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Interview mit CCU-Chef

Amazon: „Produktfälscher oft auch in Menschenhandel verwickelt“

Mehrere Amazon-Pakete gestapelt
Damit Kunden keine Produktfälschungen bestellen, gibt es die Counterfeit Crimes Unit bei Amazon Foto: Getty Images
Woon-Mo Sung
Redakteur

12. September 2026, 16:34 Uhr | Lesezeit: 9 Minuten

Im Internet gibt es so gut wie alles, dafür sorgen etliche große wie kleine Online-Shops. Das bedeutet aber leider auch, dass Kriminelle nicht weit entfernt sind, um von beliebten Produkten und Marktplätzen zu profitieren. Ständig kommen verschiedene Betrugsmaschen auf unterschiedlichen Plattformen zum Einsatz. So kann es auch bei Amazon zu etlichen Produktfälschungen kommen, die an unwissende Kunden verkauft werden. Der Konzern kontert seit Jahren mit einer eigenen Abteilung – der sogenannten Counterfeit Crimes Unit (CCU).

Amazons CCU kämpft gegen Produktfälschungen

Die CCU wurde 2020 gegründet, um weltweit für Amazon gegen Produktfälschungen vorzugehen. Das geschieht auf zwei zentralen Wegen: Zum einen führt das Unternehmen zusammen mit Markenherstellern zivilrechtliche Verfahren. Zum anderen kooperiert man mit lokalen Strafverfolgungsbehörden bei ihren Ermittlungen, um Täter festzunehmen.

Und das mit beachtlichem Erfolg: Bislang ist die CCU gegen 32.000 mutmaßliche Täter zivil- und strafrechtlich vorgegangen, mehr als 290 von ihnen wurden zu Haftstrafen verurteilt. Gleichzeitig zog sie 2025 mehr als 15 Millionen Produktfälschungen bei Amazon aus dem Verkehr – 2023 waren es sieben Millionen. Die Gesamtsumme aller bisher vor Gericht erreichten Entschädigungen und anderen Strafzahlungen beträgt mehr als 180 Millionen US-Dollar.

Kampf gegen Kriminelle wächst

In den sechs Jahren des Bestehens hat die CCU ihre Arbeit von zwei auf 14 Nationen ausgeweitet – Tendenz steigend. 2026 kommt Indien dazu und ferner existieren Standorte unter anderem in Washington D.C., London, Mailand, Singapur und Shanghai.

Auch in Bezug auf die Zusammenarbeit mit den Behörden konnte man das Netzwerk von sieben auf bis heute 50 Partner ausweiten. Mit dabei sind Behörden und Einrichtungen wie EUROPOL, das FBI, U.S. Homeland Security Investigations, die Polizei von London und viele weitere spezialisierte Einheiten.

Produktpiraten oft auch Menschenhändler

Das Team hinter der CCU besteht aus ehemaligen Staatsanwälten, Ermittlern sowie Datenwissenschaftlern und operiert international. Angeführt wird es von Kebharu Smith, der die CCU seit ihrem Bestehen leitet. Auch er war zuvor als Staatsanwalt in Texas und zwölf Jahre lang beim US-Justizministerium tätig und verfolgte unter anderem Fälle von Markenpiraterie, Urheberrechtsverletzungen und Industriespionage.

Kebharu Smith, Leiter von Amazons Counterfeit Crimes Unit (CCU)
Kebharu Smith, Leiter von Amazons Counterfeit Crimes Unit (CCU) Foto: Amazon

TECHBOOK sprach mit Smith über die Arbeit der CCU, Herausforderungen und Überraschungen im Kampf gegen Produktfälschungen.

TECHBOOK: Sie waren Staatsanwalt, bevor Sie zu Amazon gekommen sind. Was hat Sie persönlich dazu bewegt, gegen Kriminelle vorzugehen?
Kebharu Smith: „Mein erster großer Fall im Bereich Produktfälschungen betraf gefälschtes Viagra, das aus Hongkong in die USA geschmuggelt wurde. Über verdeckte Ermittlungen konnten wir ein ganzes Netzwerk aufdecken. Dabei wurde mir schnell klar, dass Produktpiraterie selten ein isoliertes Delikt ist. Die Täter sind häufig auch in organisierte Kriminalität verwickelt – etwa in den Handel mit gestohlenen Waren, Geldwäsche oder Menschenhandel.

Diese Arbeit hat mich schließlich in die Spezialeinheit für Computerkriminalität und geistiges Eigentum beim Justizministerium geführt. Als Amazon 2020 seine Counterfeit Crimes Unit aufbaute, war für mich klar, dass ich dort dieselbe Mission auf globaler Ebene fortsetzen kann.“

Alles wird gefälscht – sogar Druckerpatronen

Welche Produkte stehen besonders im Fokus der Fälscher?
„Kriminellen ist es egal, welches Produkt sie fälschen. Entscheidend ist nur, ob sie damit schnell Geld verdienen können. Wir sehen Fälschungen in nahezu allen Kategorien – von Kosmetik über Spielzeug und Kleidung bis hin zu Druckerpatronen. Ein gutes Beispiel ist unsere Zusammenarbeit mit Brother.

