10. September 2026, 16:50 Uhr |
Lesezeit: 3 Minuten
Synchronisationen für Film und Fernsehen erleichtern das Verständnis der Geschichten ungemein und sind etwa in Deutschland zum Glück auf einem sehr hohen Niveau. Trotzdem bleibt ein Detail, das sich bislang kaum vermeiden ließ: Die Lippenbewegungen auf dem Bildschirm passen oft nicht mit dem auf der Tonspur Gesprochenen zusammen.
An diesem Punkt möchte Amazon Prime jetzt ansetzen. Mithilfe von KI will der Streaming-Dienst künftig Mundbewegungen nachträglich an fremdsprachige Synchronfassungen anpassen. Statt lediglich die Sprache auf der Tonspur zu übersetzen, soll damit auch das Bild besser zur gewählten Sprache passen.
Synchronfassungen sollen natürlicher werden
Viele KI-Projekte der vergangenen Jahre konzentrierten sich auf Stimmen. Gespräche sollten automatisch übersetzt oder sogar komplett neue Sprachfassungen erzeugt werden. Prime geht zusätzlich einen etwas anderen Weg. Die eigentliche Synchronisation bleibt weiterhin menschliche Arbeit.
Erst anschließend greift die KI ein und verändert das Videobild. Für Zuschauer soll dadurch der Eindruck entstehen, dass die Darsteller die übersetzten Sätze tatsächlich selbst sprechen. Die Technik soll möglichst unsichtbar bleiben. So soll weniger Aufmerksamkeit auf die Übersetzung selbst und mehr auf die Geschichte gelenkt werden.
Vor allem für internationale Plattformen wird die Lokalisierung immer wichtiger. Erfolgreiche Serien entstehen längst nicht mehr nur in Hollywood. Produktionen aus Deutschland, Südkorea, Spanien oder Frankreich werden regelmäßig auch weltweit veröffentlicht.
Je größer internationale Zuschauergruppen werden, desto wichtiger wird die Frage, wie Inhalte in anderen Sprachen präsentiert werden. Automatische Untertitel waren ein erster Schritt. KI-gestützte Anpassungen von Gesichts- und Lippenbewegungen könnten also jetzt der nächste werden.
Deutsche Serie als Versuchskaninchen
Den Anfang soll die deutsche Prime-Video-Produktion „Maxton Hall“ machen. Dort kommt die Technik zunächst für die englische Sprachfassung zum Einsatz. Die überarbeitete Version der ersten beiden Staffeln steht bereits seit dem 9. September zur Verfügung. Auch die dritte und zugleich letzte Staffel soll die Technik nutzen, wenn sie am 9. Dezember bei Prime Video erscheint.
Die Wahl kommt dabei nicht von ungefähr. Nach eigenen Angaben handelt es sich dabei um die bislang erfolgreichste internationale Eigenproduktion von Prime Video. Die Serie erzählt die Liebesgeschichte der Schüler Ruby und James an einem britischen Elite-Internat und basiert auf den Romanen von Bestsellerautorin Mona Kasten.
Weitere Titel sollen folgen, konkrete Titel hat Amazon allerdings noch nicht genannt.
Charlotte Ziesing
KI löst vielleicht das falsche Problem
„Auf dem Papier klingt die Idee überzeugend: Wenn Lippenbewegungen und gesprochener Text besser zusammenpassen, müssten Synchronfassungen automatisch natürlicher wirken. Doch ob Zuschauer das tatsächlich als Verbesserung wahrnehmen, weiß ich ja nicht.
Beschwerden über Synchronisationen betreffen eher seltener die unpassenden Mundbewegungen. Für mich etwa sind für die Qualität einer Synchronisation eher die Sprecherleistungen oder eine gelungene Übersetzung wichtiger.
Hinzu kommt auch noch ein gewisses Risiko: Je stärker KI in Gesichter eingreift, desto genauer schauen Zuschauer hin. Wirkt die Bearbeitung auch nur leicht künstlich, könnte sie mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen als die klassischen ‚Unstimmigkeiten‘, die sie eigentlich beseitigen soll.
Am Ende könnte Amazons größte Herausforderung deshalb nicht die Technik selbst sein. Die KI muss unauffällig arbeiten. Niemand darf über sie nachdenken. Sobald man bemerkt, dass ein Gesicht digital verändert wurde, droht der gegenteilige Effekt. Statt mehr Immersion entsteht dann neue Irritation. Ich bin gespannt.“
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