28. Januar 2026, 16:33 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Die Entscheidung darüber, ob man einen Film oder eine Serie auf Deutsch oder einer anderen Sprache schauen möchte, entfällt heutzutage beim Streaming. Mehrere Tonspuren und Untertitel sind schon längst zum Standard geworden und erlauben ein individuell angepasstes Erlebnis. Doch wer bei Netflix Originals auf Deutsch schauen möchte, könnte bald leer ausgehen.
Netflix auf Deutsch in Gefahr
Zwar schauen mehr Menschen als je zuvor Filme und Serien im Originalton. Trotzdem sind viele nach wie vor auf eine Übersetzung angewiesen. Damit diese entstehen können, engagiert man Synchronsprecher, die die Titel neu vertonen.
Das kennt man hierzulande und nicht selten werden Sprecher selbst zu Promis – man denke nur an Norbert Gastell als Homer Simpson oder Manfred Lehmann als Bruce Willis. Viele Menschen verbinden Erinnerungen an Filmen auch mit ihren unverwechselbaren Stimmen.
Doch bei Netflix sind deutsche Tonspuren jetzt akut gefährdet. Die Synchronsprecherin Vivien Faber machte laut „Golem“ in einem mittlerweile wieder gelöschten Beitrag darauf aufmerksam, dass viele Synchronsprecher in Deutschland aktuell nicht mehr mit Netflix zusammenarbeiten. Grund hierfür ist eine neue KI-Klausel des Streaming-Dienstes.
Netflix will Stimmen für KI-Training
Wie der „Verband deutscher Sprecher:innen“ (VDS) in einer Mitteilung erklärt, würden aktuelle Netflix-Projekte es erfordern, dass Sprecher Verwertungsrechte an ihren Stimmen abtreten. Das würde unter anderem Netflix gestatten, die Tonaufnahmen für KI-Training zu verwenden. Eine Vergütung dafür werde nicht in der Klausel geregelt.
Die Einspeisung in KI-Systeme sei keine „reguläre Auswertung“ der Sprachaufnahmen. Dafür könne es die Erstellung von Kopien und sogar Deepfakes ermöglichen. Deswegen möchte der VDS für die Rechte seiner Mitglieder eintreten, wozu das Urheberrecht, Leistungsschutzrecht, Persönlichkeitsrecht und der Datenschutz gehören.
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Man möchte sich dafür einsetzen, dass Sprecher selbst entscheiden dürfen, ob sie ihre Stimmen der KI zur Verfügung stellen oder nicht. Falls ja, sollen sie Geld dafür bekommen. Wenn sie ablehnen, sollen sie aber keine negativen Konsequenzen befürchten müssen.
Nach heftigem Shitstorm – Amazon zieht Feature von Prime Video zurück
Neue Netflix-Funktion sorgt für weniger Ablenkung beim Schauen
Petition ins Leben gerufen
Für den VDS steht fest: „Die Abgabe persönlicher Daten als Trainingsmaterial für KI-Systeme darf kein Branchenstandard werden.“ Es gebe viele Versionen der Zukunft, für deren Mitgestaltung man das Recht habe.
Nicht nur wegen Netflix, sondern auch um allgemein auf die KI-Problematik bei Synchronisationen aufmerksam zu machen, hat der VDS eine Online-Petition ins Leben gerufen. Die Forderung: Der Einsatz von KI in Kunst, Kultur und Medien soll transparent und fair geregelt werden, um Künstler wie Kreative zu schützen.
Viele Fans haben keine Lust auf KI
Wie Faber schreibt, könnten aufgrund dieses Streits neue Netflix-Filme und -Serien in Zukunft nicht mehr synchronisiert erscheinen – das könnte also Titel wie „Bridgerton“ oder „Wednesday“ treffen. In einem solchen Fall würden dann nur noch Untertitel als Alternative bleiben. Noch sind die Verhandlungen nicht abgeschlossen.
Es bleibt also abzuwarten, ob es tatsächlich so weit kommt. Lizenztitel dürften davon nicht betroffen sein, da deren Vertonung vorher und an anderer Stelle (etwa fürs Kino) geschieht.
Netflix ist kein Einzelfall. Amazon Prime Video etwa veröffentlichte jüngst mehrere Titel mit KI-erstellten Stimmen. Dies führte aber zu vehementem Widerstand von Fans und Kreativen, weshalb Amazon das Feature wieder zurückzog. Gut möglich also, dass Netflix ebenfalls heftige Proteste nicht nur aus der Branche, sondern von Kunden selbst erwarten könnte.
Unterzeichnet die Petition!
„Ich bin aus verschiedenen Gründen vor einiger Zeit dazu übergegangen, Filme und Serien nur noch im O-Ton zu schauen, mit oder ohne Untertitel. Davor habe aber auch ich jahrzehntelang deutschen Synchronisationen gelauscht und bin noch heute der Meinung, dass wir es hier in Deutschland damit geradezu luxuriös haben im Vergleich zu vielen anderen Märkten.
Synchronisation ist wichtig: Neben persönlichen Präferenzen sind einige Zuschauer fremden Sprachen nicht mächtig genug und deshalb auf deutsche Tonspuren angewiesen. Synchronsprecher leisten damit einen wichtigen Beitrag zur allgemeinen Zugänglichkeit von Unterhaltung und Kunst, ungeachtet von Bildung und Herkunft. Ihr Handwerk gehört damit adäquat respektiert.
Dass Netflix deutschen Sprechern nun das Recht an ihren eigenen Stimmen unter Gefahr des Auftragsverlustes abknöpfen möchte, halte ich deshalb für absolut schäbig und für ein gieriges, kostensparendes Symptom unserer KI-fizierten Gegenwart. Mit Kunst hat KI nichts am Hut und darf es auch in Zukunft nicht. Ich bewundere die menschliche Performance des jeweiligen Sprechers, nicht eine technische Generierung dessen.
In Hollywood wehrt man sich bereits vehement gegen den Einsatz generativer KI – dort drohen ja sogar schon erste Konzepte für künstliche Schauspielstars. Der Kampf wird auch hierzulande in ähnlicher Form ausgetragen. Für mich steht fest, auf wessen Seite ich stehe, und ich möchte euch dazu aufrufen, es mir gleichzutun. Deswegen mein Appell: „Bitte unterzeichnet die Petition, um eure Unterstützung für die deutsche Synchronbranche zu zeigen!“