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Meinung

„3 Dinge, die mich am iPhone 12 nerven!“

Rendering des iPhone 12 auf der Vorstellung im Apple Park, Cupertino
Zwar endlich OLED, aber kein 120 Hertz im iPhone 12.Foto: dpa picture alliance

TECHBOOK-Redakteur Adrian Mühlroth spielt seit längerem mit dem Gedanken, von Android auf iPhone 12 umzusteigen. Nach dessen Vorstellung stellt sich das neue Apple-Smartphone jedoch als herbe Enttäuschung heraus – aus drei Gründen!

Noch bis Dienstagabend hatte ich die Hoffnung, dass das iPhone 12 das „Next Big Thing“ wird. Es sollte das iPhone werden, das mich zum Abschied von der Android-Welt bewegt. Meine Ansprüche an das Smartphone waren doch eigentlich gar nicht so hoch angesetzt. Anfang September habe ich noch dazu geschrieben, dass ich nur eine Funktion bräuchte, um mich zum Wechsel zu bewegen. Den vollen Artikel dazu finden Sie auf TECHBOOK.

Doch das iPhone 12 hat mich zurück auf den Boden der Tatsachen gebracht. Nicht nur, dass meine Forderung nach einem 120-Hertz-Bildschirm nicht erfüllt wurde. Nein, Apple erlaubt sich mit seiner neuesten iPhone-Generation ein paar ganz schöne Patzer.

1. Neues, altes Design

Tim Cook selbst spricht von einer neuen Ära für iPhones. Klar, die Aussage ist hauptsächlich auf die 5G-Integration in die neuen Smartphones bezogen. Dennoch hallt die Ankündigung etwas leer, wenn man das iPhone 12 aus einer nüchternen Perspektive betrachtet.

Denn auf den ersten Blick sieht das neue iPhone wieder genau wie sein Vorgänger aus. Der auch schon wie sein Vorgänger aussah, der auch wie sein Vorgänger aussah, der wie sein Vorgänger aussah. Seit dem iPhone X von 2017 hat Apple nichts an der generellen Optik verändert. Das wäre an sich nicht so schlimm, wenn denn das ursprüngliche Design schon gut genug gewesen wäre. Aber 2020 immer noch mit einer riesigen Notch (Bildschirmeinbuchtung) auf den Markt zu kommen. Das wirkt mir einfach zu altbacken.

Die Notch im iPhone 12 ist so groß wie eh und je
Die Notch im iPhone 12 ist so groß wie eh und jeFoto: Apple / Screenshot

Immerhin soll das Gehäuse kleiner und flacher sein. Das wurde unter anderm dadurch erreicht, dass die Kanten nun flach statt rund sind. An sich ist das keine Verbesserung, sondern eine Änderung. Man könnte es sogar als Rückschritt sehen. Schließlich muss Apple einen Grund gehabt haben, um das kantige Design des iPhone 4, 4s, 5, 5s und SE zugunsten der abgerundeten Ränder ab iPhone 6 aufzugeben.

Alle Daten und Fakten zum iPhone 12 auf TECHBOOK

2. Apple reduziert das Zubehör auf das absolute Minimum

Bis 2030 plant Apple, klimaneutral zu werden. Das bedeutet: Recycelte Materialien, weniger Verpackung – und weniger Zubehör. Dass Apple jetzt keine EarPods mehr in die Packung legt, damit kann jeder leben, denke. Die Ansprüche an Musikqualität sind höher geworden und wer ein iPhone für 800 Euro kauft, hat in der Regel noch etwas für ein gescheites Paar Kopfhörer übrig.

Den Verzicht auf ein Netzteil im Lieferumfang sehe ich hingegen als problematisch. Apple argumentiert, dass praktisch jeder schon Massen an USB-Ladegeräten zu Hause hat. Das mag sein, doch damit verschweigt das Unternehmen zwei wichtige Tatsachen. Erstens hat das iPhone eine 20-Watt-Schnellladefunktion. Diese ist jedoch nur mit einem entsprechend starken Netzteil möglich. Wer also nicht spezifisch ein Ladegerät für das iPhone 11, ein neueres iPad oder ein MacBook hat, kann das iPhone 12 wahrscheinlich nicht schnell laden. Zweitens liefert Apple mit dem iPhone 12 ein USB-C- auf Lightning-Kabel. Die meisten USB-Ladegeräte haben jedoch weiterhin einen USB-A-Ausgang. Um das Kabel zu nutzen, ist es also zwingend notwendig, ein dazu passendes Ladegerät zu kaufen. Dieses bietet Apple natürlich praktischerweise direkt als Zubehör für läppische 24,35 Euro an.

