Zum Inhalt springen
logo Das Magazin für digitalen Lifestyle und Entertainment
Computer Evergreener Geschichte Alle Themen
Fakeware

SoftRAM, einer der größten Fakes in der Software-Geschichte

In den 90ern verkaufte Syncronys Millionen Kopien von SoftRAM95
In den 90ern verkaufte Syncronys Millionen Kopien von SoftRAM95 Foto: Getty Images
Artikel teilen
Lars Lubienetzki
Freier Redakteur

4. April 2026, 8:22 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Speicherplatz war in den Anfängen der Computerisierung ein wertvolles Gut. Die US-Firma Syncronys rund um den deutschen Computer-Unternehmer Rainer Poertner versprach Abhilfe. Ihr Programm SoftRAM sollte den Arbeitsspeicher eines Windows-Rechners verdoppeln. Mit diesem Versprechen schaffte es das Unternehmen bis an die US-Börse. Bis ein paar Computer-Experten einmal unter die Hülle geschaut haben und etwas Erstaunliches entdeckten: nichts. Warum die Software dennoch zunächst zum Verkaufsschlager wurde, erzählt TECHBOOK in diesem Artikel.

Zur Vorgeschichte: Die Verbreitung von Computern schreitet Mitte der 1990er-Jahre rasend voran. Windows ist mit seiner Version 3.1 auf dem Weg, zu einem der beliebtesten Betriebssysteme weltweit zu werden. Mit der Veröffentlichung von Windows 95 wird Microsoft diese führende Stellung weiter ausbauen.

Allerdings mahnten Presseberichte damals, Windows 95 sei sehr speicherhungrig. Auf älteren Computern könnte es daher Performance-Probleme geben. Für viele PC-Besitzer bedeutete dies die Anschaffung eines neuen PCs. Oder zumindest der Kauf einer auch nicht ganz günstigen Speichererweiterung.

Um eine Vorstellung zu haben: Ein handelsüblicher PC kostete damals um die 3000 D-Mark und mehr, ein RAM-Modul, um den Arbeitsspeicher zu erweitern, schlug je nach Größe mit 200 bis 500 Mark zu Buche. Eine Stange Geld.

Auch interessant: Konrad Zuse – der Mann, der den Computer erfunden hat

Mit Computern lässt sich Geld verdienen

Rainer Poertner gehörte damals zu den unzähligen Tüftlern, die versuchten, in der aufstrebenden Computerszene mit eigenen Entwicklungen Fuß zu fassen. Sein Name tauchte das erste Mal in den frühen 1990er-Jahren auf, als er eine PC-Steckkarte ankündigte, die diesen in einen Macintosh-Rechner verwandeln sollte, also in einen Apple-Computer.

Das Produkt kam über die Ankündigungsphase allerdings nie hinaus. Die dafür nötigen ROM-Chips von Apple gab es nicht mehr. Und selbst wenn es die Hardware noch gegeben hätte, darf bezweifelt werden, ob die Steckkarte das Wunder tatsächlich vollbracht hätte.

Kurze Zeit später tauchte der Name Rainer Poertner im Umfeld der US-amerikanischen Firma Seamless Software Corporation auf. Das Unternehmen arbeite an einer Lösung, um Speicherengpässe auf Windows-PCs zu beheben, hieß es in der Presse.

SoftRAM und SoftRAM95, ein einziger Bluff

Tatsächlich kommt das Programm SoftRAM im Jahr 1995 in den USA auf den Markt, zunächst noch für die „alte“ Windows-Version 3.1. Angeblich gehen damals über 100.000 Kopien über die Ladentheke. Der Einstiegspreis von 30 US-Dollar oder umgerechnet 60 D-Mark war verlockend. Niemand hinterfragte die Funktionsweise des Programms.

Dieser erste Erfolg animierte das Unternehmen, das sich inzwischen in Syncronys umbenannt hatte, seinen „RAM-Verdoppler“ auch für das neue Windows 95 herauszubringen. SoftRAM95 kam vor knapp 30 Jahren über die Vertriebsfirma Softline auch in Deutschland auf den Markt. Das Produkt-Update verkaufte sich noch viel besser als sein Vorgänger. 600.000-mal griffen PC-Besitzer zu und blätterten dafür 170 D-Mark auf den Tisch. Und noch immer blieb das Rätsel, wie Syncronys es hinbekommen hatte, Arbeitsspeicher von 4 auf 8 oder von 16 auf 32 Megabyte zu verdoppeln.