Dort haben Täter originale Brother-Patronen gesammelt und anschließend mit gefälschter Tinte wieder befüllt. Gemeinsam mit Brother und deutschen Strafverfolgungsbehörden konnten wir gegen dieses Netzwerk vorgehen.“

Bei einer Razzia sichergestellte Fälschungen von Druckerpatronen der Marke Brother
Bei einer Razzia sichergestellte Fälschungen von Druckerpatronen der Marke Brother Foto: Amazon

Die Masche mit Influencern und Social Media

Gab es einen Fall oder eine Fälschung, die Sie besonders überrascht hat?
„Weniger einzelne Produkte als vielmehr die Methoden der Täter. Besonders auffällig ist der Missbrauch sozialer Medien. Einige Influencer bewerben scheinbar harmlose Produkte. Tatsächlich führen versteckte Links Käufer aber zu Angeboten, hinter denen sich gefälschte Luxusartikel verbergen.

Gegen mehrere dieser Influencer sind wir bereits zivilrechtlich vorgegangen. Sie wussten genau, was sie taten, und haben ihre Reichweite bewusst genutzt, um Fälschungen zu verkaufen. In mindestens einem Fall endete das Verfahren mit einer Zahlung von Schadensersatz.

Eine weitere Methode besteht darin, Produkte und Markenlogos getrennt zu versenden. Die Ware passiert zunächst als scheinbar generisches Produkt den Zoll, während Logos oder Markenembleme separat verschickt und erst im Zielland montiert werden.

Gemeinsam mit US-Behörden konnten wir auf diese Weise ein Lager ausheben, in dem neun Lkw-Ladungen gefälschter Kühlergrills für Autos beschlagnahmt wurden. Kriminelle entwickeln ständig neue Strategien, um Kontrollen zu umgehen. Deshalb müssen auch wir unsere Ermittlungsansätze kontinuierlich weiterentwickeln.“

So priorisiert die CCU Fälle

Es gibt unzählige Produktfälschungen. Wie entscheiden Sie, welchen Fällen Sie nachgehen?
„Dafür betrachten wir verschiedene Faktoren. Zunächst analysieren wir die verfügbaren Beweise: Gibt es Verbindungen zwischen mehreren Verkäuferkonten? Werden dieselben IP-Adressen oder Bankverbindungen genutzt? Lassen sich Geldströme nachvollziehen oder Vermögenswerte sichern?

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Gefährdung von Gesundheit und Sicherheit. Wenn von einem Produkt ein Risiko für Verbraucher ausgeht, hat der Fall auch dann Priorität, wenn der finanzielle Schaden vergleichsweise gering ist.

Außerdem arbeiten wir eng mit Marken zusammen – von kleinen Unternehmen bis zu internationalen Konzernen. In der Vergangenheit haben wir unter anderem mit Brother, Philips, Cartier, Champion oder dem kleinen US-Unternehmen JL Children’s zusammengearbeitet. Uns geht es darum, möglichst große kriminelle Netzwerke zu zerschlagen und nicht nur einzelne Verkäufer zu stoppen.

Ein Entwickler überprüft die Echtheit eines Zahnbürstenkopfes von Philips Sonicare
Ein Entwickler überprüft die Echtheit eines Zahnbürstenkopfes von Philips Sonicare Foto: Philips

Unser eigentliches Ziel ist immer die Quelle der Fälschungen. Die Zivilverfahren, die wir beispielsweise in den USA oder Deutschland führen, liefern häufig Hinweise auf Hersteller und Hintermänner in anderen Ländern. Daraus entstehen wiederum Ermittlungen und Durchsuchungen vor Ort.“

„Produktpiraterie kein Kavaliersdelikt“

Gibt es bestimmte Menschen, die besonders anfällig für Produktfälschungen sind?
„Produktfälschung ist letztlich Betrug. Die Täter versuchen gezielt, Verbraucher zu täuschen. Deshalb kann grundsätzlich jeder zum Opfer werden. Unser Anspruch ist es, dieses Risiko so weit wie möglich zu minimieren.

Dafür setzen wir auf eine Kombination aus Technologie und Prävention: Verkäufer werden vor ihrer Zulassung umfassend überprüft und auch später regelmäßig kontrolliert. Gleichzeitig erkennen unsere KI-Systeme verdächtige Angebote bereits im Vorfeld, und Marken können mithilfe unserer Schutzprogramme selbst gegen rechtsverletzende Angebote vorgehen.

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Wie können sich Kunden bestmöglich schützen?
„Zunächst ist wichtig zu verstehen, dass Produktpiraterie kein Kavaliersdelikt ist. Hinter Fälschungen stehen häufig organisierte kriminelle Netzwerke. Sie können mit Menschenhandel, Geldwäsche oder sogar Terrorismusfinanzierung in Verbindung stehen. Niemand möchte unbewusst Strukturen unterstützen, die mit moderner Sklaverei oder Menschenhandel verbunden sind. Genau deshalb sollte man Produktfälschungen ernst nehmen.

