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Nicht nachhaltig

Erschweren Smartphone-Hersteller absichtlich die Reparatur?

Die Innen-Technik eines Smartphones ist zu sehen, jemand versucht das Handy zu reparieren
Einige Smartphones halten einer Statistik zufolge nicht das, was sie versprechen. Sie landen zu oft in der Reparatur.Foto: Getty Images

Ein kaputtes Smartphone lässt sich oftmals nicht so einfach reparieren. TECHBOOK hat bei Experten nachgefragt, warum das so ist.

Smartphones sind inzwischen mehr als nur ein technisches Gerät für uns, für viele ist es der Alltagsbegleiter überhaupt. Wenn das Handy kaputt geht, ist dies oftmals ein großer Verlust. Doch wer darauf hofft, das Smartphone reparieren zu lassen, wird häufig enttäuscht. Hersteller wollen nicht, dass Nutzer in der Lage sind, die Mobiltelefone wieder funktionsfähig zu bekommen. Eine Reparatur ist meist ausgeschlossen. Dem Verbraucher bleibt nur ein Neukauf als Option. Doch warum ist das eigentlich so? Experten erläutern, weshalb das teilweise der Fall ist.

Verbraucher würden sich Smartphones mit hohen Prozessorleistungen und langen Akkulaufzeiten bei möglichst schlankem Design wünschen. „Um den Kundenansprüchen gerecht zu werden, ist die Herstellung und Verarbeitung der Komponenten immer anspruchsvoller geworden. Das bedeutet auch, dass nicht jedes Bauteil unkompliziert repariert werden kann“, erklärt Sebastian Klöß, Referent für Consumer Technology beim Bitkom, im Gespräch mit TECHBOOK.

Vor allem bei Smartphones betrifft das die Verarbeitung des Akkus. „Frühere Akkus waren häufiger modular und damit leichter auszubauen (Bsp.: Samsung Galaxy S4 ). Heute sind Akkus oft verklebt – genau wie Displays, bei denen der Kleber für Wasserdichtheit sorgt“, sagt Dorothea Kessler von iFixit, die größte Online-Community fürs Reparieren, welche 2003 in Kalifornien gegründet wurde. Die Stiftung Warentest untersuchte bereits 2013 Handys und deren Akkus und fand heraus, dass immer mehr Handys Akkus besitzen, die fest eingebaut sind und sich daher nicht selbst tauschen lassen. Hersteller wie Apple würden zudem proprietäre Schrauben nutzen, die das Öffnen eines iPhones mehr als nur erschweren. Apple etwa argumentiere, dass die Reparatur nur durch einen Profi durchzuführen sei.

Lohnt sich eine Smartphone-Reparatur überhaupt?

Eine Reparatur durch einen Profi ist aber oftmals sehr preisintensiv. Als Beispiel: Die Reparatur des Displays eines iPhone X kostet laut Handyreparatur123 rund 185 Euro. Bei den zum Teil hohen Preisen stellt sich die Frage, ob sich für den Nutzer eine Reparatur des Gerätes überhaupt lohnt? „Jede Reparatur lohnt sich, da damit ein Gerät länger genutzt wird und kein Neugerät gekauft wird. Bei der Neuproduktion werden die meisten Ressourcen verbraucht, daher ist eine möglichst lange Nutzung sehr wichtig“, sagt Ina Hemmelmann vom Netzwerk Reparatur-Initiativen zu TECHBOOK.

In manchen Fällen können Nutzer dennoch selbst Hand anlegen. Das hat einen entscheidenden Vorteil: „In vielen Fällen ist eine Eigenreparatur die kostengünstigste Option, die man wählen kann. Viele wissen aber gar nicht, dass es diese Option gibt. Wir von iFixit wollen das ändern, indem wir das nötige Wissen bereitstellen und spezielles Werkzeug sowie hochwertige Ersatzteile anbieten, durch deren Verkauf wir unsere Online-Plattform mit fast 60.000 kostenlosen Anleitungen finanzieren“, sagt Kessler.

Das kann ich tun, wenn mein Handy kaputt ist

Nicht jeder Schaden am Gerät erfordere hohen Reparaturaufwand oder gar einen Neukauf. „Ein zersplittertes Displayglas lässt sich häufig mit entsprechenden Reparatur-Sets ausbessern, die Verbraucher schon ab 10 Euro erwerben können“, sagt Klöß vom Verband Bitkom.

