Bertko erklärt exklusiv bei TECHBOOK, wie das voll vernetzte Zuhause schon heute Alltag werden kann – und welche Möglichkeiten es in Zukunft bietet.

Meine Lieblings-Playlist aus dem Sonos-Lautsprecher machte mir das Aufstehen heute deutlich einfacher – und das, obwohl ich früher rausmusste als die letzten Tage. Die Jalousien fuhren automatisch etwas eher hoch, um die Sonnenstrahlen hineinzulassen. Gut, dass mein Smart Home das Bad auch schon hochgeheizt hat.

Mitten im März überraschte Petrus noch einmal mit Schnee. Damit ich trotzdem pünktlich auf der Arbeit sein würde, starteten meine programmierten Abläufe heute schon etwas zeitiger. So konnte ich ganz ohne Stress Schnee schieben und die Autoscheiben freikratzen – trotz eines tiefenentspannten Kaffees am Morgen.

Ja, ich lebe in einem Smart Home!

Und entgegen der TV-Werbung kann ein Smart Home viel mehr, als Geräte nur mit dem Smartphone anzusteuern. Wer will schon jedes Mal das Licht per App ein- und ausschalten, wenn er den Raum betritt? Stattdessen geht es im vernetzten Zuhause darum, dass Dinge automatisiert werden und unser Alltag ein Stück sicherer, komfortabler und auch etwas energiesparender wird.

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Wie funktioniert ein Smart Home?

Bislang schalten wir das Licht am Lichtschalter direkt ein. Auch die Waschmaschine, den Trockner und die Spülmaschine bedienen wir manuell. Und um es kuschelig warm im Zimmer zu haben, ist der Weg zum Heizungsthermostat unumgänglich. Im Smart Home werden all diese Geräte von einer Zentrale (oder auch Gateway bzw. Hub genannt) gesteuert.

Diese ist quasi das Gehirn im intelligenten Zuhause. Sensoren für Temperatur, Bewegung, Luftfeuchtigkeit, Luftqualität oder die Helligkeit liefern der Zentrale wichtige Informationen über den Zustand des Hauses. Durch vorgegebene Regeln und Verknüpfungen – sogenannte „Szenen“ – kann sie auf eintretende Ereignisse intelligent reagieren.

Das Wetter kann dabei eine wichtige Rolle für unser Haus spielen. So schaltet sich das Licht automatisch beim Betreten des Raumes ein, sollte es zu dunkel sein. Sobald die Mittagssonne durch die Fenster scheint, fahren die Jalousien herunter, damit es drinnen angenehm kühl bleibt. Allerdings nur im Sommer, denn im Winter sind die wohltuenden, warmen Sonnenstrahlen sehr willkommen.

In der kalten Jahreszeit regelt die Heizung zur entsprechenden Tageszeit auf die gewünschte Wohlfühltemperatur – oder schließt das Ventil, sobald ein Fenster zum Lüften geöffnet wird. Die Jalousien fahren bei starkem Wind schützend vor die Fenster und bei Regenvorhersage schließen sich die Dachfenster automatisch. Und so war auch buchstäblich das Wetter heute morgen „schuld“, dass mein Zuhause schon etwas eher die „Guten-Morgen-Szene“ gestartet hat.

In brenzlichen Situationen kann das Smart Home für etwas mehr Sicherheit sorgen. Schlägt beispielsweise ein Rauchmelder Alarm, so können automatisch alle Lichter im Haus eingeschaltet und die Jalousien geöffnet werden, um so Fluchtwege zu schaffen. Wird ein Fenster geöffnet, wenn die Bewohner nicht da sind, ertönt ein Signalton.

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Ist Smart Home teurer Luxus?

Das klingt alles nach teurem Luxus? In der Tat war bis Mitte der 2000er-Jahre ein Smart Home nur beim Neubau oder bei umfangreichen Sanierungsarbeiten möglich. Denn damit die Geräte und Sensoren alle miteinander kommunizieren, war eine aufwendige Verkabelung nötig. Seit einiger Zeit bieten jedoch immer mehr Hersteller kabellose Sensoren und Geräte an, die via Funk mit der Smart-Home-Zentrale in Verbindung stehen. Genau jene Lösungen machen das Smart Home nicht nur erschwinglich, sondern bieten Hausbesitzern wie Mietern die Möglichkeit, vernetzte Haushaltsgegenstände ganz einfach selbst nachzurüsten.

Das Charmante an den Funklösungen: Das Smart Home kann modular – quasi Stück für Stück – zu Hause einziehen. Meist beginnt der Spaß mit einem Heizungs-Starterset und kann dann Schritt für Schritt um smarte Lampen, schaltbare Steckdosen, Unterputzmodule für Lichtschalter und Jalousien, Tür-Fenster-Kontakte, Bewegungsmelder und vieles mehr erweitert werden.

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So die Theorie. Doch der neue Markt ist riesig und so buhlen die Anbieter mit ihren Systemen um die Gunst der Kunden. Viele Hersteller verwenden ihr eigenes „proprietäres Funksystem“ (ein herstellergeschlossenes System) und sind so nicht mit anderen Smart-Home-Lösungen kompatibel. Das begünstigt leider ein babylonisches Sprachengewirr im Smart Home.

