29. Juli 2026, 14:37 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Es gab eine Zeit, da schien alles real. Lange vor Künstlicher Intelligenz oder Photoshop war das Vertrauen in TV-Aufnahmen, Videos oder Fotos hoch – was wir sahen, war auch echt, dachten wir. Künstliche Inszenierungen oder nachträgliche Manipulationen hat es zwar schon immer gegeben. Doch die Wege dafür waren im Vergleich zu heute aufwendig und die Aufmerksamkeit dafür war längst nicht im kollektiven Bewusstsein verankert. Dann folgte der unaufhörliche technische Fortschritt und mit ihm verschwand die Realität. Mit „Facebook Verified“ denke ich jetzt endgültig: Wir haben aufgegeben.
Das ist „Facebook Verified“
Aber was ist „Facebook Verified“? Wie das hinter der bekannten Plattform stehende Unternehmen Meta mitteilt, handelt es sich um eine kommende Plakette, mit der Profile anzeigen können, dass hinter ihnen echte Menschen stehen. Hierzu soll man lediglich ein kurzes Selfie-Video aufnehmen, das dann mit vorhandenen Profilfotos abgeglichen wird.
Der Vorgang ist kostenlos und soll nur wenige Minuten in Anspruch nehmen. Allerdings muss man dafür eine weiße Weste mitbringen und darf nicht zuvor im Zusammenhang mit Täuschungen oder Betrug auffällig geworden sein. „Facebook Verified“ ist für Privatpersonen ab 18 Jahren gedacht und nicht für Geschäfte, Content Creator, Facebook Pages oder ProMode-Konten.
Es geht also darum, Menschen zu verifizieren. Ist der Prozess abgeschlossen, erscheint die Marke beim Marktplatz, Facebook Dating, in Gruppen und im eigenen Profil. Später soll sie auch bei eigenen Beiträgen zu sehen sein. Anders als bei „Meta Verified“ gibt es keine weiteren kostenpflichtigen Schutz- und Support-Funktionen. Meta rollt das Feature in Phasen in ersten Märkten aus. Mit der Zeit soll es weltweit erscheinen.
Wir haben uns zu wenig bemüht
Schön. Toll. Ist doch eigentlich nicht verkehrt, oder? Im Grunde klingt es wie das weitergedachte blaue Häkchen, das sich zur standardisierten Bestätigung von echter und Möchtegern-Prominenz auf den sozialen Medien etabliert hat. Statt bekannte Persönlichkeiten zu markieren, jetzt also einfach Profile mit echten Menschen, so aus Fleisch und Blut, mit Stoffwechsel und Stuhlgängen. Das schafft Orientierung und Vertrauen.
Aber warum ist das überhaupt notwendig? Als die reißenden Ströme der Falschmeldungen und KI-Vermüllung rapide zunahmen, versuchte man noch den entgegengesetzten Weg: Das Falsche haben etliche Betreiber wie Verbraucher gemeldet und blockiert, um das Netz halbwegs sauber zu halten. Die Bemühungen um weniger Fakes waren jedoch vergebens.
Wie ein Baumstamm in der reißenden KI-Flut
Einer virtuellen Umweltkatastrophe gleich ist der KI-Tsunami im Begriff, unser Verständnis von Realität und Authentizität vollständig zu untergraben. Wem oder was soll ich jetzt noch Glauben schenken, sobald ich am Rechner oder Smartphone ein paar Tabs öffne?
Vor diesem Hintergrund wirkt eine Initiative wie „Facebook Verified“ lediglich wie ein Baumstamm in der Flut, an dem ich mich vorübergehend festklammern kann. An der Strömungsrichtung ändert das freilich nichts, stattdessen schwant mir ein qualvolles Ertrinken zwischen magischen Katzen mit Zauberstäben und der wiederkehrenden Frage: „Ist das KI?“
Wofür noch Wertschätzung?
Der Mensch ist ein faules Tier, das paradoxerweise einen immensen Aufwand betreibt, um sich das Leben lässiger zu machen. Und die Fülle an KI-Matsch ist zu gleichen Teilen einfach zu produzieren und zu konsumieren. Alles wird immer schneller und reibungsloser: Nur noch Prompts reichen für einen witzigen Clip, der direkt das Dopaminzentrum im Gehirn kitzelt, das dann nach mehr verlangt und leichter denn je mehr bekommt. Gegenwehr zwecklos.
Dabei sind die Grenzen zwischen Realität und Erfindung längst verschwommen. Unter Beiträgen, die mir meine Freunde schicken und die sie und ich zunächst für wahr halten, häufen sich die Hinweise auf Künstliche Intelligenz. Dann bin ich sauer. Auf mich, weil ich es nicht erkannt habe, und auf meine Freunde, weil sie darauf hereingefallen sind und an der Verbreitung des Mists teilnehmen.
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Ich lache über Streiche, staune über außergewöhnliche Leistungen und Momente und die allgemeine Großartigkeit menschlicher Potenziale. Und dann wird mir der Boden unter den Füßen weggezogen, immer und immer wieder. War alles gefakt, ich Vollidiot. Umsonst wertgeschätzt, jetzt bleibt nur noch Zorn und temporärer Hass auf jene, die das zu verantworten haben.
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Glauben, was falsch ist, anzweifeln, was echt ist
Umgekehrt habe ich auch schon mehrere Beiträge gesehen, die tatsächlich echt sind und die andere wiederum für KI halten. Dann müssen Experten erklären, warum dem nicht so ist. Nur sind die leider auch nicht zu jeder Zeit und überall zur Stelle.
Die Folge ist also: Wir glauben, was falsch ist, und zweifeln an, was wahr ist. Die Wahrnehmung dessen, was jenseits meines physischen Seh- und Bewegungsradius liegt, ist zutiefst und nachhaltig gestört, und ich weiß nicht, ob wir uns als Gesellschaft jemals davon erholen können. Über die möglichen politischen Implikationen dessen wage ich gerade gar nicht erst nachzudenken.
Die Realität als real deklarieren
„Facebook Verified“ sollte gar nicht nötig sein. Wir sollten Fiktion von Fakt selbst unterscheiden können. Es sollte nicht die Mittel geben, uns flächendeckend in die Irre zu führen. Trotzdem müssen wir jetzt die Realität als real deklarieren. Zumindest da, wo es geht. So oft es nur geht.
Was für ein Armutszeugnis. Und eine Kapitulation vor einem Feind, den die ohnmächtige, glückshormonbetäubte Masse nicht einmal als solchen identifiziert. Vielleicht ist das auch der wahre Aufstand der Maschinen, vor dem uns so viele Werke Science-Fiction gewarnt haben. Nicht jedoch in Form bleihaltig-ballernder Blechdosen auf humanoider Beutejagd.
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Sondern als unsichtbare Systeme, die uns in ihren unterhaltsamen Bann ziehen, dort festhalten und unser Verständnis von Welt und Leben für immer vorgeben. Was bleibt mir da noch übrig, als einen kurzen Seufzer herauszulassen, das Smartphone zu zücken, während meine Instant-Nudelsuppe in meiner 1-Zimmer-Höhle vor sich hin köchelt, und ein neues Video von „Carbot Animation“ zu schauen. Und aufzugeben. Wenigstens macht es Spaß.