25. Oktober 2025, 17:17 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Die verstörenden Menschenlampen von Ed Gein brennen nach der dritten Staffel der Netflix-Serie „Monster“ noch auf den Augäpfeln, nun soll ihr Licht in der 4. Staffel auf eine Frau fallen, deren Name bis heute in den Wänden eines Hauses in Fall River, Massachusetts, widerhallt: Lizzie Borden.
Was wir über „Monster: Lizzie Borden“ wissen
Sie war Tochter, Erbin, Außenseiterin – und vielleicht Mörderin. Zweiunddreißig Axtschläge, zwei Leichen, ein Prozess, der das prüde Amerika des 19. Jahrhunderts erschütterte. Laut der Ankündigung am Ende der dritten Staffel ist das nächste „Monster“ ein weiterer Griff in die blutige Chronik der Realität, um das Grauen hinter der Fassade zu sezieren. Diesmal mit Spitzenkragen, viktorianischem Staub und einem Hauch Parfüm, das nach Eisen riecht.
Ryan Murphy und Ian Brennan bleiben sich treu: „Ihr habt Ed Gein getroffen, jetzt trefft ihr Lizzie Borden“ heißt es auf dem Instagram-Account von Netflix. Nach dem verstörenden Psychogramm des Plainfield Butchers folgt nun die vielleicht komplexeste Figur der Serie. „Monster: Lizzie Borden“ ist derzeit in Los Angeles in Produktion – mit Ella Beatty in der Hauptrolle als eine der berüchtigtsten Frauen der amerikanischen Geschichte.
An ihrer Seite stehen Charlie Hunnam, diesmal nicht als filletierender Triebtäter, sondern als Andrew Borden, Lizzies Vater und potenzielles Opfer. Außerdem bestätigt sind Vicky Krieps, Rebecca Hall, Billie Lourd und Jessica Barden.
Ryan Murphy hat schon Serienmörder zu Popikonen gemacht, doch Lizzie wird ein anderer Dämon: leiser, klüger, gefährlicher. Kein Mann im Keller mit Messern, sondern eine Frau im adretten Kleid, die sich durch die Gesellschaft teilte wie eine chirurgische Klinge. Zwischen Pflicht und Rebellion, Wahnsinn und Freiheit – „Monster: Lizzie Borden“ will die Frage stellen, die Amerika seit 1892 nicht loslässt: Was passiert, wenn eine Frau das Monster spielt, das die Welt ihr in die Haut geschrieben hat?
Die wahre Lizzie Borden – Mythos, Macht und Misogynie
Am Morgen des 4. August 1892 fand man Andrew und Abby Borden, Lizzies Vater und Stiefmutter, erschlagen in ihrem Haus. Die Tatwaffe: eine Axt. Der Verdacht: die Tochter selbst. Doch der Fall war nie eindeutig. Keine Blutspuren, keine Zeugen, keine Geständnisse. Nur Indizien, Gerüchte, ein Kleid voller Blut – und das moralische Entsetzen einer Gesellschaft, die Frauen für vieles, aber nicht für Mörderinnen hielt.
Lizzie Borden wurde verhaftet, angeklagt, durch die Presse zum Monster stilisiert – und dann: freigesprochen. Im Zeugenstand trug sie ein reines, weißes Kleid, ein blasses Gesicht, keinen Tropfen Blut. Die Jury konnte, wollte oder durfte nicht glauben, dass eine Frau zu solch brutaler Tat fähig war. Ihr Freispruch war kein Triumph, sondern eine Paradoxie: Lizzie erhielt den Richtspruch „unschuldig“, wurde nie wieder unschuldig gesehen.
Sie lebte den Rest ihres Lebens im selben Ort – wohlhabend, gemieden, gefürchtet. Das Urteil beendete den Prozess, nicht den Verdacht. So wurde sie zum Spiegel des amerikanischen Albtraums: eine Frau, die nicht lächelte, nicht bereute, nicht in Ohnmacht fiel. Das allein machte sie verdächtig. Ihr Prozess war weniger ein juristischer als ein moralischer – eine öffentliche Sezierung von Weiblichkeit, Wut und gesellschaftlicher Enge.
Das Monster als Spiegel der Frauenrolle
Lizzie Borden ist also kein Serienmörder nach männlichem Muster. Sie tötet – wenn sie es denn überhaupt tat – nicht aus Lust, Macht oder Sadismus, sondern aus der klaustrophobischen Logik eines Lebens ohne Ausweg. Das viktorianische Heim war ihr Gefängnis, die Vaterfigur ihr Wächter, das Schweigen ihre einzige Waffe. In dieser Lesart wird „Monster: Lizzie Borden“ zur Geschichte einer Frau, die sich gegen ein System richtet, das sie zum Engel im Haus machen wollte – und sie dafür zur Hölle verdammte.
Murphys Serienuniversum hat schon immer an der Schnittstelle von Gewalt und Gesellschaft operiert. Nach Dahmer, den Menendez-Brüdern und Gein kommt nun also die Dekonstruktion der weiblichen Täterschaft. Hoffentlich nicht als das dämonische Weib, sondern das Ergebnis eines patriarchalen Käfigs. Die Serie könnte – wenn sie es klug macht – das „Monster“ in Anführungszeichen setzen und die Frage stellen: Wer ist hier wirklich das Monster – die Frau mit der vermeintlichen Axt oder das System, das sie dazu machte?
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Vorherige Adaptionen: Von Horror bis Popfeminismus
Lizzie Borden hat die amerikanische Kultur nie losgelassen. 1975 verfilmte „The Legend of Lizzie Borden“ mit Elizabeth Montgomery (ironischerweise bekannt aus der Sitcom „Verliebt in eine Hexe“) den Fall – mit suggestiver Erotik und viktorianischem Kammerspielton.
2014 griff „Lizzie Borden Took an Ax“ mit Christina Ricci den Mythos wieder auf – als poppiges Crime-Reenactment mit beinahe Gothic-Fetischisierung. Gefolgt von der Serie „The Lizzie Borden Chronicles“, in der Ricci die Axt erneut in die Hand nahm und wie ein Symbol weiblicher Selbstermächtigung führte.
Ausblick: Was Staffel 4 von „Monster“ daraus machen könnte
Jede Generation macht aus Lizzie, was sie braucht:
- In den 1970ern war sie Sinnbild weiblicher Hysterie.
- In den 2010ern: feministische Antiheldin mit Rebellion im Blick.
- Und mit „Monster“ Staffel 4? Vielleicht wird sie endlich ambivalent erzählt – nicht als Täterin oder Opfer, sondern als Mensch im Übergang zwischen Restriktion und Revolte.
Ryan Murphy liebt es, Amerika durch seine Monster zu verstehen – und diesmal liegt der Horror nicht in der Häutung, sondern in der Haut selbst. Wenn „Monster: Lizzie Borden“ funktioniert, wird sie keine blutige Serie über Mord, sondern ein makabrer Tanz über Identität, Macht und die Grenze zwischen Wut und Wahnsinn. Wahrlich episch wäre es gewesen, wenn Christina Ricci nun zum dritten Mal die Axt geschwungen hätte.

