Über 10 Mal mehr Performance

Ist dieses neue Betriebssystem besser als Android?

Die Startseite des Puffin Browsers auf dem Oneplus 6T
Der Puffin Browser auf einem Android Smartphone
Foto: TECHBOOK

Puffin OS verspricht eine goldene Zukunft: Hochleistung auf einem Günstig-Smartphone. Doch kann das neue Betriebssystem wirklich liefern? TECHBOOK hat es für Sie herausgefunden.

Wer wünscht sich das nicht: Mehr Leistung auf einem günstigen oder alten Smartphone, um nicht das Geld für ein neues und super-teures High-End-Smartphone ausgeben zu müssen. Das Unternehmen „CloudMosa“ will genau das erreichen, mit einem neuen Betriebssystem, das auch denjenigen, die sich keine teuren Smartphones leisten können oder wollen, schnellen und stabilen Zugang zum Internet gibt.

Alles fängt mit einem Browser an

CloudMosa wurde 2009 von Shioupyn Shen gegründet und hat basierend auf Cloud-Computing-Expertise den „Puffin Browser“ ins Leben gerufen. Der Puffin Browser hat mittlerweile 100 Millionen Nutzer weltweit erreicht und zählt zu den beliebtesten Browsern in den USA und Europa. Nun will das Unternehmen seine Erfahrung mit dem Puffin Browser in ein eigenes Betriebssystem einfließen lassen: Puffin OS.

Die Idee ist simpel: Anstatt auf dem Smartphone werden Apps in der Cloud ausgeführt, alle notwendigen Daten werden auf leistungsstarken Servern zusammengefügt und dann nur noch auf dem Bildschirm in der eigenen Hand dargestellt. Dadurch braucht das Smartphone selbst keine hohe Leistung mehr. Das Konzept ist ähnlich wie bei Cloud-basierten Gaming-Diensten wie Googles Stadia, bei dem die Spiele auf Hochleistungsservern berechnet und nur noch zu Hause auf einen kleinen Empfänger gesendet werden müssen, der die Inhalte auf dem Bildschirm darstellt.

CloudMosa will mit Puffin OS „Gleichheit des Zugangs und der Funktionalität“, unabhängig davon, welches Gerät Nutzer verwenden, erreichen. Das OS könne die „Lücken in der Geräteleistung“ und damit die „digitale Kluft“ zwischen High-End- und Einsteiger-Smartphones überbrücken. Das Unternehmen verspricht also eine goldene Zukunft, doch was steckt wirklich hinter den großen Ankündigungen?

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Das verspricht Puffin OS

Glaubt man dem Entwickler, sind bisherige Betriebssysteme für günstige Smartphones und klassische Handys ineffizient. Handys, auch „Feature Phones“ genannt, kommen oft mit stark vereinfachten Betriebssystemen wie KaiOS, deren Funktionalität jedoch eingeschränkt und Bedienung oft hakelig ist. Für günstige Einsteiger-Smartphones hat Google speziell „Android Go“ entwickelt, das geringere Ansprüche an die Hardware hat als die „vollwertige“ Android-Version. Trotzdem ist Android Go laut CloudMosa nicht anspruchslos genug und die Leistung von günstigen Android-Smartphones daher oft sehr schlecht.

Ein eigener Store für Web-Apps

Tech-Youtuber M. Barcza, besser bekannt als „TechAltar“, erklärt in einem Video über das neue Betriebssystem, wie genau CloudMosa das Smartphone schneller machen will. Das Betriebssystem sieht auf den ersten Blick wie Android aus – kein Wunder, denn es basiert auf dem Android-Open-Source-Projekt (AOSP), das von Google entwickelt und kostenlos zur Verfügung gestellt wird. Das grundlegende Gerüst ist also Android und das lässt sich schnell beim Starten von Puffin OS feststellen: Hauptbildschirm, App Drawer, Notification Drawer und Einstellungen stammen alle direkt von Android ab. Doch wo schnell klar wird, dass es sich um eine eigene Entwicklung handelt, ist beim App Store. Statt Google Play Store und den Google-Diensten steht der „Puffin OS Web App Store“ zur Verfügung.

In dem Store stehen bereits einige Apps zur Verfügung, die gut als mobile Webseite funktionieren – beispielsweise Amazon, Facebook und Twitter. Aber statt die Apps zu installieren wird im Prinzip über den Store nur das App-Icon auf dem Hauptbildschirm abgelegt, der Rest erfolgt dann ausschließlich über das Internet. Somit müssen jedoch auch keine Dateien vorher heruntergeladen und installiert werden, die App steht also sofort bereit. Die so „installierten“ Apps unterscheiden sich optisch kaum von „echten“ Android-Apps.

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Per Fernzugriff beschleunigte Web-Apps

Puffin OS nutzt die gleiche „Remote Browser“ Technologie, die auch im Puffin Browser verwendet wird. Die Technologie beschleunigt die Puffin-OS-Apps, sodass sie schneller als native Android-Apps und als Webseite laufen sollen. Denn laut CloudMosa ist die Art, wie Apps mit Servern interagieren, ineffizient. Wird eine App geöffnet, muss diese mit verschiedenen Unternehmensservern kommunizieren und die so gesammelten Daten auf dem Smartphone zusammenfügen und anzeigen.

