9. November 2025, 16:44 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Viele Menschen möchten ihre Zeit in den sozialen Medien freiwillig reduzieren. Die meisten davon scheitern an der eigenen, mangelhaften Selbstdisziplin. Unterstützung bietet der US-Amerikaner Mark Lyons mit seinem sozialen Netzwerk seven39. Hier gibt es eine klare Regel: Die Plattform ist nur drei Stunden am Tag erreichbar. Was dahintersteckt, erklärt TECHBOOK in diesem Artikel.
Der Ansatz von seven39 erinnert ganz bewusst an die frühen Zeiten des Internets. Damals gingen Menschen noch online. Heute sind wir alle permanent über das Smartphone mit der digitalen Welt verbunden und ständig erreichbar.
„In dieser frühen Zeit gab es diese Momente nach der Schule, wo ich online ging, ein Spiel spielte oder sehnsüchtig im AOL Messenger auf Freunde wartete, um mit ihnen ein paar Minuten zu chatten“, erinnert sich Mark Lyons. Dieses aufregende Gefühl möchte der Programmierer mit seinem Social-Media-Projekt seven39 wieder aufleben lassen.
Mit seven39 online gehen wie früher
Deswegen steht auf der Seite seine Mission: „Social Media funktioniert besser, wenn alle gleichzeitig online sind. Kein endloses Scrollen. Kein FOMO (übersetzt: Keine Angst, etwas zu verpassen). Nur drei Stunden Spaß jeden Abend.“
Damit widersetzt sich seven39 ganz bewusst dem Trend der ständig zunehmenden Verweildauer auf sozialen Medien. Aktuelle Zahlen aus dem Report „Digital 2026“ der Social-Media-Agentur We are Social zusammen mit dem Social-Intelligence-Marktforschungsunternehmen Meltwater zeigen, dass Menschen allein auf TikTok inzwischen im Schnitt mehr als 90 Minuten pro Tag verbringen. Das ist mehr als die Hälfte der Zeit, die täglich auf seven39 für Interaktionen zur Verfügung steht.
Das Social-Media-Projekt von Mark Lyons befindet sich derzeit noch in der Testphase. Deswegen ist die Anzahl der User auf 3000 beschränkt. Weitere Registrierungen sind momentan nicht möglich.
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Herzensprojekt eines Mannes
Die registrierten Menschen bekommen jeden Abend um 19:39 Uhr, amerikanische Ostküstenzeit, eine automatische E-Mail mit dem Hinweis: „seven39 ist wieder geöffnet.“ In Deutschland wäre das kurz nach Mitternacht, also um 0:39 Uhr. Mark Lyons denkt bei der Weiterentwicklung seines Projekts an unterschiedliche dreistündige Zeitfenster für verschiedene Regionen auf der Welt. Die Mehrheit der Community ist dagegen. Denn diese strikte Fokussierung auf diese eine Uhrzeit mache die Einzigartigkeit von seven39 schließlich aus.
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Die Community bedeutet dem Programmierer sehr viel und verfügt daher über einige Mitwirkungsrechte und Gestaltungsmöglichkeiten. Vorschläge werden von Mark Lyons in der Regel zeitnah umgesetzt.
Erinnerte seven39 zu Beginn an einen ziemlich einfachen Twitter-Abklatsch, verfügt die Plattform inzwischen auch über die üblichen Funktionen, um anderen Nutzern zu folgen oder User per @-Zeichen in Kommentaren zu erwähnen. Das klingt banal. Allerdings steckt hinter seven39 kein Startup-Unternehmen, sondern ein einzelner Mann, der sich damit ein Herzensprojekt erfüllt hat.
Coole Idee oder tragfähiges Geschäftsmodell?
Daher ist derzeit noch völlig offen, wie und ob seven39 größer wird. Viele User halten den festen Termin zwar für grundsätzlich gut, wünschten sich allerdings eine andere Tageszeit für das dreistündige Zeitfenster. Denn am Abend verbringen die meisten Menschen Zeit mit der Familie oder geben sich dem Vergnügen hin, Serien oder Filme zu streamen, gibt es leise Kritik aus Teilen der seven39-Community.
Öffnet sich die Plattform für weitere User, dürfte zudem das Thema Moderation von Inhalten ein größeres werden. Aktuell ist der Umgang der registrierten User untereinander sehr harmonisch. Mit wachsender Anzahl an Menschen auf seven39 dürfte es damit allerdings schnell vorbei sein.
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Die Frage bleibt offen, ob das Projekt überhaupt eine größere Zukunft hat. Am Anfang mag das nostalgische Gefühl an das Internet wie in den 1990er-Jahren noch einen gewissen Reiz haben. Doch die geringe Resonanz auf eigene Posts kann möglicherweise schnell zu Ermüdungserscheinungen führen. Schließlich wünschen sich User insgeheim doch möglichst viele Herzen oder Daumen, die nach oben zeigen.
Seine zukünftigen Pläne für die Plattform lässt Mark Lyons offen: „Vielleicht finde ich heraus, dass es sich bei seven39 einfach nur um eine coole Idee handelt, weniger um ein tragfähiges Geschäftsmodell.“ Ansonsten sieht er sein Social-Media-Projekt als Anstoß für andere Menschen, um darüber nachzudenken, auch andere soziale Medien bewusster und damit weniger zu nutzen.