22. Juni 2026, 14:33 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Bei Jubelszenen oder Trikotwechseln fallen sie immer wieder auf: die eng anliegenden Westen, die viele Fußballprofis unter ihrem Trikot tragen. Umgangssprachlich werden sie häufig als „Männer-BHs“ bezeichnet. Tatsächlich handelt es sich jedoch um hochmoderne Tracking-Systeme zur Leistungsanalyse. TECHBOOK erklärt, was dahintersteckt.
Sportler, die besonders ihre Brustmuskeln trainieren und intensive Spurts über den Rasen hinlegen, benötigen entsprechenden Support. Die Lösung ist einfach: ein Sport-BH. Nein, natürlich nicht. Dennoch sieht man bei vielen Gelegenheiten, dass auch männliche Fußballer eine Art Bustier tragen. Tatsächlich handelt es sich dabei um spezielle Tracking-Westen, die einen technischen Zweck erfüllen. Mit integrierten Ortungsmodulen und Sensoren sammeln sie Daten über Bewegungen und Leistungen der Spieler.
Hightech-Weste statt BH
Was optisch einem Sport-BH ähnelt, ist in Wirklichkeit eine Halterung für ein Ortungs- und Analysesystem. Die Position der Spieler wird dabei über globale Satellitennavigationssysteme wie GPS oder Galileo ermittelt, deren Signale von den in den Westen integrierten Empfängern ausgewertet werden. Für eine präzise Positionsbestimmung werden Signale von mehreren Satelliten benötigt. Die erfassten Daten werden anschließend an die Analysesoftware des Vereins übertragen und können sowohl live als auch im Nachhinein ausgewertet werden.
Derartige Hightech-Westen werden nicht nur im Männer-, sondern auch im Frauenfußball eingesetzt. Viele nationale und internationale Profiklubs setzen die Systeme im Training und – sofern die jeweiligen Wettbewerbsregeln dies erlauben – auch in Spielen ein. Solche Tracking-Westen gehören inzwischen bei zahlreichen Profi- und Nationalmannschaften zur Standardausrüstung.
Welche Daten die Westen erfassen
Die Systeme liefern weit mehr als reine Positionsdaten. Moderne Tracking-Systeme können zahlreiche Leistungsparameter erfassen. Neben Laufdistanz, Geschwindigkeit und Beschleunigung messen sie mithilfe zusätzlicher Sensoren auch Bewegungsabläufe, Richtungswechsel oder Belastungsspitzen. Informationen zu Schlafqualität oder Ruhepuls können ebenfalls in die Analyse einfließen, stammen jedoch meist aus separaten Messgeräten oder Wearables.
Welche Informationen die Systeme liefern können, erläutert Sportmediziner Prof. Dr. Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule Köln: „Sie zeichnen Bewegungen auf dem Spielfeld auf und speichern die physischen Daten dazu“, so Froböse zu TECHBOOK. „Wohin bewegt sich der Spieler, wie schnell ist er? Wie ist seine Herzfrequenz? Wann lässt seine Laufbereitschaft nach?“ Herzfrequenzdaten werden dabei in der Regel über zusätzliche Sensoren erfasst, die mit dem System gekoppelt sind.
Darüber hinaus lasse sich auswerten, wie sich Spieler taktisch auf dem Platz verhalten und welche Kräfte beispielsweise in Zweikämpfen auf sie wirken.
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Tracking-Systeme versus Trainererfahrung
Viele Vereine betrachten solche Systeme inzwischen als unverzichtbares Werkzeug der Leistungsdiagnostik. Vor allem bei der Belastungssteuerung und Verletzungsprävention gelten die erhobenen Daten als wichtige Grundlage für Trainings- und Rehabilitationsmaßnahmen.
Es gibt verschiedene Anbieter solcher Systeme. Viele Profiklubs setzen auf Lösungen von Unternehmen wie Catapult Sports, STATSports oder Kinexon. Die Kosten variieren dabei je nach Anbieter, Anzahl der Spieler sowie Funktionsumfang der eingesetzten Systeme erheblich.
Insgesamt stehen Trainern heute mehr Daten und Analysen zur Verfügung als jemals zuvor. Spiele und Trainingseinheiten werden aufgezeichnet, Leistungsdaten ausgewertet und individuelle Belastungsprofile erstellt. Schließlich ist Fußball nicht nur ein beliebter Massensport, sondern auch ein milliardenschweres Geschäft.
Dr. Froböse hat zu dieser Entwicklung dennoch eine klare Meinung: „Das wird als zu wichtig angesehen. Es ist absurd, wie Spielauswertungen mittlerweile ablaufen. Vieles hat mit der Qualität der Spieler nichts mehr zu tun. Man versteckt sich hinter der Wissenschaft. Und die individuelle Qualität der einzelnen Spieler rückt damit in den Hintergrund.“
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„Fans wollen kein mathematisches Spiel“
Tracking-Systeme kommen heute sowohl im Training als auch in vielen Wettbewerben zum Einsatz. „Ich sehe das kritisch. Die Systeme erfassen Daten und berechnen Kennzahlen. Für den Sport und die Leistung ist das nicht automatisch von Vorteil, wenn auf Grundlage solcher Daten Entscheidungen gefällt werden“, ordnet Froböse ein.
Im Sport spiele weiterhin auch der Zufall eine Rolle. Vor allem aber sei der Versuch der maximalen Optimierung nicht von allen gern gesehen. „Fans wollen kein mathematisches Spiel, das würde die Emotionalität rausnehmen“, glaubt Froböse. „Die Individualität geht verloren. Es interessiert nicht mehr, wie sich der Spieler fühlt oder welche individuellen Fähigkeiten er hat. Man muss immer sehen: Erfolg hängt letztlich auch davon ab, Tore zu schießen.“
Tatsächlich zeigen Auswertungen seit Jahren, dass die laufstärksten Mannschaften nicht automatisch die erfolgreichsten sind. Hohe Laufleistungen allein garantieren weder Siege noch Meisterschaften. Neben körperlicher Fitness bleiben Technik, Spielverständnis, Effizienz und individuelle Qualität entscheidende Faktoren.
Unabhängig von der Kritik einzelner Experten dürfte die Datenerfassung im Profifußball auch künftig eine wichtige Rolle spielen. Ob die Technik tatsächlich über Sieg oder Niederlage entscheidet, bleibt umstritten. Dass Datenanalyse und Leistungsmonitoring aus dem modernen Profifußball verschwinden werden, gilt dagegen als äußerst unwahrscheinlich.