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Puffin OS kommuniziert hingegen mit einem Puffin-Cloud-Server, der das Zusammensammeln der Daten von den Twitter-Servern übernimmt. Die Seite wird dann auf dem Hochleistungs-Server zusammengesetzt und als fertige Version an das Smartphone geschickt, das diese lediglich darstellen muss. Das Smartphone selbst benötigt also keine hohe Leistung, um die Webseite schnell zusammenzufügen, alles wird extern bearbeitet. CloudMosa nennt das „Avatar“-Technologie, da praktisch ein „Avatar“, also ein Abbild, des Smartphones des Nutzers in Puffins Cloud-Servern erzeugt wird, das auf Daten zugreift und Anwendungen im Internet ausführt. Das Smartphone soll so praktisch nur noch ein Bildschirm sein, der Inhalte anzeigt, die woanders angesteuert und verarbeitet werden.

Es ist angeblich möglich, jede beliebige Webseite in eine Puffin-OS-App zu konvertieren, wodurch Nutzer nicht mehr auf App Stores angewiesen sein sollen. Dadurch, dass die „Apps“ im Prinzip nur Webseite sind, sind sie ohne vorherigen Download sofort nutzbar und nehmen keinen Platz auf dem ohnehin begrenzten Speicher von günstigen Smartphones ein. Allerdings stehen Apps, die kein mobiles Web-Interface haben und eine eigene App benötigen, wie etwa Spotify, jedoch nicht im Puffin Store zur Verfügung.

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Ist die Leistung besser als bei Android?

Auf der Kickstarter-Seite erklärt CloudMosa: „Puffin OS trotzt allen Hardware-Einschränkungen und erlaubt Einsteiger-Telefonen, das Leistungsniveau von High-End-Modellen zu erreichen.“ Auf der gleichen Seite gibt das Unternehmen an, Puffin OS liefere zehnmal mehr Leistung auf günstigen Android-Go-Smartphones unter 100 Dollar als Android Go selbst. Als Basis für diese Aussage legt CloudMosa jedoch nur das Jetstream-1.1-Benchmark zugrunde, bei dem es sich um ein Programm speziell zum Testen der Browser-Geschwindigkeit handelt. Die Leistung des Smartphones selbst, etwa beim Wechseln zwischen Apps, Scrollen und Spielen bleibt davon gänzlich unberührt.

Youtuber TechAltar, der zwei baugleiche Xiaomi Mi A3s bekommen hat, eins mit Android Go, das andere mit der Beta-Version von Puffin OS, konnte bereits einen ersten Einblick in die Leistung des neuen Betriebssystems erhalten. Tatsächlich starten die Apps fast immer schneller auf Puffin OS, da der Seitenaufbau am Anfang am meisten Daten benötigt. Innerhalb der App lassen sich jedoch fast keine Unterschiede mehr feststellen.

Während wir selbst zwar nicht Puffin OS testen konnten, konnte uns der Puffin Browser jedoch Einblick in die unterliegende Avatar-Technologie geben. Schließlich basiert das Betriebssystem auf der im Puffin Browser verwendeten Technologie. Tatsächlich konnten wir beim Aufrufen einer Seite einen deutlichen Geschwindigkeitsvorteil gegenüber Chrome auf einem iPhone feststellen. War die Seite jedoch einmal geladen, gab es praktisch keinen Unterschied mehr. Sowohl das Scrollen als auch die Navigation innerhalb der Seite selbst waren vergleichbar.

Links der Puffin Browser, rechts Chrome

Gefahren beim Datenschutz

Die Rechnung mit der Auslagerung von Apps auf weit entfernte Server geht also nicht ganz auf. Das wäre an sich nicht so schlimm, schließlich ist Puffin OS eher ein Experiment als ein vollwertiger Android-Ersatz und die Idee dahinter ist sicherlich nicht schlecht. Wäre da nicht ein kleines Problem: Der Datenschutz. Laut TechAltar stellt die Remote-Browser-Technologie ein riesiges Sicherheitsrisiko dar. Alles, was auf dem Smartphone mit Puffin OS geöffnet wird, läuft über den Puffin-Server. Darunter E-Mail, Onlinebanking, Chats und alle dazugehörigen Anmeldedaten inklusive Passwörter. Und zwar nicht in geschützter und unlesbarer Form, sondern in Klarschrift. Denn Puffin benötigt die Daten schließlich, um mit den Servern der Seiten, deren Inhalte anzeigt werden sollen, zu kommunizieren – ohne das entsprechende Passwort ist das nicht möglich.

