23. August 2026, 9:11 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
„Lieben statt Liken“, „F*en statt Facebook“ – die RASF (kurz für „Radical Anti Smartphone Front“) bezeichnet sich selbst als Bewegung gegen den „exzessiven Gebrauch von Smartphones“. Dabei nimmt sie auch speziell die sozialen Medien ins Visier. Mit recht eindeutigen Schriftzügen ist sie in Form von Aushängen und Flyern inzwischen in mehreren europäischen Großstädten präsent. Was dahintersteckt? TECHBOOK hat mit dem Gesicht und Mitgründer der Initiative gesprochen.
Wohnst Du in Berlin oder Hamburg? Dann hast Du die auffälligen Schilder der RASF bestimmt schon gesehen. Zunächst konzentrierten sich die Aktionen auf deutsche Städte, inzwischen ist die Bewegung auch in Städten wie London und Brüssel aktiv. Die Plakate und Zettel hängen unter anderem an Masten und Wänden im öffentlichen Raum und transportieren recht eindeutige Botschaften, etwa „Lieben statt Liken“ und „Tanzen statt Twittern“. Man versteht schnell, was gemeint ist: Legt das Handy doch mal weg, schaut einander an, fasst einander an – sprecht miteinander!
Initiative gegen den exzessiven Gebrauch von Smartphones
Unmittelbare soziale Beziehungen werden durch Smartphone-Kommunikation zunehmend verdrängt. So lässt sich die Überzeugung der RASF grob zusammenfassen, wie man auf der Website der Bewegung erfährt.
Dabei geht es der RASF nicht darum, Menschen dazu zu bringen, ihre Smartphones zu entsorgen und künftig per Brieftaube zu kommunizieren. Gemäß ihres eigenen sogenannten Manifests möchte sie vielmehr einen bewussteren Umgang mit moderner Technologie proklamieren.
Die RASF-Message trifft gerade einen Nerv, der sich auch im Trend „Friction-maxxing“ widerspiegelt. TECHBOOK stellte ihn im Zusammenhang mit dem Comeback des iPods vor. Es geht dabei darum, bewusst mehr Aufwand und „Reibung“ (Friction) bei der Nutzung von Technik zu betreiben, und nicht jede Handlung möglichst bequem und automatisiert zu gestalten. Damit verbindet sich ein Gedanke, der auch für die RASF zentral ist: Technische Bequemlichkeit bedeutet nicht zwangsläufig mehr Selbstbestimmung.
Wer steckt dahinter?
Benno Flügel ist das Gesicht und Mitbegründer der Bewegung. Er habe RASF vor nunmehr bereits 10 Jahren mit einem Freund ins Leben gerufen, erzählt Flügel TECHBOOK. Bereits 2016 veröffentlichte die RASF beispielsweise einen Text über sogenannte „Smombies“ und die Frage, was es mit Kindern macht, wenn Erwachsene zwar körperlich anwesend sind, gedanklich aber ständig in der digitalen Welt unterwegs sind.
Aber dann war das Ganze offenbar eine Weile stillgelegt. Erst in diesem Jahr nahm Flügel sein Engagement wieder auf – vor dem Hintergrund einer Entwicklung, die er mit Sorge beobachtet, schildert er: „Nachdem unsere Welt in meinen Augen seit Jahren den Bach runtergeht, weil sich Lügen, Hass und Gewalt ungezügelt in den sozialen Netzwerken verbreiten, habe ich die RASF dieses Jahr wieder reaktiviert.“
Warum ist die RASF „radikal“?
