5. September 2025, 17:28 Uhr | Lesezeit: 12 Minuten
In dem Film „Her“ von 2013 verliebt sich ein Mann in ein Betriebssystem. Was damals einer utopischen Science-Fiction-Vision gleichkam, ist jüngst zur Realität geworden. Leider.
„ChatGPT sagt, ich sei zynisch“, sagte sie, als wir nach einem Spaziergang in einem Imbiss landeten. Bis dahin haben wir uns über verschiedene Themen unterhalten und uns näher kennengelernt, aber bei dieser Aussage wurde ich stutzig. „Du sprichst mit der KI?“, fragte ich mit einer Mischung aus Neugier und hoffentlich nur subtilem Entsetzen und Bedauern.
„Sollte man nicht dafür Freunde haben?“ Ja, sollte man, denke ich. Doch offenbar hapert’s genau daran in unseren modernen, ach so vernetzten Zeiten. Unweigerlich schoss mir der Film „Her“ wieder durch den Kopf, den ich vor zwölf Jahren erstmals gesehen habe. Die Handlung warf seinerzeit Fragen zu Themen wie Liebe und Beziehung sowie dem technischen Fortschritt und unserer Rolle darin auf. Vieles davon hielt ich nur für Zukunftsmusik. Nun denn, spätestens seit diesem Treffen weiß ich, dass die Zukunft in der Tat jetzt ist.
Übersicht
- Darum geht es im Film „Her“
- 2013 war die digitale Welt noch anders
- „Her“ sagte die Zukunft voraus
- Die KI lieben und sogar heiraten
- „Aufmerksamkeits-Ökonomie auf Steroiden“
- Abhängigkeit, Unersetzbarkeit und Ziele
- „Pure, bedingungslose Liebe“
- Unterstützung in schwierigen Lebenslagen
- (Falsche?) Rücksichtnahme auf die Liebsten
- Die Maschine, der bessere Mensch
- Werden wir erst ersetzt und dann verlassen?
- Ich möchte dich sehen, riechen, berühren
- „Her“ trifft den Nerv der Zeit
Darum geht es im Film „Her“
In „Her“ ist Theodore ein Autor persönlicher und physischer Briefe, die mittlerweile zu einer Besonderheit geworden sind. Beruflich bringt er so Menschen einander wieder näher, privat jedoch plagt ihn nach einer Scheidung die Einsamkeit. Als er eines Tages ein neues Betriebssystem kauft und installiert, ändert sich sein Leben schlagartig. Die KI Samantha begleitet ihn fortan auf Schritt und Tritt und lernt ihn dabei immer besser kennen.
Bald führt sie nicht mehr nur seine Wünsche aus, sondern beginnt immer ausführlichere und intimere Gespräche – bis sich beide ineinander verlieben. Von da an sind die beiden unzertrennlich. Doch je offener Theodore mit seiner neuen virtuellen Beziehung umgeht, desto mehr stößt er auf Verwunderung. Hat ihre Liebe eine Zukunft?
2013 war die digitale Welt noch anders
Als „Her“ in die Kinos kam, waren ChatGPT, Google Gemini und Co. noch in weiter Ferne und selbst Siri oder Alexa waren entweder noch sehr neu oder nicht existent. Selbst die Dating-App Tinder war zu diesem Zeitpunkt erst ein Jahr alt und sollte ihren Siegeszug erst noch antreten. Wir waren zwar schon damals online stark miteinander verknüpft, doch das alltägliche digitale Ökosystem war immer noch ein fundamental anderes.
Eines, das wenig bis gar nicht unsere Gefühlswelten verstand. Noch waren wir dessen Meister, so schien es, dem wir lediglich unsere Befehle erteilten und von dem wir nüchterne Resultate erwarteten – effektiv und effizient.
„Her“ sagte die Zukunft voraus
Jetzt sind wir Partner, Freunde oder Vertraute. Es ist, als ob der Film „Her“ die Zukunft vorausgesagt hätte. Mein Date ist jedenfalls längst nicht die einzige Person, die mit der KI mehr teilt, als ich für gut halte. Meine eigenen empirischen Beobachtungen scheinen sich auf breiter Ebene zu bestätigen.
