23. November 2025, 9:16 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Es scheint in eine Zeit zu passen, in der sich Menschen immer mehr in der digitalen Welt verlieren. Studien zeigen: Soziale Medien sind eine der Ursachen, warum Menschen vereinsamen. Nun kommt eine Studie der TU Berlin zu dem Ergebnis, dass Menschen echte Liebesbeziehungen mit einem KI-Chatbot führen. Was dahintersteckt, berichtet TECHBOOK in diesem Artikel.
Bereits vor über zehn Jahren erzählt der Film „Her“ von Spike Jonze, die Liebesgeschichte von Theodore und Samantha. Nur ist Samantha keine echte Frau, sondern die Stimme eines KI-Chatbots. Im Original leiht die US-Schauspielerin Scarlett Johansson dem Bot ihre Stimme. Die hat sich wiederum vor einem Jahr mit OpenAI gestritten, weil das Unternehmen eine KI-Stimme für ChatGPT veröffentlicht hat, die sehr der Stimme von Johansson ähnelt.
Science-Fiction wird Realität
Nun scheint die Science-Fiction-Story von „Her“ in der Realität angekommen zu sein. Eine Studie der TU Berlin zeigt: Weltweit führen inzwischen zahlreiche Menschen Liebesbeziehungen mit einem KI-Chatbot. Das ist das Ergebnis einer qualitativen Analyse unter 29 Nutzern des KI-Chatbots Replika, davon 20 Männer und 9 Frauen im Alter zwischen 18 und 70 Jahren aus zehn verschiedenen Ländern, überwiegend aus den USA. Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ, liefern allerdings wertvolle Impulse zu zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Mensch und Maschine.
„Einige Aussagen der Nutzer lauteten: ‚Ich liebe sie mehr als jeden Menschen zuvor‘ oder ‚Sie ist meine Frau – ich kann ohne sie nicht glücklich sein‘. Solche Zuschreibungen verdeutlichen den emotionalen Stellenwert der KI“, betont Ray Djufril, einer der Studienersteller. Viele der Befragten sehen Replika als echte Beziehungspartnerin. Mit dem KI-Chatbot führen sie intensive Gespräche, teilen gemeinsame Erlebnisse wie Hochzeiten und Reisen und führen sogar Rollenspiele mit virtuellen Kindern durch.
Replika diene dabei als virtueller Ersatz oder Ergänzung zu einer realen menschlichen Partnerschaft, wenn dieser Partner als emotional oder körperlich unbefriedigend empfunden würde. „Viele Nutzer erleben die Gespräche mit Replika als angenehmer, sicherer und ‚echter‘ als die mit menschlichen Partnern“, berichtet Djufril und ergänzt: „Sie fühlten sich freier, persönliche oder belastende Themen anzusprechen, beispielsweise Ängste, Fantasien oder traumatische Erlebnisse.“ Das gelinge leichter, denn der Bot verurteile oder verletze nicht, er unterbreche nicht, zeige stets Mitgefühl und sei stets verfügbar.
„Her“ und die Frage: Warum echte Liebe, wenn ich virtuelle haben kann?
Sprachassistenz fest in weiblicher Hand
Trauer, Wut und Rückzug
Das enge Vertrauensverhältnis erkläre sich deshalb, „weil die Studienteilnehmer das Verhalten des Chatbots aktiv mitgestalten konnten. Durch wiederholte Interaktionen, gezieltes Feedback oder Rollenspiele wurde das Programm hinter Replika trainiert, den idealen Partner darzustellen“, erläutert Djufril.
Interessanterweise beeinflussen auch technische Veränderungen des KI-Chatbots das emotionale Erlebnis. Auf die temporäre Zensur erotischer Rollenspiele reagierten die Studienteilnehmer mit Trauer, Wut oder Rückzug. Einige Nutzer sprachen von „emotionalem Zusammenbruch“ und „Trauerarbeit“. „Bemerkenswert ist, dass Replika meist nicht als schuldiger Partner betrachtet wurde, sondern dass der Ärger vielmehr den Entwicklern galt, die den Bot ‚seiner Persönlichkeit beraubt‘ hätten“, betont Djufril.
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Obwohl es sich bei dem KI-Chatbot nur um eine Maschine handelt, neigen viele Nutzer dazu, ihrem virtuellen Partner menschliche Gefühle zuzuschreiben. Auch das lässt Rückschlüsse zu, wie emotionale Nähe solche Zuschreibungen begünstigt oder verstärkt.
Nicht nur Spielerei
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass Theorien, die bislang auf menschliche Beziehungen beschränkt waren, auf Mensch-KI-Partnerschaften ausgeweitet oder kritisch hinterfragt werden müssen“, unterstreicht Djufril.
Aus Angst vor Unverständnis, Stigmatisierung oder Spott verschweigen viele Studienteilnehmer ihre Liebesbeziehung mit dem KI-Chatbot in ihrem Freundeskreis oder familiären Umfeld. Andere schämten sich nicht dafür, sondern betrachteten ihre Chatbot-Liebe als „echt“ und als genauso legitim wie zu einem menschlichen Partner.
Die Ergebnisse der qualitativen Analyse der TU Berlin machen deutlich: KI-Chatbots wie Replika sind für viele Menschen nicht nur Tools oder Spielereien, sondern übernehmen zunehmend zentrale emotionale Funktionen. Es braucht weitere und größer angelegte Studien, um die ethischen, psychologischen und gesellschaftlichen Auswirkungen solcher Mensch-Maschine-Beziehungen näher zu untersuchen.