Sollte dennoch einmal ein verdächtiges Produkt bei Amazon auftauchen, möchten wir, dass Kunden uns informieren. Dieses Feedback hilft uns dabei, unsere Systeme weiter zu verbessern und ähnliche Angebote schneller zu erkennen. Darüber hinaus greift unsere A-bis-Z-Garantie. Wenn Kunden glauben, eine Fälschung erhalten zu haben, oder mit einem Produkt nicht zufrieden sind, kümmern wir uns um den Fall und erstatten gegebenenfalls den Kaufpreis.

Gleichzeitig investieren wir viel in die Aufklärung von Verbrauchern und arbeiten eng mit Markenherstellern zusammen, um das Bewusstsein für Produktpiraterie zu stärken.“

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Jeder könnte Täter sein

Wer genau sind die Menschen hinter Fälschungen?
„Die Täter kommen aus der ganzen Welt. Es gibt kein typisches Profil und keine bestimmte Alters- oder Bevölkerungsgruppe. Wir arbeiten mit Behörden in China, Deutschland, Großbritannien, der Türkei, den USA und vielen weiteren Ländern zusammen. Unsere Ermittlungen führen uns in Wohnungen, Lagerhallen oder eigens eingerichtete Produktionsstätten.

Deshalb ist auch unser Team international aufgestellt. Wir haben Mitarbeiter in China, Europa und den USA und verfolgen dieselbe Strategie überall: Wir wollen die Täter dort stoppen, wo sie produzieren und handeln. In China etwa haben wir allein 2024 gemeinsam mehr als 70 Durchsuchungen durchgeführt und mehr als 100 Täter zur Verantwortung gezogen.“

Kommt es bei Durchsuchungen zu gefährlichen Situationen oder Widerstand?
„Dazu kann ich keine konkreten Beispiele nennen. Solche Einsätze sind grundsätzlich Sache der Strafverfolgungsbehörden, und entsprechende Informationen sind sensibel. Ich weiß aus meiner Zeit als Staatsanwalt, wie sorgfältig solche Maßnahmen vorbereitet werden. Der Schutz aller Beteiligten hat dabei oberste Priorität.“

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Waren Sie selbst schon bei solchen Einsätzen dabei?
„Ich persönlich nicht. Mitglieder unseres Teams unterstützen Behörden aber regelmäßig bei Durchsuchungen, wenn Amazon-Daten oder technisches Know-how unmittelbar benötigt werden. Beispielsweise war ein Kollege unserer Einheit an einem Einsatz in London beteiligt.

Wir stellen den Ermittlern in Echtzeit Informationen aus unseren Systemen zur Verfügung. Dadurch können sie Zusammenhänge schneller erkennen und größere Netzwerke aufdecken.“

Neue Herausforderungen in der Türkei und Indien

Der Kampf gegen Produktfälscher wirkt wie ein ständiges Wettrüsten. Welche Rolle spielt dabei Künstliche Intelligenz? Und beobachten Sie bereits, wie Kriminelle KI einsetzen?
„Wie Kriminelle KI konkret einsetzen, möchte ich derzeit nicht bewerten. Dazu können wir momentan keine belastbaren Aussagen treffen.

Ansonsten ist KI heute ein zentraler Bestandteil unseres Markenschutzes. Unsere Systeme durchsuchen den Amazon Store permanent nach verdächtigen Angeboten, Logos oder Produktbeschreibungen. Ein Großteil der rechtsverletzenden Angebote wird entfernt, bevor Marken sie überhaupt melden müssen. Im vergangenen Jahr erfolgten 99 Prozent dieser Maßnahmen proaktiv.

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Diese Technologien liefern unserer Counterfeit Crimes Unit außerdem Hinweise für Ermittlungen. Dennoch bleibt der Mensch entscheidend: Unsere Ermittler prüfen alle relevanten Erkenntnisse, bevor weitere Schritte eingeleitet werden.“

Wie wird sich Produktpiraterie in den kommenden Jahren entwickeln?
„KI wird auf unserer Seite eine immer größere Rolle spielen. Gleichzeitig beobachten wir genau, wie sich Fälscherrouten verändern. Neben China rücken Länder wie die Türkei zunehmend in den Fokus. Internationale Berichte, etwa der OECD, zeigen, dass von dort immer mehr gefälschte Waren nach Europa und in die USA gelangen.

Auch in Indien bauen wir unsere Aktivitäten aus. Dort haben wir inzwischen eine eigene Counterfeit Crimes Unit eingerichtet, um Verbraucher vor Ort besser zu schützen. Darüber hinaus intensivieren wir unsere Zusammenarbeit mit Markenherstellern in Lateinamerika.

Außerdem sehen wir, dass Kriminelle verstärkt soziale Medien und verschlüsselte Kommunikationskanäle nutzen, um Fälschungen außerhalb klassischer Verkaufsplattformen zu vermarkten. Deshalb arbeiten wir auch in diesen Bereichen eng mit Strafverfolgungsbehörden zusammen.“

Herr Smith, vielen Dank für das Gespräch.

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