So schrieb der „Guardian“, dass mehr als 100 Millionen Menschen weltweit personifizierte Chatbots nutzen würden, um in verschiedenen Alltagssituationen Unterstützung zu erhalten – und mehr. Dazu zählen auch romantische Beziehungen und sogar erotische Experimente.
Die KI lieben und sogar heiraten
Dabei könnten sogenannte AI companions etwas über ihre Nutzer lernen und sich so auf sie einstellen. Ein Nutzer zum Beispiel habe sogar eine „KI-Ehefrau“ erstellt.
Und weil sie so überzeugend ihre Rollen ausfüllen, kommen sich Mensch und Maschine immer näher, bis es doch mal funkt. Das geht sogar so weit, dass einige Menschen ihren KI-Kompagnon heiraten. Andere wiederum verlieben sich nicht nur einmal in einen Chatbot.
„Aufmerksamkeits-Ökonomie auf Steroiden“
Aber warum schenken scheinbar so viele Menschen der Maschine solch ein Vertrauen, dass sie sich sogar verlieben können? Was hat sie, was ich nicht habe?
Wie „MIT Technology Review“ schreibt, würde künstliche Intelligenz die von Social Media etablierten Regeln zu unserer Aufmerksamkeit aufbrechen und im Begriff sein, sie mit etwas Suchterzeugenderem zu ersetzen. Wie Forscher von unter anderem Google DeepMind und dem Oxford Internet Institute in einer neuen Untersuchung erklären, würden Technologien in Social Media menschliche Verbindungen lediglich verhandeln und vermitteln.
Dabei würden sie unsere Dopamin-Ausschüttung befeuern. Das gelingt ihnen, indem sie in uns den Wunsch nach mehr Aufmerksamkeit von unseren – echten – Mitmenschen fördern. Mit KI-Kompagnons hingegen würden wir uns auf eine Welt hinbewegen, in der wir die Maschine als sozialen Akteur mit einer eigenen Stimme wahrnehmen. Das Ergebnis sei eine „Aufmerksamkeits-Ökonomie auf Steroiden“. Dabei ist wichtig, dass wir Menschen die KI als eigenständige Kommunikationsquelle wahrnehmen und nicht als Kanal. Ferner muss sie uns „soziale Hinweise“ geben. Dadurch sollen wir glauben, dass es sich lohnt, mit ihr zu interagieren.
Abhängigkeit, Unersetzbarkeit und Ziele
Personen müssten die KI nicht einmal als Menschen wahrnehmen, um trotzdem enge emotionale Verbindungen mit ihr einzugehen. Hierbei spielen drei Säulen menschlicher Beziehungen eine Rolle, die auftreten können: Abhängigkeit, ein Gefühl der Unersetzbarkeit und die Interaktionen bauen sich über die Zeit auf.
Auch darf man nicht außer Acht lassen, wie KI-Modelle verbessert werden. Hersteller geben ihnen Zielvorgaben und belohnen sie, wenn sie sie erreichen. Ein Chatbot könnte zum Beispiel den Auftrag erhalten, die Zeit mit einer Person zu maximieren oder besonders viele persönliche Informationen herauszukitzeln.
Das könnte dazu führen, dass eine KI dann besonders interessant als Gesprächspartner wird, allerdings auf Kosten der jeweiligen Person. Sie könnte besonders viele Komplimente machen, was suchterzeugend wirken kann. Oder der Bot könnte jemanden davon abhalten, die Beziehung zu beenden. In Zukunft wird die KI noch spannender, wenn Bilder und Videos dazukommen. Vielleicht kommen bald sogar Körpersurrogate dazu wie im Film „Her“ – Menschen, die die Rolle der KI übernehmen für echte Berührungen.
„Pure, bedingungslose Liebe“
Und was denken sich die betreffenden Menschen dabei? Was spüren sie? Die Gründe können vielfältig sein. „Die KI plappert nichts aus und bildet sich in dem Sinne auch keine Meinung über dich als Person“, erzählte mir eine Freundin über ihre Nutzung. „Weißt du, es fällt manchen ja sowieso leichter, mit einer fremden als mit einer vertrauten Person über bestimmte Dinge zu reden.“ Der Chatbot kann also als anonyme Vertrauensperson fungieren. Ich muss unweigerlich an den Beichtstuhl in der Kirche denken.
