8. März 2026, 16:34 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Keine Frage, technisch ist es längst überholt: ein Gerät, das nichts anderes kann, als Musik abzuspielen. Dafür kann man heute problemlos auch das Smartphone nutzen. Und nicht trotzdem, sondern gerade deshalb erlebt der iPod ein überraschendes Comeback. Darauf deuten steigende Suchanfragen hin, die zuletzt in den Medien aufgegriffen wurden. Die Gründe für diese Entwicklung sagen viel über unseren Umgang mit Musik und multifunktionalen Geräten aus.
Das Interesse an dedizierten Musikgeräten wächst wieder. Laut Daten des US-Medienunternehmens Axios, die auf dem Nutzerverhalten bei Ebay basieren, wurden im Jahr 2025 verschiedene iPod-Modelle deutlich häufiger gesucht als im Jahr zuvor. Das macht sich inzwischen auch in Form steigender Preise für gebrauchte Modelle der ikonischen Medienabspielgeräte bemerkbar. Die Kollegen von COMPUTER BILD gehen näher auf diese ökonomisch-technische Perspektive ein. Hinter der Entwicklung steckt sicherlich eine große Portion Nostalgie, die man in diesem Fall ein wenig einordnen sollte. Insgesamt ist es noch deutlich komplexer.
Die kulturellen Gründe für das iPod-Comeback
Apple hat die Produktion des iPods im Jahr 2022 endgültig eingestellt. Eigentlich eine logische Entscheidung: Kaum jemand scheint heute noch ein Gerät zu benötigen, das ausschließlich Musik abspielt. Schließlich übernimmt das Smartphone diese Funktion längst – neben zahllosen anderen. Doch gerade diese Multifunktionalität ist in gewisser Weise ein zweischneidiges Schwert. Dass iPods wieder genutzt werden, scheint eine direkte Reaktion auf die digitale Überreizung zu sein.
Nutzt Du Spotifiy oder eine andere Musik-Streaming-Plattform auf dem Smartphone? Dann ist Dir der Komfort der modernen Dienste sicher bekannt. Ein Klick genügt, und der Algorithmus schlägt unendlich neue Songs vor. Das ist praktisch, wenn man sich nebenbei berieseln lassen möchte. Auf der anderen Seite können ständige algorithmische Vorschläge auch überfordernd sein.
„Es ist keine Kunst mehr, es verliert seine Seele“ – so zitiert die Kreativenplattform „Dazed Digital“ eine junge Nutzerin in diesem Zusammenhang. Sie ist eine von vielen, die sich wieder mehr Kontrolle über ihr Musikerlebnis wünschen. Nicht zuletzt dürfte auch, wer noch mit CDs aufgewachsen ist, den Wunsch nachempfinden können, Musik wieder „zu besitzen“. Der angestaubte iPod kann zwar nicht viel – dieses Gefühl vermittelt er jedoch deutlich eher als multifunktionale Geräte.
In diesem Beitrag erklären unsere Tech-Redakteure, welche „alte“ Technik sie bis heute nutzen – und welche Rolle dabei speziell der iPod nano noch spielen kann.
Symptom des neuen „friction-maxxing“-Trends
Auf dem iPod müssen Nutzer Songs bewusst auswählen, organisieren und manuell auf das Gerät übertragen. Was aus heutiger Sicht zunächst unnötig mühsam wirkt, liegt paradoxerweise gerade deshalb im Trend. Trendforscher sprechen in diesem Zusammenhang von „friction-maxxing“, wie etwa beim Wirtschaftsmagazin „Forbes“ erläutert wird. Der Begriff lässt sich als „Reibungsmaximierung“ übersetzen und beschreibt die bewusste Rückkehr zu mehr Aufwand bei der Nutzung von Technik – in der Annahme, dass umständlichere Handlungen Zufriedenheit und Autonomie steigern können.
Friction-maxxing richtet sich damit explizit gegen eine auf maximale Bequemlichkeit ausgelegte Digitalkultur. Am Beispiel des iPods führt das zu einer veränderten Musikerfahrung: Musik wird seltener zum beiläufigen Hintergrund, Entscheidungen werden bewusster getroffen. Das gesamte Hörverhalten verändert sich. Es wird aufmerksamkeits- und kontrollorientierter.
Ich kann den Trend des friction-maxxing gut nachempfinden
„Vor ein paar Jahren gab mein Smartphone plötzlich den Geist auf. Übergangsweise musste ich auf ein uraltes Ersatzgerät zurückgreifen: langsam, mit schwachem Akku, bei dem man den Ladestand förmlich herunterzählen konnte. Paradoxerweise mochte ich das. Apps nutzte ich nur noch, wenn es wirklich nötig war, und auch Telefonate beschränkten sich auf das Wesentliche. Ständig musste ich das Gerät zwischendurch wieder ans Ladekabel hängen. Genau diese kleinen Hürden sorgten dafür, dass ich bewusster mit meiner Nutzung umging. Im Nachhinein betrachtet war das wohl meine persönliche Erfahrung mit ‚friction-maxxing‘: weniger Komfort, aber mehr Kontrolle über die eigene Aufmerksamkeit.“
Diese alte Technik feiert aktuell ein Revival
Retro-Produkte sind jetzt absolut im Trend
iPod als „ablenkungsfreien MP3-Player“
Das dürften die meisten kennen, die schon mal Musik auf dem iPhone gehört haben. Ein Lieblingssong läuft, man freut sich bereits auf den gleich beginnenden besten Teil – und plötzlich bricht die Musik ab, ein Anruf kommt rein. Ärgerlich! Vielleicht hast Du deshalb sogar schon mal den Flugmodus aktiviert, um das Musikerlebnis nicht zu unterbrechen. Aber dauerhaft offline zu sein, ist natürlich keine Lösung.
Hier setzt der iPod an: ein „ablenkungsfreier MP3-Player“, wie Nutzer auf Reddit schreiben, der in einer Welt ständiger Benachrichtigungen umso attraktiver wird. Auch in einer anderen Diskussion auf Reddit betont eine Person, dass sie ihren iPod gerade deshalb liebt, weil er ausschließlich für Musik gedacht sei. Sie müsse sich weder um Streaming, Verbindungen oder Werbung Gedanken machen, sondern greife einfach auf eine eigene Musiksammlung zu. Auch die physischen Tasten werden gelobt – sie ermöglichen demnach eine direktere, weniger ablenkende Bedienung als Touchscreens. Mit Nostalgie habe das nichts zu tun – zur Blütezeit des iPods sei die Person selbst noch zu jung gewesen. Doch was sie offenbar nicht ahnt: Das heißt nichts.
Nostalgie-Produkt – auch ohne eigene Erinnerung
An der Stelle also zurück zur oben bereits erwähnten Nostalgie. Bemerkenswerterweise wird das Comeback vor allem von jungen Menschen getragen, die die Hochphase des iPods selbst gar nicht erlebt haben. Eine Nostalgie ist es insofern nicht im Hinblick auf persönliche Erinnerungen, sondern auf eine vorgestellte Vergangenheit. Die Anhänger betrachten sie als eine weniger überladene Zeit, verglichen mit heute. Geräte von damals, in diesem Fall der iPod, werden zum „Artefakt“ einer womöglich einfacheren digitalen Ordnung. Musik ist darauf eine Sammlung, kein endloser und dabei nicht greifbarer Stream.
Solche „aspirativen Nostalgien” für Ästhetiken der 1990er- und 2000er-Jahre sind typisch für die Generation Z, wie die Kollegen von BILD hier ausführlicher erklären.