27. September 2026, 12:51 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Wenn Du die 1990er-Jahre aktiv erlebt hast, bist Du sicher nicht an Microsoft Solitär vorbeigekommen – kaum ein anderes Spiel war damals auf so vielen Computern zu finden. Und während man heutzutage echte Blockbuster-Computerspiele meist mit fotorealistischer Grafik, gigantischen Spielwelten oder cineastischen Zwischensequenzen assoziiert, hat Solitär nichts davon – und ist trotzdem bis heute eines der bekanntesten Computerspiele aller Zeiten. TECHBOOK beleuchtet, wie die simple digitale Version eines einfachen Solo-Kartenspiels so erfolgreich werden konnte.
Die Vorlage für das Kult-Computerspiel Solitär waren klassische Patience-Spiele, und diese reichen schon eine ganze Weile zurück. Man geht davon aus, dass das Kartenspiel im 18. Jahrhundert in Europa erfunden wurde – womöglich aus Langeweile durch einen französischen Adeligen? So ist es unter anderem auf dem Portal „Patience.org“ nachzulesen.
Gesichert ist dagegen, dass sich die verschiedenen Patience-Varianten im Laufe des 19. Jahrhunderts immer weiter verbreiteten. Sie wurden schnell zu einem beliebten Zeitvertreib, was sicherlich mit ihrer einfachen Verfügbarkeit und der Möglichkeit, sie allein zu legen, zusammenhing.
Computerspiel beruht auf Klondike Solitär
Im deutschsprachigen Raum setzte sich für die analogen Kartenspiele der Begriff „Patience“ durch, während im englischen Sprachraum meist von „Solitär“ gesprochen wurde. Microsoft griff später für seine berühmte Computerumsetzung eine bestimmte Variante auf: Klondike Solitär, die bekannteste Form des klassischen Patience-Spiels. Diese soll ihren Namen vermutlich während des Goldrauschs im kanadischen Yukon erhalten haben.
Falls Du nicht weißt, wie das Spiel funktioniert: Man muss alle 52 Karten auf vier Ablagestapel sortieren, getrennt nach Herz, Karo, Pik und Kreuz und jeweils vom Ass bis zum König. Die sieben Auslagestapel werden dabei abwechselnd in Rot und Schwarz sowie in absteigender Reihenfolge aufgebaut.
Und nun zu einem spannenden Detail. So erfolgreich Solitär später auch werden sollte – seine Entstehung war keineswegs eine große strategische Entscheidung der Microsoft-Führung. Tatsächlich ist die Geschichte hinter dem Kultspiel nicht minder interessant als das Spiel selbst.
Microsoft-Praktikant entwickelte das Kultspiel in seiner Freizeit
1988 absolvierte Wes Cherry ein Praktikum bei Microsoft. Wie er Jahrzehnte später selbst in einer Diskussion auf Reddit schilderte, programmierte er Solitär in seiner Freizeit für Windows 2.1. Inspiriert habe ihn eine ähnliche Version auf dem Macintosh, die er während des Studiums gespielt hatte.
Die größte Herausforderung war damals nicht die Spielidee, schildert er, sondern die Technik. Die Grafik-Hardware der späten 1980er-Jahre war so langsam, dass bereits das flüssige Ziehen einer Karte über den Bildschirm aufwendig optimiert werden musste. Über eine interne Microsoft-Spielesammlung gelangte das Programm schließlich 1990 in Windows 3.0 und wurde damit erstmals Millionen von PC-Nutzern zugänglich. In den folgenden Jahren entwickelte sich Solitär zu einem weltweiten Kultspiel, das Generationen von Computeranwendern begleiten sollte.
Man darf an der Stelle erwähnen, dass auch die Grafikdesignerin Susan Kare einen wichtigen Anteil am Solitär-Erfolg hatte. Genauer gesagt war sie für das ikonische Erscheinungsbild verantwortlich: Sie gestaltete die berühmten Solitär-Spielkarten für Windows.