Die RASF erkennt den praktischen Nutzen von Smartphones durchaus an – etwa für Navigation, Kommunikation oder den Zugang zu Wissen. „Radikal“ bedeutet für die Bewegung deshalb nicht, Smartphones oder Social Media grundsätzlich abzulehnen. „Wir sind radikal, weil wir gegen den Status Quo in unserer Gesellschaft rebellieren“, erklärt der Gründer. „Wir wollen mit Worten die Welt verändern.“
Ihre Kritik richtet sich insgesamt weniger gegen die bloße Bildschirmzeit als gegen die gesellschaftlichen Folgen der Smartphone-Nutzung: Selbstdarstellung und sozialer Vergleich, personalisierte digitale Blasen, Polarisierung und der zunehmende Einfluss von Algorithmen darauf, welche Informationen wir sehen und womit wir unsere Zeit verbringen. Dem stellt die RASF die Qualität persönlicher Beziehungen gegenüber. Viele digitale Kontakte und Follower, so die Botschaft ihres Manifests, könnten nicht ersetzen, was wenige echte Freundschaften leisten.
„In unseren Augen sollte ein Smartphone ein Werkzeug sein, mit dem wir Zeit sparen und nicht verschwenden. Menschen sollten mit offenen Augen durch die Welt gehen und nicht in geschlossenen Echokammern landen.“
Im analogen Raum gegen digitale Medien Lärm machen
Die RASF versteht sich als Plattform für Menschen, die die Kritik an der Smartphone- und Social-Media-Nutzung teilen. Auf ihrer Website lädt sie zur Mitarbeit ein und veröffentlicht persönliche Statements von Unterstützern. Organisiert und betreut wird die RASF nach Angaben Flügels bislang allein von ihm – als Aktivist und Künstler. Gleichzeitig hätten sich zahlreiche Menschen mit der Bewegung solidarisiert und „identifizieren sich mit der RASF“. Hinter seinen Aktionen stehe damit auch eine größere Gruppe von Unterstützern.
Ihre Botschaften platziert die RASF in den analogen öffentlichen Raum. Es sind kleine, prägnante Signale, die den Alltag bewusst unterbrechen sollen. Idealerweise likest also zum Beispiel Du gerade im Gehen mit Blick auf Dein Smartphone einen Post auf TikTok oder schickst einer Freundin ein Meme, schaust kurz auf – und stehst vor einem Schild, das Dich daran erinnert, dass das echte Leben nicht auf dem Handy-Bildschirm stattfindet. „Tanzen statt Twittern“ und Co. sind direkte Versuche, die Aufmerksamkeit des Betrachters für einen Moment vom Smartphone wegzulenken.
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Über diesen kleinen Umweg profitiert die RASF ausgerechnet von jenem digitalen System, das sie kritisiert: Ihre Plakate werden fotografiert, in sozialen Netzwerken geteilt und anschließend von Medien aufgegriffen. Das mag zunächst widersprüchlich erscheinen, oder auch gerade nicht. Denn die RASF nutzt digitale Aufmerksamkeit, um auf die Folgen eben dieser Aufmerksamkeitsökonomie aufmerksam zu machen.
Jeder Mensch solle selbst entscheiden, wie er mit den Flyern umgeht. „Freunden davon erzählen, einen Flyer mitnehmen, ein Foto machen oder sogar auf den sozialen Netzwerken posten? Wie verbreitet man eine Botschaft, die einem gefällt? Genau diese Fragen möchte ich stellen“, so Flügel.
Woran misst Du, ob RASF erfolgreich ist – oder gescheitert?
Bei seinen Aktionen spreche er täglich mit zahlreichen Menschen, die ihn unterstützen und zum Weitermachen motivieren, berichtet Flügel. Diese Resonanz auf der Straße sei für ihn „der größte Erfolg“. Menschen aus allen Gesellschaftsschichten würden die Botschaft der RASF unterstützen. Auch Wissenschaftler und Künstler warnten vor den Gefahren exzessiver Handy-Nutzung. Er selbst sehe sich dabei als „ein Instrument in einem größeren Orchester“.
Auch wenn das Anliegen der RASF manchmal aussichtslos erscheine, wie Flügel einräumt. Er habe die Hoffnung, dass sich dadurch etwas an den gesellschaftlichen Verhältnissen ändere. Rebellionen würden auf Hoffnung gebaut. Und sollte sich die Welt einfach weiterdrehen wie zuvor, dann habe er es wenigstens versucht.