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Im Gespräch mit Thomas R. Köhler

Buchautor: »Dating-Apps sabotieren unsere Partnersuche – und das bewusst!

Statt zu helfen, sabotieren Online-Dating-Apps unsere Partnersuche. So zumindest die Meinung eines Buchautors
Statt zu helfen, sabotieren Online-Dating-Apps unsere Partnersuche. So zumindest die Meinung eines Buchautors Foto: Getty Images
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Lars Lubienetzki
Freier Redakteur

27. Juli 2025, 16:52 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Die große Liebe scheint heute dank Online-Dating nur einen Swipe entfernt. Einfach mit dem Finger auf dem Smartphone nach rechts gewischt und schon zieht das Glück ein. Denkste! Denn die Anbieter von Dating-Apps haben gar kein Interesse daran, als Liebesengel zu fungieren, sagt Thomas R. Köhler. Er hat für sein Buch „Die Online-Dating-Falle“ tief hinter die Kulissen von Tinder und Co. geschaut. TECHBOOK hat mit dem Autor darüber gesprochen, warum Gewinnstreben und die Suche nach der großen Liebe kein Perfect Match bilden.

Es scheint doch irgendwie verrückt zu sein. Noch nie in der Geschichte der Menschheit ist es einfacher gewesen, einen neuen Lieblingsmenschen zu finden. Dating-Apps eröffnen den Zugang in eine Welt unzählig Suchender, die sich per Smartphone verlieben möchten. Damit beginnt allerdings schon eines der Probleme, denn wer soll bei der Angebotsfülle am Ende der oder die Richtige sein?

Dating-App-Betreiber freuen sich über wachsende Zahl an Singles

Untersuchungen belegen: Seit vielen Jahren steigt die Zahl der unfreiwilligen Singles langsam, aber stetig an. Das erscheint absurd, schließlich schießen gleichzeitig immer neue Dating-Apps wie Liebespilze aus dem Boden. Sollte da also in Hinblick auf Online-Dating einiges in die völlig falsche Richtung laufen? Mehr Apps und immer mehr Singles hören sich zumindest aus Sicht der User nicht gerade nach einem Erfolgsmodell an.

App-Anbieter machen daher eine ganz andere Rechnung auf. Für sie bedeutet jedes Paar, das sich über ihre Software findet, zwei verlorene User. Deswegen müssen technische Tricks dabei helfen, die Menschen möglichst lange im Dating-Universum zu halten. Klingt ziemlich unromantisch.

Online-Dating funktioniert wie ein Spielautomat

Thomas R. Köhler kümmert sich in seinem Hauptberuf um Themen wie Cybersicherheit. Für die Recherche zu seinem Buch „Die Online-Dating-Falle“ hat er sich mit den technischen Finessen der Dating-Anbieter beschäftigt. „Online-Dating funktioniert wie ein Spielautomat“, beschreibt der Buchautor die Wirkweise beim digitalen Daten bildhaft. „Ab und an gibt es für die Spieler eine Belohnung. Und während beim Spielautomaten der Druck auf den blinkenden Knopf zum Suchtfaktor wird, ist es beim Dating in der Online-Welt das Swipen.“ Also der Fingerwisch nach rechts, wenn das gerade angezeigte Bild auf dem Smartphone für Glücksgefühle sorgt.

„Das Smartphone hat den großen Systemwechsel bei der Partnersuche eingeläutet“, betont Thomas R. Köhler. „Früher saßen die Menschen vor dem Computer, heute gilt mobile first. Die Apps suggerieren mir, ich kann von jedem Ort aus ganz einfach Menschen kennenlernen, durch die Filter auch noch aus meiner unmittelbaren Umgebung.“ Das klingt verlockend, und genau das möchten die Anbieter der Dating-Apps auch.

