11. August 2025, 7:50 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Kurz nachdem WhatsApp die Art und Weise der digitalen Kommunikation auf den Kopf gestellt hat, erschien im Jahr 2010 ein anderer Messenger-Dienst namens Kik. Die App schwamm im Sog des WhatsApp-Booms eine ganze Weile mit. Da es in der jüngsten Vergangenheit ruhiger um Kik geworden ist, hat sich TECHBOOK einmal angeschaut, was aus dem Messenger geworden ist.
Studenten gründen den Messenger Kik
Zunächst einmal beginnt die Recherche mit einer Überraschung. Die App ist im Play Store von Google nicht mehr gelistet. Der aktuelle Eigentümer, die US-amerikanische Holding-Gesellschaft Medialab, ließ über die Kik-Webseite mitteilen, das Team arbeite an einer Lösung.
Das wiederum passt zur Geschichte von Kik. Irgendwie bleibt vieles mysteriös. Die Kik Interactive Inc. entsteht im Jahr 2009. Dahinter stehen einige geschäftstüchtige Studenten der University of Waterloo im kanadischen Ontario. Im Oktober 2010 erscheint das erste Produkt der Firma, der Kik-Messenger.
Kik landet zielsicher auf der dunklen Seite
Das Interesse an dem neuen Chat-Dienst steigt rasch an, vor allem bei Teenagern zwischen 11 und 15 Jahren. Diese Zielgruppe interessiert sich vor allem für eine Kik-Funktion, die WhatsApp nicht zu bieten hat: Die Anmeldung nur per Benutzername, ganz ohne Preisgabe der eigenen Telefonnummer.
Anonymität als Geschäftsmodell rückt Kik allerdings schnell in die dunkle Ecke des Internets. Denn die App, die von sehr vielen jungen Usern benutzt wird, lockt viele Menschen mit pädophilen Absichten an. Für sie dient die anonyme Kontaktmöglichkeit als Einfallstor.
Da sich über Kik auch Mediendateien verschicken lassen und zufällige oder gezielte Video-Chats möglich sind, gerät die App schnell in Verruf. Ermittlungsbehörden und Jugendschützer warnen vor der Nutzung, weil immer wieder Fälle von Cybermobbing, Grooming und sexueller Belästigung bekannt werden.
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Auf dem Höhepunkt 300 Millionen User
Der kanadische App-Betreiber reagiert zwar, allerdings nicht wirklich konsequent. In den eigenen Richtlinien taucht der Hinweis auf, Kik sei nur für Personen ab 18 Jahren zugänglich. Der Altersnachweis soll über eine externe Verifizierungs-App erfolgen. Doch stichprobenartige Tests zeigten: Eine Altersverifikation gab es nur auf dem Papier.
Auf dem Höhepunkt, Mitte der 2010er-Jahre, nutzten über 300 Millionen Menschen den Messenger. Damit gehörte Kik zwar zu den bekannteren Messaging-Diensten, aber bei weitem nicht zu den beliebtesten. Zudem hat Kik mit Snapchat inzwischen relevante Konkurrenz in Sachen anonymes Chatten bekommen.
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Der Abstieg in die Bedeutungslosigkeit
Kik versucht, das Ruder zu wenden, und probiert neue Wege aus. Ab dem Jahr 2016 experimentiert der Messaging-Dienst mit automatischen Chatbots für verschiedene Zwecke. Damit möchte der Anbieter vor allem für Unternehmen interessanter werden. Die könnten die neuartige Technik nutzen, um ihre Werbebotschaften auf attraktive Weise an die junge Zielgruppe zu kommunizieren.
Doch gleichzeitig planen auch Branchenriesen wie Facebook die Einführung von Chatbots. Der technische Vorsprung für Kik vor den Wettbewerbern fällt geringer aus als erwartet. Denn schon bald verfügen alle größeren Messenger über eine solche Bot-Funktion.
So beginnt der langsame Marsch in die Bedeutungslosigkeit für Kik. Inzwischen ist die App eine von ganz vielen Messengern. Im Jahr 2017 unternehmen die Macher einen weiteren Versuch, sich von der Konkurrenz abzusetzen. Es wird der letzte sein. Mit Kin entwickeln sie eine Kryptowährung auf Blockchain-Basis. Diese Währung soll als Zahlungsmöglichkeit über Kik etabliert werden. Doch damit übernimmt sich der kanadische Anbieter komplett.
Kik lebt als „digitaler Zombie“ weiter
Im Oktober 2019, ziemlich genau neun Jahre nach der Veröffentlichung, erklärt Ted Livingston, einer der Kik-Gründer und inzwischen CEO, das Aus für den Messenger. Seitdem führt Kik eine Art digitales Zombie-Dasein.
Die Holding-Gesellschaft Medialab führt Kik seit dem „Aus“ weiter. Größere Aufmerksamkeit erzeugt das Messenger-Urgestein schon länger nicht mehr, außer wenn die App einmal kurzzeitig nicht als Download in den üblichen App-Stores verfügbar ist. Inzwischen lässt sich Kik im Play Store wieder herunterladen. Vermisst haben die App vermutlich die wenigsten.