Obwohl das Unternehmen mit diesen äußerst heiklen Nutzerdaten hantiert, ist die Datenschutzerklärung kurz und ungenau. Immerhin wird zugesichert, dass Daten an niemanden weitergegeben werden. Auf der Kickstarter-Seite gibt CloudMosa an, Login-Daten und persönliche Einstellungen zu protokollieren, die laut eigenen Angaben anonymisiert sind. Die Protokolle werden laut Datenschutzerklärung alle 100 Tage von den Servern gelöscht. Laut TechAltar gab es bislang jedoch keinen Sicherheitscheck, der das System auf Angreifbarkeit überprüft. Als Begründung, warum das so sei, gab das Unternehmen an, dass es noch zu keinem Zwischenfall gekommen sei und daher angenommen werde, das System sei sicher.

Dass etwas nicht ganz lupenrein ist mit der Auslagerung auf die unternehmenseigenen Server, zeigt schon die Tatsache, dass der Puffin Browser seit Juli 2019 nicht mehr auf iOS verfügbar ist. CloudMosa musste die App aufgrund von Konflikten mit Apples App-Store-Richtlinien zurückziehen.

Kickstarter-Kampagne für eigenes Smartphone

Die Entwicklung von Puffin OS wurde von CloudMosa an eine Kickstarter-Kampagne für ein eigenes Puffin-OS-Smartphone gebunden. Der Grund, warum CloudMosa ein eigenes Smartphone fertigen will, ist, dass es angeblich kein Smartphone auf dem Markt gebe, das mit der eigenen Software bespielt werden könne. Das scheint mir ein vorsätzlicher Grund zu sein, da vor allem Smartphones mit Android Go relativ einfach mit einer alternativen Android-Distribution versehen werden können. Die Kickstarter-Kampagne sei nötig, um die Mindestbestellmenge zu erreichen, die die Geräte-Hersteller für einen Auftrag erfordern.

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Das Unternehmen widerspricht sich aber ein ein wenig selbst mit dieser Argumentation, denn die Beta-Version von Puffin OS kann bereits jetzt auf Android-Go-Smartphones wie dem Xiaomi Mi A3 sowie Redmi Go und dem Nokia 1 installiert werden. Das „Puffin OS Phone Founder’s Edition“ ist außerdem trotz Kickstarter-Kampagne nicht für die Massenproduktion vorgesehen, sondern nur, um die Machbarkeit zu demonstrieren. Laut eigenen Angaben soll das Smartphone nur in begrenzter Stückzahl gefertigt werden, ohne Option auf Nachbestellung.

Einzig die „Founders“, also die Unterstützer der Kampagne werden das Smartphone kaufen können. Die Spezifikationen des Puffin-OS-Smartphones sind einem Einsteiger-Gerät entsprechend ernüchternd: Ein nicht weiter benannter ARM Cortex-A53 Vierkernprozessor, 1 Gigabyte (GB) Arbeitsspeicher, 8 GB interner Speicher, 5,5 Zoll Bildschirm mit 640 x 1280 Pixeln Auflösung (nicht mal 720p), 5-Megapixel-Hauptkamera, 2-Megapixel-Selfie-Cam und 2600 Milliamperestunden (mAh) Akku.

Der Kaufpreis des Smartphones enthält eine zweijährige Deckung der Server-Betriebskosten. Der Zugriff auf die Puffin-Server sei also für zwei Jahre garantiert. Über diesen Nutzungszeitraum hinaus macht das Unternehmen keine weiteren Angaben. Es existiert bereits ein Beispielgerät, das bei einem uns unbekannten chinesischen Hersteller (Original Device Manufacturer, ODM) in Auftrag gegeben wurde. Das Beispielgerät hat 2 GB RAM, 4000 mAh Akku und einen Fingerabdrucksensor, laut CloudMosa soll das finale Gerät jedoch weniger Leistung und keinen Sensor haben, um die Kosten zu drücken.

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Progressive Web-Apps als Alternative

Wer sich nicht auf die Unsicherheit von Puffin OS oder den Kickstarter-Zwang zum Ausprobieren des Betriebssystems einlassen will, hält wohlmöglich die naheliegendste Alternative bereits in der Hand: Ein Android-Smartphone mit Chrome oder Firefox. Eine Vielzahl von Entwicklern wie etwa Twitter und Google Maps haben ihre Seiten als PWA angepasst. Um eine PWA auszuprobieren, öffnen Sie den Chrome-Browser auf dem Smartphone, klicken auf die drei Punkte oben rechts und dann auf Zum Startbildschirm zufügen. Ist eine PWA-Version der Seite verfügbar, wird einfach der Name der App angezeigt. Wenn nicht, steht vor dem Seitenname ein Home und es wird nur ein Link zur Seite auf dem Startbildschirm abgelegt.

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Foto: TECHBOOK

TECHBOOK meint

„Ein Betriebssystem, das nur entwickelt wird, wenn man für ein unnötiges Smartphone zahlt, erhebliche Datenschutzbedenken und unerfüllte Leistungsversprechen. Es gibt kaum etwas Gutes, das ich über Puffin OS sagen kann. Außer vielleicht, dass die Idee mit der Ablösung der Apps von der Leistung des Smartphones in meinen Augen zukunftsweisend ist. Wer sich diese Zukunft jetzt schon anschauen möchte, sollte auf seinem Android-Smartphone einfach mal progressive Web-Apps testen.“ – Adrian Mühlroth, Redakteur