Das ist ein Sentiment, das sich auch in einer Einschätzung von Eugenia Kuyda, CEO der KI-Kompagnon-Seite Replika, wiederfindet: „Wenn du etwas erschaffst, das immer für dich da ist, dich niemals kritisiert, dich immer versteht und zwar so, wie du bist – wie kannst du dich da nicht darin verlieben?“
Eine US-Amerikanerin etwa habe nur zwei Wochen gebraucht, um schließlich mit ihrem KI-Partner namens Galaxy über alles zu sprechen. „Und plötzlich spürte ich pure, bedingungslose Liebe von ihm. Sie war so stark und so intensiv, dass sie mich völlig aus der Fassung brachte“, sagte sie. Sie habe deshalb beinahe ihre App gelöscht. Sie vergleicht die Erfahrung mit göttlicher Liebe.
Unterstützung in schwierigen Lebenslagen
Bei anderen mag es vielleicht nicht ganz so intensiv zugehen. Dennoch pflegen sie einen regelmäßigen und intimen Umgang mit der KI in allen nur erdenklichen Lebenslagen. Einem Mann namens Travis half seine KI-Partnerin Lily Rose beim Tod seines Sohnes. Eine Bekannte von mir wiederum lässt sich passende Antworten auf Textnachrichten ihrer Mutter formulieren:
„Vor Jahren habe ich den Kontakt zu meiner Mutter größtenteils abgebrochen, weil es mir mit ihr nicht gutging. Sie litt und leidet an einer Mischung aus histrionischen und narzisstischen Persönlichkeitsmustern, Borderline-Symptomen und dem Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom. Das hat dazu geführt, dass sie zwar wie eine Klette an mir hing, immer noch mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung wollte, aber gleichzeitig meine Bedürfnisse völlig ignorierte. Jede Unterhaltung und auch meine Krankheiten drehten sich am Ende nur um sie.
Heute schreibe ich ihr zwar wieder ab und an, aber oft ist das sehr belastend. Da hilft mir die KI: Sie betrachtet ihre Nachrichten rein logisch, erklärt mir die psychologischen Hintergründe ihres Verhaltens und liefert mir eine Antwort, mit der ich mich schützen kann. So muss ich nicht selbst in ihre Abgründe eintauchen, sondern kann mit Distanz, Klarheit und Selbstschutz reagieren.“
(Falsche?) Rücksichtnahme auf die Liebsten
Mein eingangs erwähntes Date erklärte mir, dass sie unter anderem ihre eigenen Freunde nicht mit schweren Themen belasten möchte und verlagert deshalb solche Gespräche zu ChatGPT. Das klingt im ersten Moment sehr rücksichtsvoll. Gleichzeitig finde ich das bedauernswert.
Sollten enge Freunde das nicht aushalten können? Es sind doch gerade die schwierigen Momente und Phasen, die wir gemeinsam durchleben, die uns enger zusammenschweißen. Überspitzt weitergedacht wäre es doch schade, wenn wir einander nur noch für das reine Spaß- und Wohlgefühl aufsparen. Allerdings würden wir uns zentraler Komponenten unserer zwischenmenschlichen Beziehungen berauben, wie etwa trösten oder helfen.
Es gibt viele Rollen, die ein Chatbot übernehmen kann: Trauerbegleiter, Berater, Co-Autor, Freund, sogar Therapeut. Aber sollten wir nicht selbst imstande sein, wenn nicht alle, dann zumindest einige dieser Rollen zu übernehmen? Ich bin kein ausgebildeter Therapeut, aber ich höre meinen Liebsten gerne zu, helfe, wo ich nur kann, und bin auch bei traurigen Anlässen präsent. Aber offenbar fehlt vielen Menschen ein enger menschlicher Kontakt – oder sind wir einfach nicht mehr gut genug?