Generell können Nutzer folgendes tun:

  • Selbst reparieren
  • Mit ehrenamtlicher Unterstützung in einem Repair Café reparieren
  • durch Dritte reparieren lassen (z. B. bei unabhängigen Reparaturbetrieben oder beim Hersteller selbst, was i. d. R. die teuerste Option ist)

„Wer sich ein neues Smartphone anschaffen will, kann schon beim Kauf auf Reparierbarkeit achten. Wir schrauben in sogenannten Teardowns regelmäßig die neuesten Geräte auf, um ihre Reparaturfreundlichkeit zu bewerten, und vergeben dafür eine Punktzahl von 1 bis 10 – hier das Ranking.“ Die volle Punktzahl erhielt dabei nur das Fairphone 3 sowie der Vorgänger Fairphone 2, weil dessen Produktdesign auf Reparierbarkeit – und Nachhaltigkeit – ausgelegt ist. Auch der deutsche Hersteller Shiftphone setze auf Modularität. Zusätzlich gibt es auch Hersteller, die sich ebenfalls offen gegenüber (DIY-)Reparatur. So zum Beispiel Motorola, der erste Hersteller, der seinen Kunden über den Onlineshop von iFixit Original-Ersatzteile anbietet.

Da Handys aufgrund ihrer Bestandteile als richtige Klimakiller gelten, sollte jeder Nutzer vorab genau überlegen, ob er sich ein neues Smartphone holt. Laut einer Online-Befragung von Mafo kauft jeder vierte Deutsche (25,2 Prozent) alle zwei Jahre ein neues Smartphone. Im Jahr 2019 gaben 29,4 Prozent der Befragten an, sich alle drei Jahre ein neues Handy zu kaufen. Nur Fünftel sagte hingegen aus, jeweils alle fünf (18 Prozent) oder alle sieben Jahre (11,6 Prozent) oder gar mehr Jahre  (9,8 Prozent) in ein neues Mobiltelefon zu investieren. Wird ein neues gekauft, landet das alte Gerät meistens in einer Schublade.

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Die Standorte dieser Recyclinghöfe können Interessierte beim örtlichen bzw. kommunalen Abfallwirtschaftsbetrieb herausfinden. Alternativ können Smartphones auch im Elektronikhandel oder bei den Telekommunikations-Anbietern zurückgegeben werden. „Von dort gehen die Geräte in die Verantwortung der Hersteller über, die für eine umweltgerechte Entsorgung oder Wiederaufbereitung durch zertifizierte Recyclingunternehmen sorgen“, sagt Klöß. Durchaus sinnvoll, denn ungefähr zehn Prozent der abgegebenen Handys lassen sich nach der Wiederaufbereitung weiter nutzen.

Tricks der Hersteller für mehr Umsatz?

Die Nutzer, die sich für eine Reparatur ihres Smartphones entscheiden, zahlen dafür meist einen hohen Preis an den jeweiligen Hersteller. An hohen Reparaturkosten verdient letztlich auch das Unternehmen. Neben fest eingebauten Bestandteilen wie etwa einem Akku, die sich nicht austauschen lassen und demzufolge eine Reparatur deutlich erschweren, gibt es auch schlichtweg Produkte, bei denen eine Reparatur nicht vorgesehen ist. Im Zweifel kauft der Verbraucher dann ein neues Smartphone. „Für Hersteller bedeutet der Verkauf neuer Geräte den größten Profit“, erläutert Kessler.

TECHBOOK meint

„Hersteller von Smartphones sollten zu einer reparierfreundlichen Politik animiert werden. Nur dadurch ist eine längere Nutzung von Smartphones, in denen wertvolle Rohstoffe verbaut sind, möglich. Das trägt gleichzeitig zum Umweltschutz bei. “ – Madlen Schäfer

Wird ab 2021 alles besser?

Im Jahr 2021 wird nach der aktuellen Planung die neue EU-Ökodesign-Richtlinie in Kraft treten. „Sie sieht vor, dass Ersatzteile für Elektrogeräte für einen längeren Zeitraum lieferbar sein sollen. Außerdem sollen Reparaturen dann mit handelsüblichen Werkzeugen möglich sein“, erklärt Sebastian Klöß vom Bitkom. Die Ökodesign-Richtlinie für Haushaltsgeräte sieht etwa vor, dass Hersteller zum Beispiel für Waschmaschinen Reparaturinformationen und Ersatzteile bis zu sieben Jahre nach ihrer Produktion für professionelle Reparaturbetriebe verfügbar machen müssen.

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Smartphone-Nutzer profitieren jedoch nur begrenzt von der kommenden Richtlinie. Der Grund: „Für Smartphones gibt es eine solche Richtlinie bislang nicht. Die 2019 gegründete europäische Right-to-Repair-Kampagne, deren Mitglied wir sind, fordert sie derzeit mit einer Petition. Hier wird erklärt, warum es wichtig ist künftig auch Regelungen für Smartphones festzulegen“, sagt Dorothea Kessler von iFixit.