Das iPhone 12 kommt ohne Netzteil, es gibt nur noch ein Kabel
Das iPhone 12 kommt ohne Netzteil, es gibt nur noch ein KabelFoto: Apple / Screenshot

Daher an alle iPhone-12-Käufer, die noch kein iPhone und kein Netzteil mit USB-C-Ausgang zu Hause haben: Vergesst nicht, Euch ein passendes Ladegerät mitzubestellen!

3. Gibt Apple die Aufholjagd auf?

Im vergangenen Jahr habe ich das iPhone 11 als „Modellpflege“ bezeichnet, da es kaum neue Funktionen gab, die der Rede wert waren. Beim iPhone 12 kann ich diese Kritik nur wiederholen. Die einzige Neuerung, die Apple meines Erachtens wirklich viel Ingenieurskunst abverlangt hat, ist 5G. Doch da ich in einem Land wohne, das für seine notorisch zurückgebliebene Netzabdeckung und -qualität bekannt ist, gebe ich zumindest dieses und nächstes Jahr nicht viel auf den neuen Funkstandard.

Ich hatte mir viele Hoffnung gemacht, was das iPhone 12 alles können würde. Keine Notch mehr, Touch ID unter dem Bildschirm oder im Seitenknopf. Ein komplett neuer Bildschirm mit 120-Hertz-Bildwiederholrate. Kurz gesagt, alles Dinge, die es schon länger in Android-Smartphones gibt. Vergangenes Jahr hat Apple noch Aufholjagd gespielt und dem iPhone 11 eine zusätzliche Ultraweitwinkelkamera spendiert, um mit Android gleichzuziehen. Das iPhone 12 hingegen stagniert.

Stattdessen hat Apple uns nur das gegeben, was wir sowieso jedes Jahr wieder erwarten. Bessere Kameras, mehr Leistung, schnelleres dies und tolleres das. Und der Rest? MagSafe? Sehe ich nur als eine Strategie, noch mehr und vor allem noch teureres Zubehör zu verkaufen. LiDAR? Nett, aber Tiefenunschärfe funktioniert auch per Software allein schon sehr gut. Ein zusätzlicher Sensor wird kaum etwas daran ändern. Ein viermal stärkeres Display-Glas mit dem prätentiösen Namen „Ceramic Shield“? Apple-Marketing.

Das iPhone 12 hat die erste mobile Kamera, die in Dolby Vision HDR filmt
Das iPhone 12 hat die erste mobile Kamera, die in Dolby Vision HDR filmtFoto: Apple / Screenshot

Einzig mit der neuen Dolby-Vision-HDR-Funktion für Videos kann Apple mich als Video-Enthusiasten wirklich überzeugen. Möglich ist diese Funktion durch die beeindruckende Rechenleistung das A14-Bionic-Chips des iPhone 12. Nicht nur können Videos mit Dolby Vision HDR gedreht werden, sondern auch noch gleich bearbeitet. Bislang war sowohl zum Filmen als auch zum Bearbeiten teures Equipment notwendig. Für Filmemacher ist das iPhone 12 daher wieder eine exzellente Wahl. Für jemanden wie mich, der allerdings mehr Ansprüche hat, ist das Smartphone aufgrund seiner Einschränkungen trotzdem keine Option.

Ein Reinfall in drei Größen

Ich war so weit, Android zugunsten des iPhone 12 hinter mir zu lassen. Das iPhone ist immer noch das Go-To-Gerät für Leistungsfanatiker und Video-Enthusiasten – zu beidem zähle ich mich selbst. Doch Android-Smartphones sind in diesen Belangen nicht mehr weit entfernt und bieten darüber hinaus vieles mehr, was das iPhone nicht kann.

Letztlich muss jeder selbst wissen, welches Smartphone das persönlich richtige ist – und immerhin bietet Apple mehr Größenauswahl denn je an. Ich bin jedoch der Meinung, dass ein Unternehmen wie Apple sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen kann, sondern die Industrie nach vorne tragen muss. Aber so lange iPhone-Besitzer Jahr für Jahr wieder ein neues iPhone kaufen, gibt es wohl keinen Anlass dafür. Apple-Käufer sollten deswegen mal einen Blick in die Android-Welt wagen. Sie müssen ja nicht gleich eins kaufen. Doch zumindest wird so der Sinn dafür geschärft, was man alles verpasst, wenn man iPhone kauft.

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