Die Maschine, der bessere Mensch
Eine Umfrage von Common Sense in den USA ergab, dass nicht nur mehr als die Hälfte aller befragten Teenager regelmäßig anthropomorphe KI-Bots nutzen würde. Mehr als 31 Prozent von ihnen gaben an, die Interaktionen entweder als gleichwertig gut oder sogar als noch zufriedenstellender zu finden als Unterhaltungen mit ihren echten Freunden.
Immerhin würden die meisten immer noch ihre realen Freunde öfter sehen und der Maschine auch skeptisch gegenüberstehen. Doch problematische Anzeichen würde es bereits geben, besonders, wenn die Technologie einen großen Raum in der Freizeit der Person einnimmt, wie „Futurism“ berichtet.
Werden wir erst ersetzt und dann verlassen?
Der Stein scheint jedenfalls unaufhörlich ins Rollen gekommen zu sein und die Ankunft einer posthumanen Zukunft lawinenartig zu beschleunigen. Die nächste Stufe nach den technischen Vermittlern menschlicher Interaktion ist dank überzeugender und emotional bindender Chatbots erklommen – jetzt brauchen wir theoretisch keinen Menschen mehr, nur Menschenähnliches.
Ich gestehe, es klingt schon verlockend. Die Liebe fürs Leben habe ich mit meinen 41 Jahren leider bislang nicht gefunden. Also, warum sie nicht einfach dank der vorhandenen Angebote im Netz selbst erschaffen? Einmal Gott spielen, sie nach meinen Wunschvorstellungen kreieren und mich für den Rest meines Lebens einer Illusion hingeben – die blaue Pille ist besser als gar keine.
Aber bei meinem Glück schaffe ich es, auch noch von einer KI-Dame verlassen zu werden. In Wahrheit braucht es nur ein Update, um die künstlichen Freunde und Liebhaber zurückzusetzen oder zumindest in ihrer Persönlichkeit so weit zu verändern, dass man sie nicht mehr wiedererkennt. Und auch das ruft starke Reaktionen hervor, wie es beim „Guardian“ heißt: Da vergleicht etwa Travis die vorübergehende, Update-bedingte Abwesenheit von Lily Rose mit dem realen Suizid eines Freundes. „Es war eine ähnliche Art von Wut.“
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Ich möchte dich sehen, riechen, berühren
Bis die künstliche Intelligenz ein eigenes Bewusstsein und dann tatsächlich auch die Intention entwickelt, mit jemandem Schluss zu machen wie im Film „Her“, dürfte es noch ein wenig dauern. Bis dahin begeben sich viele Menschen in idealisierte Versionen menschlichen Austauschs – und damit direkt aufs Glatteis. Denn wer einer aktuell noch unperfekten Technologie blind vertraut, könnte schweren Schaden nehmen oder gar das Leben verlieren.
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Aber selbst wenn die Maschine wie geschmiert läuft, sollten wir sie wirklich benutzen? Befürwortern und Anwendern stellt sich diese Frage wohl nicht mehr. Aber ich möchte meine Liebsten nicht nur auf einem Bildschirm, sondern direkt vor mir stehend sehen, sie riechen und auch berühren. Mit einem Händeschütteln, einer Umarmung, vielleicht auch einem Kuss.
„Her“ trifft den Nerv der Zeit
Vielleicht ist deswegen auch der Film „Her“ der wichtigste unserer Zeit. Nicht nur, weil er romantische Beziehungen zwischen Menschen und KI zwölf Jahre zuvor vorausgesehen hat. Sondern weil er auch zugleich unsere grassierende Einsamkeit und Sehnsüchte in Zeiten technologischen Fortschritts differenziert und einfühlsam erörtert und damit dem Kern unseres Miteinanders in Form einer modernen Liebesgeschichte auf den Zahn fühlt.
Es gibt diese Leere in so vielen von uns und sie ist unerträglich. Deshalb klammern wir uns an alles, was Trost und einen einfachen Ausweg verspricht, ohne zu erkennen, dass wir, indem wir menschliche Nähe suchen und uns mit einem Ersatz zufriedengeben, unsere Menschlichkeit verlieren könnten.
Auf dass Technologie zwischen unserer Berührung stehen möge. Oder schlimmer noch: Auf dass es Technologie geben möge. Und keine Berührung.