19. Mai 2026, 8:14 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Anfang der 1970er-Jahre kamen die ersten Taschenrechner in die Läden und heute hat ein Mann aus Solingen eine der größten Sammlungen weltweit. Mehr als 5000 elektronische Rechenhilfen hat Gerhard Wenzel in fast 50 Jahren zusammengetragen. TECHBOOK hat sich mit dem leidenschaftlichen Sammler unterhalten.
„Den ersten Taschenrechner habe ich von meinem Vater geschenkt bekommen“, erinnert sich Gerhard Wenzel aus Solingen. „Das war ein Gerät der Quelle-Eigenmarke Privileg, ein 872 MD.“ Das erste Sammelstück steht selbstverständlich auch in seiner Onlinesammlung.
Damals absolvierte der Teenager eine Ausbildung zum Elektroniker. Schon sehr früh, interessierte sich Gerhard Wenzel intensiv dafür, wie elektronische Geräte im Detail funktionieren. „Ich habe damals einige Taschenrechner aufgeschraubt. So entstand bei mir sogar die Idee, eine eigene elektronische Rechenmaschine zu bauen“, erzählt der Taschenrechner-Fan. Verwirklicht hat er sich den Traum erst Jahrzehnte später.
Vom Hobby zur Leidenschaft
Neben seiner Ausbildung kümmerte sich Gerhard Wenzel im Freundeskreis um rechenschwache Taschenrechner. Irreparable Geräte durfte er behalten. So wuchs die Zahl der kleinen Rechenmaschinen in seiner Wohnung nach und nach an. Gleichzeitig reifte bei ihm die Idee, Taschenrechner gezielt zu sammeln und technische Daten zu dokumentieren.
Inzwischen hatte auch die Zeit der Heimcomputer begonnen. Doch seine gesamte Sammelliebe schenkte Gerhard Wenzel weiterhin seinen Taschenrechnern. „Die Sammlung besitzt für mich einen sehr hohen ideellen Wert. Denn der Taschenrechner war die erste Anwendung des Mikroprozessors im Massenmarkt, noch vor der Computerwelle“, betont der Taschenrechner-Experte aus Solingen und ergänzt: „Die Prozessorgenerationen lassen sich zurückverfolgen vom Intel I7, über Pentium, 80386, 8086, 8008 bis hin zum 4004, der in den Taschenrechnern von Busicom zum Einsatz kam.“
Eintrag im Guiness-Buch der Rekorde
Noch etwas Besonderes: Seine Sammlung betreibt er rein privat. Sponsoren gibt es nicht und das möchte Gerhard Wenzel auch nicht. Weil es sich um die größte private Taschenrechner-Sammlung weltweit handelt, erhielt der Solinger Sammler im Jahr 2013 einen Eintrag in das Guiness-Buch der Rekorde.
Heute sind es mehr als 5000 Sammelstücke. Die hat er schon längst nicht mehr in seinem Haus gelagert, sondern in verschiedenen Lagerboxen sicher verstaut und ausgelagert. Im Schnitt kommen zwei neue Taschenrechner pro Monat hinzu.
„Viele Taschenrechner finde ich über bestimmte Online-Portale oder analog auf Flohmärkten. Zudem bekomme ich ab und an ein Gerät von anderen interessierten Taschenrechner-Freunden geschenkt“, freut sich Gerhard Wenzel über seine wachsende Sammlung.
Weil immer wieder neue Geräte hinzukommen, hat der 65-jährige Ruheständler nahezu täglich Taschenrechner in seinem Arbeitszimmer in der Hand. Seine aktuellen Lieblingsstücke sind der TSI Speech++, der erste sprechende Taschenrechner für blinde Menschen, und der äußerst seltene sowjetische Taschenrechner Elektronika C3/27, „den ich über zehn Jahre gesucht habe“.
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Alte Technik, die inzwischen richtig wertvoll ist
Alte Technik, die heute in Smartphones weiterlebt
Heute gehen Menschen technischen Geräten nur noch selten auf den Grund. Schuld daran sei nach Ansicht von Gerhard Wenzel nicht fehlendes Interesse der jüngeren Generation. „Aus Angst vor Plagiaten werden die technischen Details von elektronischen Geräten wie Schaltpläne oder Blockschaltbilder leider nicht mehr veröffentlicht.“ So sei den Menschen die technische Neugier in den vergangenen Jahrzehnten quasi abtrainiert worden.
An seiner Begeisterung für die elektronischen Rechenmaschinen ändert die Entwicklung nichts. Denn für ihn stehen Taschenrechner auch für eine Technik, die es heute so gar nicht mehr gibt. „Für Taschenrechner gab es keine Updates. Das jeweilige Gerät lief von Anfang bis Ende mit derselben Software, passte in jede Tasche und war daher schnell zur Hand“, beschreibt Gerhard Wenzel.
Für den leidenschaftlichen Sammler leben Taschenrechner in heutigen Smartphones in moderner Form weiter. „Trotzdem würde ich mir heute eine Technik wünschen, die so selbstverständlich, zuverlässig und problemlos funktioniert wie der gute alte Taschenrechner; ohne Lithium-Akkus, Updates, nervige Werbung und Abos. Und das über viele Jahrzehnte und nicht nur wenige Monate“, schwelgt Gerhard Wenzel in den Erinnerungen an alte technische Zeiten.
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Sammler freut sich über Unterstützer
Sollte es irgendwann tragbare KI-Taschenrechner geben, „werden sie selbstverständlich in mein privates Online-Museum aufgenommen“, sagt der Taschenrechner-Fan augenzwinkernd.
Wer Gerhard Wenzel bei seiner Sammelleidenschaft unterstützen möchte, der Solinger freut sich über jede Rückmeldung. Auch alte oder defekte Taschenrechner sind gerne gesehen. „Auch wenn ich ein Gerät schon habe, kann ich doppelte Modelle zum Tausch oder als Ersatzteillager nutzen.“