Mit dieser Frage beschäftigten sich dann auch einige Computer-Redakteure. Sie schauten unter die schicke Hülle von SoftRAM95. Die Suche war schnell beendet, denn es gab nicht viel, genauer gesagt, gar nichts zu entdecken. Die Software war ein einziger Fake, ein Placebo. Die hübschen grafischen Messpfeile, die an die Geschwindigkeitsanzeige in einem Auto erinnerten, ein einziger großer Bluff.

Mehr zum Thema

Grafisch aufgehübschter Marketing-Schein

SoftRAM95 machte nichts anderes, als die temporäre Auslagerungsdatei auf der Festplatte, den sogenannten Swapfile, zu vergrößern. Dafür brauchte es allerdings keine Software zum Preis von 170 D-Mark. Das bekam jeder halbwegs begabte Computerfan mit ein wenig Wissen innerhalb weniger Minuten selbst hin.

Viel wichtiger: SoftRAM95 oder die simple Vergrößerung der Auslagerungsdatei verdoppelte eben nicht den Arbeitsspeicher. Sämtliche Fortschrittsbalken und Statusmeldungen, die anzeigen sollten, dass hier gerade etwas Phänomenales passierte, waren reine Fassade. Denn das Programm enthielt nicht eine einzige Zeile an Programmcode, die darauf hindeutete, dass Dateien komprimiert werden würden. Das wäre zumindest notwendig gewesen, um Speicherplatz zu schaffen.

Nach der Veröffentlichung der Recherche in entsprechenden Computer-Fachmagazinen, versuchte Syncronys mit Klagen und immer wirreren Erklärungen, seine Position zu behaupten. Schließlich war das Unternehmen inzwischen auch an der US-Börse gelistet. Der Kurs notierte phasenweise bei 32 US-Dollar. Es ging um eine Menge Geld und das Vertrauen von Investoren, das gerade im Sekundentakt zerbröselte.

Auch interessant: Warum heißt das erste Laufwerk auf einem Computer C und nicht A?

Speicher immer noch knapp

Der schöne Marketing-Schein hielt dennoch aufgrund von Hinhaltetaktiken und „Geld zurück“-Kampagnen einige Jahre an. Mit etwa fünf Millionen US-Dollar an Schulden meldete Syncronys im Jahr 1998 endgültig Insolvenz an. SoftRAM95, der ausgebuffteste Software-Fake bis dahin, war Geschichte.

Youtube Platzhalter
An dieser Stelle findest du Inhalte von Drittanbietern
Um mit Inhalten von Drittanbietern zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Im Jahr 2006 „adelte“ das Computer-Magazin „PC World“ SoftRAM95 zum „drittschlechtesten technischen Produkte aller Zeiten“. Rainer Poertner hingegen hat sich in den frühen 2000er-Jahren aus dem Computergeschäft zurückgezogen. Heute leitet er als Gründer die Geschicke eines Finanzdienstleisters in den USA.

Trotz immer größerer Speicher herrscht bis heute ein Mangel an Speicherplatz. Mit dem Wechsel von Windows 10 auf die Version 11 steht die Menschheit erneut vor einem Performance-Problem, zumindest in der Windows-Welt. Nur gibt es heute im Vergleich zur Situation vor 30 Jahren mehr Möglichkeiten, außerhalb dieser Windows-Welt eine tatsächlich funktionierende Lösung dafür zu finden.

Sie haben erfolgreich Ihre Einwilligung in die Nutzung unseres Angebots mit Tracking und Cookies widerrufen. Damit entfallen alle Einwilligungen, die Sie zuvor über den (Cookie-) Einwilligungsbanner bzw. über den Privacy-Manager erteilt haben. Sie können sich jetzt erneut zwischen dem Pur-Abo und der Nutzung mit Tracking und Cookies entscheiden.

Bitte beachten Sie, dass dieser Widerruf aus technischen Gründen keine Wirksamkeit für sonstige Einwilligungen (z.B. in den Empfang von Newslettern) entfalten kann. Bitte wenden Sie sich diesbezüglich an datenschutz@axelspringer.de.