26. Juli 2025, 16:22 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Knapp acht Jahre und 177 Folgen lang hat sich Gregory House, besser bekannt als „Dr. House“, mit den außergewöhnlichsten Krankheiten seiner Patienten auseinandergesetzt. Nun ist der fiktive TV-Charakter zum Dreh- und Angelpunkt einer wissenschaftlichen Untersuchung geworden. Ein Team um Denis Čerimagić, Neurologe und Assistenzprofessor an der Poliklinik Dubrovnik, hat sich intensiv mit der beliebten TV-Serie beschäftigt. Was der Arzt und sein Team herausgefunden haben, hat er TECHBOOK berichtet.
Die Idee für die Untersuchung kommt Denis Čerimagić, weil er und seine Kollegen regelmäßig über die Fälle des „Dr. House“ gefachsimpelt haben. Das Interesse an der TV-Serie ist seit der Erstausstrahlung in den Jahren 2004 bis 2012 gerade bei Medizinstudenten besonders hoch. In Deutschland gab es sogar eine Zeit lang Seminare mit dem Titel „Dr. House Revisited – oder: Hätten wir den Patienten in Marburg auch gerettet?“
„Es macht jeden Studenten stolz, wenn man im Kreise der Familie die Serie schaut und die Diagnose schon vor ‚Dr. House‘ stellen kann“, erklärt Denis Čerimagić die Faszination für die TV-Serie gerade oder auch in medizinischen Kreisen.
Aus Fehlern von „Dr. House“lernen
Selbstverständlich strotzt die Serie vor Fehlern. In jeder Folge passieren Dinge, die hoffentlich in der Realität niemals so ablaufen würden. Beispielsweise erledigt jede Person aus dem Ärzteteam auch fachgebietsfremde Aufgaben. „Ich und mein Team haben den Fokus auf neurologische Themen gerichtet“, erklärt der Mediziner. „Die Ergebnisse unserer Untersuchung können daher niemals abschließend sein, weil Ärzte aus anderen Fachgebieten vermutlich noch sehr viel mehr Fehler entdecken würden als wir Neurologen.“
Der Eid des Hippokrates dient als Grundlage für das, was heute als „medizinische Professionalität” bekannt ist, also Vertraulichkeit, Verantwortlichkeit und selbstloses Handeln. „Wir können sicher sein, dass Hippokrates das unkonventionelle Verhalten des fiktiven ‚Dr. House‘ nicht gutgeheißen hätte, ungeachtet seiner diagnostischen Brillanz“, betont Denis Čerimagić augenzwinkernd.
Serien als Ausbildungsmaterial
Dennoch können praktizierende Ärzte und vor allem angehende Mediziner etwas von den Methoden des „Dr. House“ lernen. Dazu gehört aus Sicht von Denis Čerimagić zunächst die Erinnerung an den Enthusiasmus und Idealismus beim Ablegen des hippokratischen Eids. Denn diese beiden Tugenden zeichnen „Dr. House“ besonders aus, obwohl der TV-Arzt den Beginn seiner medizinischen Laufbahn schon lange hinter sich gelassen hat.
Außerdem setzt die medizinische Ausbildung seit der COVID-19-Pandemie vermehrt auf virtuellen Unterricht und Online-Lernmethoden. In diesem Zusammenhang können auch fiktive TV-Serien aufschlussreich sein. „Hier setzt sich zunehmend die Meinung durch, dass diese Serien für die Ausbildung in Bezug auf gezielte Anamnese, klinische Untersuchung und die Anwendung der Grundsätze der medizinischen Ethik und Professionalität nützlich sein können.“
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Seltene medizinische Phänomene
Häufig dienen einzelne Folgen als Anschauungsmaterial, wie es am besten nicht laufen sollte. Aber nicht nur. Weil es bei „Dr. House“ in der Regel um äußerst seltene medizinische Phänomene geht, lassen sich aus der Serie vor allem für die Diagnostik ungewöhnliche Ansätze ableiten. Zum Beispiel geht es in der siebten Staffel in Folge 11 um eine seltene Kobalt- und Chromvergiftung, hervorgerufen durch eine Hüftprothese.
In Staffel 5, ebenfalls Folge 11, dreht sich alles um das „Beccaria-Zeichen“. „Da uns dieser Name bis dahin unbekannt war, beschlossen wir zu überprüfen, ob er eine medizinische Grundlage hat“, berichtet Denis Čerimagić. „Nach umfangreichen Recherchen stellten wir fest, dass dieses Symptom dem Auftreten von pulsierenden Kopfschmerzen bei Schwangeren im Hinterkopf mit Schwindel und Schläfrigkeit entspricht.“
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Das wiederum zeigt, auch wenn „Dr. House“ zunächst das Bedürfnis nach Unterhaltung befriedigt, die Drehbuchautoren haben sich beim Schreiben der Folgen sehr viel Mühe gegeben. Mit dem „Beccaria-Zeichen“ haben sie ein längst vergessenes medizinisches Phänomen in Erinnerung gerufen.
Fokus auf medizinische Fehler und Teamarbeit
Was die Serie vermittelt und sie deswegen auch für die medizinische Ausbildung lehrreich macht: „Der Weg zur endgültigen Diagnose ist oft kompliziert. Es braucht Zeit, um alle Teile des klinischen Mosaiks zusammenzufügen“, betont Denis Čerimagić. Medizinische Fehler seien Teil der klinischen Praxis, ergänzt der Neurologe. „Wenn ‚Dr. House‘ für die Ausbildung von Medizinern verwendet wird, sollte ein Schwerpunkt auf dem Erkennen von medizinischen Fehlern und Unlogik liegen. Ein anderer sollte sich mit der Teamarbeit unter Ärzten und dem fachübergreifenden Ansatz bei Diagnose und Behandlung beschäftigen.“
Einen warnenden Hinweis für die Zuschauer von TV-Serien wie „Dr. House“, die also im Krankenhausumfeld spielen, möchte Denis Čerimagić nicht unerwähnt lassen. „Obwohl solche Serien in erster Linie der Unterhaltung dienen, kann ihr teilweise fiktionaler Inhalt dazu führen, dass Zuschauer und damit potenzielle Patienten unrealistische Erwartungen an Gesundheitsdienstleistungen haben.“
Auch hier können Ärzte von „Dr. House“ lernen, wie es in der Patientenansprache nicht laufen sollte. Mehr Empathie und weniger Zynismus und eine klare Kommunikation, was medizinisch möglich ist und was nicht, sollten stets die Devise sein.