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Entwicklung der Streaming-Dienste

Wird Disney+ bald erfolgreicher als Netflix?

Netflix vs Disney+
Disney+ setzt Netflix zusehends unter DruckFoto: Getty Images

Langsam, aber sicher scheint Disney, die einstige Schmiede für kindgerechte Unterhaltung, mit seinem Streaming-Dienst dem bisherigen Platzhirsch Netflix auf den Pelz zu rücken.

Als Disney+ im März 2020 in Deutschland gestartet ist, hätte niemand gedacht, dass der neue Streaming-Dienst Netflix in nur zwei Jahren mächtig unter Druck setzen wird. Der Grund: Aufgrund neuer Lizenzvereinbarungen und Inhaberschafften zog Disney+ zahlreiche Inhalte von Netflix ab und bietet sie nun selbst an. Netflix wiederum konnte den Verlust der Serien und Filme aufgrund der Corona-Pandemie nicht so schnell mit eignen Produktionen kompensieren. Während Netflix also gute Inhalte verloren hat, hat Disney+ sein Angebot aufgestockt. Doch was ist das Erfolgsgeheimnis des Micky-Maus-Konzerns?

Netflix vs. Disney+: Streaming-Marktführer gegen Mediengigant

Wer mit The Walt Disney Company (WDC) nicht viel mehr als Micky Maus, „König der Löwen“ und vielleicht in der jüngeren Vergangenheit noch das Marvel-Universum assoziiert, der dürfte die ganze Bedeutung dieses Medien-Riesen wohl nicht einmal zur Hälfte erfasst haben. Tatsächlich aber ist WDC heute ein Geflecht beinahe unzähliger Konzerntöchter. Ob große US-TV-Sender wie ABC, Film-Studios wie Lucasfilm, Verlage wie Marvel oder die Disneyland-Freizeitparks und Kreuzfahrtunternehmen Disney Cruise Line – wo Medien drauf steht, ist Disney heute drin.

Selbst vor einem anderen Medienriesen, 21st Century Fox, machte man 2019 nicht Halt. Disney erwarb 21st Century Fox und damit nicht nur das altehrwürdige Hollywood-Studio Twentieth Century Fox, sondern zum Beispiel auch diverse Kabel-Sender sowie das internationale Fernsehgeschäft der Fox. Kein Wunder also, dass Disney mit einem Umsatz von über 78 Milliarden US-Dollar (2020) zu den fünf größten Medienkonzern der Welt gehört. Bei Forbes Global 2000, einer vom renommierten Forbes Magazine (jährlich) herausgegebenen Liste der 2000 größten börsennotierten Unternehmen weltweit, rangiert Disney auf Platz 36.

Dass dieser Gigant angesichts des weltweiten Erfolges von Netflix das Streaming-Geschäft irgendwann auch für sich entdecken würde, war nur eine Frage der Zeit. So betrat mit der eigens gegründeten Konzerntochter Disney+ im November 2019 ein weiterer potenter Player das Spielfeld. Und nur knapp vier Monate später, im März 2020, startete Disney+ auch in Deutschland. Man darf wohl annehmen, dass Netflix seitdem immer häufiger einen argwöhnischen Blick auf den bärenstarken Herausforderer Disney+ wirft. Und die Sorge ist auch berechtigt.

Börse reagiert

Gerade erst hat die „Süddeutsche Zeitung“ dem Marktführer angesichts der prognostizierten, enttäushenden Zahlen für das erste Quartal 2022 „ein zu langsames Wachstum“ attestiert. Das sei „die große Schwäche“ von Netflix. Nur 2,5 Millionen neue Abonnenten statt der erwarteten 6,9 Millionen sind für Anleger bereits ein deutliches Zeichen dieser Schwäche. Was dazu führte, dass der Börsenkurs von Netflix vor zwei Wochen zwischenzeitlich um 25 Prozent einbrach.

Sie möchten wissen, welche Neuheiten die beiden Streaming-Dienste aktuell zu bieten haben? Hier finden Sie die neuen Serien und Filme bei Netflix und Disney+.