Apps bewerten im Hintergrund ständig

„Dem Algorithmus ist beispielsweise besonders wichtig, wie häufig ich die App nutze“, berichtet Thomas R. Köhler über die Ergebnisse der eigenen Datenrecherche anhand verschiedener Test-Profile. „Bin ich ein häufiger Nutzer werde ich auch direkt mit Matches belohnt. Schaue ich hingegen nur selten vorbei, droht mir die App an, sollte ich nicht bald einmal wieder ein Profil liken, würden mir keine Matches mehr angezeigt.“

Frauen sind beim Swipen übrigens deutlich wählerischer als Männer. Sie wischen nur bei etwa fünf Prozent der angezeigten Profile nach rechts. Männliche User swipen nahezu wahllos und kommen auf eine Quote von 65 Prozent. Das Swipe-Verhalten dient als eines von vielen verschiedenen Kriterien, nach denen User von den Apps bewertet werden. Aus diesen Kriterien erstellt der dahinterliegende Algorithmus einen Score, wie „attraktiv“ eine Person ist. Ganz grob gesprochen, teilt die App sämtliche User in drei Attraktivitätsgruppen: oberes Drittel, Mittelmaß und unteres Drittel.

User werden beim Online-Dating also permanent bewertet. Auf Basis des eigenen Scores werden einer Person dann andere potenzielle Partner ausgespielt, die sich auf einem ähnlichen Attraktivitätslevel befinden. „Und manchmal bekommen Menschen, die laut App eher zur Gruppe Mittelmaß oder unteres Drittel zählen, eben auch ein Profil angezeigt, das eher einer höheren Kategorie zuzuordnen ist. Dabei handelt es sich um eine zufällige Belohnung, eben ähnlich wie beim Spielautomaten“, unterstreicht Thomas R. Köhler.

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Online-Dating ist ein einträgliches Geschäft

So begeben sich die User fast unmerklich in eine Art Abhängigkeitsverhältnis, das am Ende aber meist nicht zur großen Liebe führt. Die dient den Anbietern ohnehin nur als Mittel zum Zweck. Ihnen geht es nur um Gewinnmaximierung. Nicht umsonst betreiben Dating-Anbieter gleich mehrere Apps für verschiedene Zielgruppen. Einer der bekanntesten Dating-App-Anbieter, Tinder, versucht auch mit der App Hinge weitere Einnahmen zu erzielen. In Deutschland bündelt die Parshipmeet Group gleich mehrere Dating-Apps unter einer Dachmarke, darunter die Zugpferde Parship und Elitepartner.

„Das zeigt das Gewinnpotenzial der gesamten digitalen Datingbranche“, betont Thomas R. Köhler. „Die meisten Männer haben ohne einen Premium-Account beim Online-Dating kaum eine Chance. Umgekehrt werden Frauen nahezu überschüttet mit Likes, was wiederum die erlebte Frustration beim Online-Dating für diese Gruppe enorm befördert. Als App-Anbieter muss ich daher einen gesunden Mittelweg finden, um die große Gruppe der Enttäuschten möglichst lange auf der Plattform zu halten.“

Thomas R. Köhler spricht von einem toxischen Geschäftsmodell. Menschen überlassen ihre Wahlfreiheit bei der Partnersuche großen Konzernen und erhalten dafür falsche Versprechungen. Das Ausmaß der emotionalen Frustration, wenn sich einfach niemand aus der unfassbar großen Menge an potenziellen Partnern für einen interessiert, kann sich jeder selbst ausmalen.

Richtig online daten

Trotz der Ergebnisse seiner Recherche würde Thomas R. Köhler guten Freunden nicht grundsätzlich vom Online-Dating abraten. Nur sollten bestimmte Verhaltensregeln eingehalten werden.

„Online-Dating kann eine von verschiedenen Möglichkeiten sein“, rät der Experte. „Auf jeden Fall nicht zu lange in der App verharren, sondern möglichst schnell nach dem ersten schriftlichen Kontakt ein erstes Treffen ausmachen. So bekommt man einen persönlichen Eindruck von dem anderen Menschen.“ Denn die Persönlichkeit eines Menschen ist die große Unbekannte beim Daten in der digitalen Welt.

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Immerhin versuchen die App-Anbieter durch neue Features, die Persönlichkeit von Menschen etwas besser abzubilden. Bei einigen Apps lassen sich beispielsweise kurze Audio- und Videoschnipsel dem Profil hinzufügen. „Das ist immer noch das größte Manko der Online-Dating-Branche. Die Persönlichkeit und der Charakter eines Menschen kommen viel zu kurz“, kritisiert Thomas R. Köhler und wagt einen Blick in die Zukunft der Dating-Apps. „Möglicherweise ergeben sich dafür Lösungen. Das sehe ich allerdings als eine Aufgabe der nächsten Generation. Aus meiner Sicht wird sich das nicht so schnell technisch umsetzen lassen.“

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