1. Oktober 2025, 11:11 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Ganz Hollywood ist aufgebracht. Grund hierfür ist die Schauspielerin Tilly Norwood, oder besser gesagt: „Schauspielerin“. Denn sie existiert nicht wirklich – und soll trotzdem jetzt die Unterhaltungsbranche erobern. Das mögen viele Stars gar nicht.
Jung, langes Haar, braune Augen wie von einem Reh und ein charmantes Lächeln – auf den ersten Blick möchte man sich direkt in Tilly Norwood verlieben, auch auf den zweiten. Die Schönheit ist bislang vollkommen unbekannt gewesen und jetzt plötzlich in aller Munde. Startet gerade die nächste große Hollywoodkarriere voll durch?
Wenn es nach Meinung vieler Internetnutzer und Schauspielstars geht, dann kann diese Antwort nur lauten: „Hoffentlich nicht!“ Denn Tilly Norwood ist nicht real. Sie besteht nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Bits und Bytes – eine rein künstliche Intelligenz. Und das bereitet Kopfzerbrechen.
Tilly Norwood hat schon viele Fans
Beim diesjährigen Filmfestival in Zürich stellte die Gründerin des KI-Unternehmens Particle6 Eline van der Velden das „erste KI-Talentstudio der Welt“ mit Namen Xicoia vor. Im Zuge dessen möchte der Konzern laut einer Pressemitteilung mehr als 40 künstliche Persönlichkeiten erschaffen, die man für Film, Fernsehen, Social Media, Werbung und Videospiele verwenden könne.
Den Anfang macht Tilly Norwood, die bereits im Netz auf verschiedenen Kanälen zu sehen ist, unter anderem in diesem YouTube-Clip. Darin kann man sie nicht einfach nur sehen. In einem Ausschnitt weint sie sogar:
KI-Stars, die niemals altern
Norwood und ihre späteren computergenerierten Geschwister will Particle6 zu neuen eigenständigen Stars aufbauen. Hierfür kommen sie mit kompletten Hintergrundgeschichten, erkennbaren Stimmen, voll ausgeprägten Persönlichkeiten und sich „entwickelnden Erzählbögen“ daher. Sie sollen fähig sein, echte Konversationen zu führen, Monologe zu halten und auf Trends in Echtzeit zu reagieren. Grundlage hierfür sei ein hybrides Modell aus menschlicher Aufsicht und autonomer KI-Reaktionsfähigkeit.
In einem Statement gibt van der Velden die Marschrichtung vor: Sie behauptet, dass „die nächste Generation kultureller Ikonen synthetisch“ sein und aus Stars bestehen werde, die „nie müde werden, altern und die immer mit ihren Fans interagieren“ könnten. Bereits jetzt führe man Gespräche mit Hollywood-Agenturen und Marken, sogar einige Stars seien an einer Zusammenarbeit mit Xicoia interessiert.
Auch interessant: Die zukünftigen KI-Stars aus dem Particle6-Stall sollen in einem geteilten Universum existieren – Ereignisse im „Leben“ des einen sollen die anderen beeinflussen können. Laut van der Velden stünde man am Anfang einer neuen Kategorie – der „KI-gestützten Star-Marke“.
Stars und Fans schimpfen
Stars, die niemals altern oder müde werden? Werden sie bald ersetzt? Wenig überraschend ließ die Antwort echter Stars und Fans nicht lange auf sich warten. Superstar Emily Blunt („A Quiet Place“, „Jungle Cruise“) etwa finde die Entwicklung „sehr, sehr beunruhigend“. „Das ist KI? Meine Güte, wir sind verloren“, sagte sie.
Auch Whoopie Goldberg („Sister Act“, „Ghost – Nachricht von Sam“) äußerte sich zu Tilly Norwood. Ihrer Meinung nach hätte eine KI-Schauspielerin einen „unfairen Vorteil“, da sie aus „5000 anderen Schauspielern“ generiert worden sei, wie „Entertainment Weekly“ berichtet. Weitere Stars wie Melissa Barrera, Lukas Gage und Mara Wilson gaben zu verstehen, dass man vor allem die Talent-Agenturen, die mit Norwood arbeiten wollten, boykottieren sollte, wie „Variety“ berichtet.
Filmfans sehen das ähnlich. Unter dem YouTube-Video etwa heißt es: „Ich bin positiv überrascht zu sehen, dass alle das auch so sehr hassen wie ich.“ Jemand anders ergänzte: „Dieses Video wirkt definitiv so, als würden sich KI-Unternehmen über all jene lustig machen, die in Zukunft Schauspieler werden wollen.“
Disney wird wegen totem Schauspieler verklagt
Meinung zu Googles KI-Film-Tool: „Das Ende der Kunst!“
Macherin von Tilly Norwood gibt Statement ab
Auf die heftigen Reaktionen hat wiederum van der Velden mit einem offiziellen Statement reagiert, das uns als E-Mail vorliegt. Darin sagt sie, dass Norwood kein Ersatz für Menschen sei, sondern das Ergebnis kreativer Arbeit sei, ein Stück Kunst. Sie sehe darin einen „neuen Pinselstrich“ ähnlich wie Animation oder Puppen von damals.
„Ich bin außerdem der Meinung, dass KI-Charaktere als eigenes Genre für sich betrachtet und nach ihren eigenen Qualitäten beurteilt werden sollten – und nicht im direkten Vergleich mit menschlichen Schauspielern. Jede Kunstform hat ihren Platz, und jede kann für das geschätzt werden, was sie einzigartig hervorbringt.“
Wie geht es in Hollywood weiter?
Der Aufschrei ist groß und das ist nur allzu verständlich. Particle6 stellt Tilly Norwood während angespannter Zeiten für die Filmbranche vor. Erst 2023 hat es mehrmonatige Streiks in Hollywood gegeben, unter anderem wegen dem Aufkommen von KI und der Möglichkeit, Schauspieler digital nachzubilden. Drohen jetzt neue Streiks?
Noch ist nicht abzusehen, ob und in welcher Kapazität vor allem die großen Filmstudios auf reine KI-Stars setzen werden. Fakt ist aber auch: Es hat schon mehrere Beispiele in Blockbustern gegeben, in denen etwa verstorbene Stars wieder zum Leben erweckt und lebende einfach verjüngt wurden.
Auch ist es nichts Ungewöhnliches, dass Stars am Set nur mit Luft reden, damit erst im Nachgang eine Fantasiefigur ins Bild gestellt wird. So oder so ähnlich könnte die Arbeit mit Tilly Norwood auch ablaufen – wenn denn jemand überhaupt will.