Wer sein Zuhause herstellerunabhängig vernetzen möchte, der sollte ohnehin auf Standards oder Allianzen setzen. Unlängst hat die Industrie das Problem erkannt. Zwar konnte man sich noch nicht auf „den einen Standard“ einigen, aber viele Hersteller haben sich zu Allianzen zusammengeschlossen, damit zumindest ihre Geräte auf einem gemeinsamen Funkprotokoll arbeiten.

Hier seien Z-Wave, ZigBee und EnOcean als die drei wichtigsten Vertreter zu erwähnen, die derzeit auch die größten „Ökosysteme“ bieten.

Was geht heute schon?

Hätte mir noch vor zehn Jahren jemand erzählt, dass Wischroboter zu Hause die Bodenreinigung übernehmen und sich die Heizung per Sprachbefehl regulieren lässt: Ich wäre wohl eher von einem Science-Fiction-Film ausgegangen als von einem Alltagsbericht.

Erinnern Sie sich noch an die ersten Handys mit „Internetknopf“? Bloß nicht drauf drücken, das wird teuer! Außerdem gab es nur wenig nützliche Webseiten, die für Handys optimiert waren. Inzwischen ist mobiles Surfen das Normalste auf der Welt und nur wenige von uns könnten wohl noch ohne WhatsApp und Facebook oder Instagram unterwegs sein.

Ganz ähnlich verläuft die Entwicklung beim Smart Home. Dank Funkvernetzung ist es für jedermann problemlos nachrüstbar. Für eine Steuerungszentrale zahlt man zwischen 45 und 300 Euro, und weitere Komponenten, etwa schaltbare Steckdosen, schlagen je nach Funksystem mit knapp 50 Euro zu Buche. Das ist natürlich immer noch nicht billig – aber zumindest erschwinglich.

Dank der Sprachassistenten von Amazon und Google erlebte das Thema im Jahr 2017 einen echten Hype. Und so werden immer mehr Häuser und Wohnungen intelligent. Ähnlich wie beim mobilen Surfen auf dem Handy sind es wieder mal die „Nerds“, die als Erste zeigen, was möglich ist, und so das Thema vorantreiben. Bis es letztendlich wie selbstverständlich im Alltag fast aller Menschen angekommen ist.

Wo geht es hin mit Smart Home?

Einige Beispiele, wie Smart Home unseren Alltag komfortabler und vielleicht auch sicherer machen kann, habe ich bereits erwähnt. Doch brauchen wir solche „Spielereien“ wirklich? Nein, eigentlich noch nicht. Gleichzeitig bin ich mir sicher, dass Smart Home der entscheidende Faktor für Innovationen wird, die unser Leben in den nächsten 15 Jahren maßgeblich verändern werden.

Pflege und Sicherheit im Alter

Deutschland befindet sich im demographischen Wandel. Einerseits werden wir immer älter, andererseits leben mehrere Generationen immer seltener unter einem Dach. Ein Smart Home wird der Schlüssel dafür sein, dass ältere Menschen länger in ihrer vertrauten Umgebung wohnen können – und der gefürchtete Umzug ins Heim dadurch erst ein paar Jahre später nötig wird.

Vor allem die Möglichkeiten der Sprachsteuerung können das Leben im Alter erleichtern, während unterschiedliche Szenarien zur Sturzprävention beitragen. Passiert dennoch ein Unfall oder wird jemand bewusstlos, kann smarte Technik das problemlos erkennen und automatisch Hilfe rufen. Vieles davon ist Stand heute weniger ein technisches Problem, als dass es von Politik- und Krankenkassenseite endlich besser gefördert werden müsste.

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Energie – wenn Strom intelligent wird

Während wir noch über smarte Häuser reden, philosophieren andere bereits über eine „Smart City“. Die Rede ist von mehreren Wohnungen und Häusern, die miteinander vernetzt sind und Informationen austauschen – etwa darüber, wie viel Energie die Photovoltaikanlage auf dem Dach gerade produziert und welche Wohneinheit des Hauses aktuell Geräte zuschaltet, um den Eigenverbrauch zu optimieren.

Auch in der Energiewende könnte Smart Home ein wichtiger Baustein sein. Das Märchen vom braunen Gold ist ausgeträumt; wenn wir in die Zukunft blicken, wird unser Strom durch Windkraft und Sonne erzeugt. Leider lässt sich das Wetter nicht so perfekt steuern wie ein Braunkohlekraftwerk, was die Energieversorger vor neue Herausforderungen stellt.

Dies ließe sich auf ganz einfache Art lösen, indem der Anbieter den Strom zu Zeiten von Überhang (etwa mittags oder nachts) günstiger anbietet. Im Smart Home könnten dann Geräte mit hohem Verbrauch – wie Spülmaschinen, Waschmaschinen, Trockner oder Geräte mit Speichermedium wie Notebooks, Warmwasserboiler oder sogar das Ladegerät am Elektroauto – automatisch zugeschaltet werden. Denn erst dann wird das Thema Elektromobilität attraktiv.

Ich bin davon überzeugt, dass Smart Home schon bald unser Leben verändern wird – und zwar das Leben von uns allen, nicht nur das von Nerds!

Chris Bertko ist Deutschlands renommiertester Smart-Home-Experte. Er ist Gründer des Blogs siio.de und Autor des Buches „Home, Smart Home: Der praktische Einstieg in die Hausautomation“.

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