Disney+ auf Shoppingtour

Angesichts von insgesamt 222 Millionen Netflix-Abonnenten weltweit – Disney+ hat „nur“ 118 Millionen –, könnte man das noch als Jammern auf hohem Niveau abtun. Das Problem ist aber, dass Disney+ im Gegensatz zu Netflix in den kommenden Jahren wohl immer noch zulegen können wird. So wusste die „SZ“ in der vergangenen Woche von einem Telefon-Junket einiger Journalisten mit Bob Chapek zu berichten. Bei diesem hat der Disney-Geschäftsführer angekündigt, Disney+ werde ab Sommer 2022 in 42 weiteren Ländern verfügbar sein. Bis 2023 wolle man sich sogar auf dann 160 Länder steigern. Und Chapek wusste sogar noch mehr Salz in die Wunden des Konkurrenten zu streuen. „Beim letzten Investor Day hatten wir verkündet, bis 2024 die Ausgaben für Inhalte auf etwa acht, neun Milliarden Dollar pro Quartal zu erhöhen.“ Diese Investitionen werde man nun noch stärker erhöhen, mit dem Fokus auf regionale sowie lokale Produktionen, so der Chef des Medienkonzerns.

Eine Nachricht zur Unzeit, die den Netflix-Kurs um noch einmal weitere fünf Prozent nachgeben ließ.

Dass sich daran nun auf absehbare Zeit etwas ändern könnte – Disney+ holt auf, Netflix stagniert oder verliert sogar, wenn auch noch auf hohem Niveau –, dafür gibt es kaum Anzeichen. Im Gegenteil: Man wolle den Output an Inhalten in den kommenden Jahren verdoppeln, ließ Chapek noch wissen. Dass das mehr als leere Worte sind, kann sich jeder denken, der die Einkaufspolitik der WDC in den vergangenen Jahren einmal Revue passieren lässt. Ob Lucas-Film und damit alles rund ums „Stars Was“-Universum, ob Marvel und seine Superhelden oder das schon erwähnte 21st Century Fox – wer angesichts dieses Shopping-Kreuzzuges noch glaubt, Disney habe nur Zeichentrick à la „König der Löwen“ zu bieten, dem ist nicht mehr zu helfen.

Disney+ punktet beim Preis

Tatsächlich kann Disney+ jetzt und in Zukunft aus dem Vollen schöpfen. Bereits heute hat man Serien-Klassiker wie „24“, „Akte X“, „Desperate Housewives“, „Grey’s Anatomy“, „The Walking Dead“, „How I Met Your Mother“ oder „Sons Of Anarchy“ im Programm. Dazu gesellt sich auch großes Kino wie „96 Hours“, „Deadpool“, „Der Marsianer“, „Kingsman“, „Der Schuh des Manitu“ oder „Maze Runner“. Erwartet werden in Zukunft zudem die prallen Universen von Marvel und „Stars Wars“ sowie Angebote aus dem Fundus der 21st Century Fox.

So könnten sich die Gewichte also tatsächlich noch weiter weg von Netflix und hin zu Disney+ verschieben. Zumal die Inhalte zwar das wohl wichtigste, aber längst nicht das einzige Argument für die Attraktivität des neuen Sterns am Streaming-Himmel ist. Denn natürlich ist auch die Flatrate von 8,99 Euro eine Kampfansage. Das Basis-Abo von Netflix kostet gar nur 7,99 Euro, das Premium-Abo allerdings stolze 17,99 Euro. Okay, dafür gibt es dann aber auch Ultra-HD-Qualität für alle Inhalte, die in 4K verfügbar sind, und das Streaming ist auf bis zu vier Geräten gleichzeitig erlaubt. Blöd nur, dass man all das und mehr bei Disney+ schon für besagte 8,99 Euro bekommt.

Netflix hat mit seinen Eigenproduktionen Kino-Geschichte geschrieben

Abschreiben aber muss man Netflix deshalb gewiss nicht, siehe auch den schon erwähnten Vorsprung in Sachen Abonnentenzahl. Noch ist Netflix die Heimat einiger der künstlerisch herausragendsten und/oder erfolgreichsten, zum Teil auch eigenproduzierten Serien der vergangenen Jahre. Netflix Originals wie „Stranger Things“, „When They See Us“, „Ozark“, „Peaky Blinders“, „Mindhunter“, „Haus des Geldes“, „Lupin“, „Bridgerton“, „The Crown“, „Orange is the New Black“ und natürlich „Squid Game“ haben längst ihren verdienten Platz in der TV-Serien-Historie gefunden.

Und was auf die Serien zutrifft, das gilt auch für die (Kino-)Filme. „Schindlers Liste“, „The Revenant“, „Shining“, „Die Verurteilten“, „GoodFellas“ oder die „Harry Potter“-Reihe stehen stellvertretend für das Angebot an herausragenden Werken der Kino-Geschichte der vergangenen Jahrzehnte. Und es sind wohl auch bei den Filmen gerade die Netflix Originals, die manch einen davon abhalten könnten, von zu Disney+ zu wechseln. „The Irishman“, „Mudbound“, „Power of the Dog“, „Roma“, „The Ballad of Buster Scruggs” stehen wahrlich für „großes Kino“.

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