Schöpfer von Solitär erhielt keinen Cent
Für Microsoft war Wes Cherry also ein echter Glücksgriff. Der Konzern hält das Kultspiel bis heute am Leben und verdient daran natürlich Geld. Cherry selbst wiederum profitierte gar nicht vom späteren Erfolg von Solitär. Der damalige Praktikant erhielt nach eigenen Angaben lediglich einen IBM-XT-Computer, den er während seiner Zeit bei Microsoft nutzen konnte, um Fehler im Spiel zu beheben. Tantiemen? Fehlanzeige.
Nun war Solitär also entstanden. Aber warum ging es so wahnsinnig durch die Decke?
Gründe für den Mega-Erfolg von Solitär
Der Reiz von Solitär liegt letztlich wohl in denselben Eigenschaften, denen schon die klassischen Patience-Spiele ihre Beliebtheit verdanken. Man spielt allein, die Regeln sind innerhalb weniger Minuten verstanden und die ersten Erfolgserlebnisse lassen nicht lange auf sich warten. Jede Partie verläuft anders, was für Abwechslung sorgt.
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Dabei kommt Solitär ganz ohne vieles aus, was moderne Spiele heute ausmacht. Es gibt keinen Gegner, keinen Zeitdruck und keine komplizierten Menüs. Gerade diese Ruhe dürfte ein wichtiger Teil des Erfolgs sein. Eine Runde dauert oft nur wenige Minuten, und trotzdem fühlt sich eine gewonnene Partie wie ein kleiner Erfolg an.
Und apropos Erfolg. Die digitale Variante verstärkte dieses Gefühl zusätzlich – durch eine Animation, die damals bemerkenswert war. Wer eine Partie gewann, wurde mit einem kleinen Siegesfeuerwerk belohnt: Die Karten sprangen quer über den Bildschirm und hüpften scheinbar chaotisch nach unten. Diese Special Effects, die ganz nebenbei zu einem der bekanntesten visuellen Markenzeichen der Windows-Geschichte wurden, machten jede gewonnene Partie ein bisschen besonderer, und schon allein dadurch Lust auf mehr. Aber natürlich verliert man auch mal, und ebenso in dem Fall ist ein Anreiz geschaffen, noch einmal zu spielen.
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Spiel und Lernprogramm
Heutzutage gehören grafische Benutzeroberflächen längst zum Alltag. Aber versetze Dich mal zurück in die anfänglichen 1990er-Jahre – damals war das Prinzip noch völlig neu für viele Menschen. Maussteuerung, Anklicken, Drag-and-drop … alles ungewohnte Handlungen, die man erst mal erlernen musste. Dabei übernahm Solitär eine überraschend bedeutende Rolle. Durch das Verschieben der Karten mit der Maus lernten die Nutzer spielerisch den Umgang mit dem Computer. Sie erlangten Übung darin, Objekte anzuklicken, Dateien zu verschieben, Fenster zu bedienen und präzise mit dem Mauszeiger umzugehen.
Passenderweise wurde das Büro zum Schauplatz des großen Siegeszugs von Solitär. In den 1990er-Jahren liefen viele Bürorechner mit Windows – und damit war Solitär meist bereits vorinstalliert. Dies führte auch dazu, dass das Spiel mit der Zeit ein wenig als Produktivitätskiller in Verruf geriet.
Solitär schaffte es erst 2006 – also eigentlich eine ganze Weile nach der Blütezeit des Computerspiels – in die Schlagzeilen, als ein New Yorker Arbeitgeber einen Mann entließ, da er das Spiel während der Arbeitszeit auf dem Bildschirm seines Rechners offen hatte. „Der Arbeitsplatz ist kein geeigneter Ort für Spiele“, soll der echauffierte Boss laut einem Bericht von „NBC News“ erklärt haben. Der Angestellte war sechs Jahre lang Teil der Firma gewesen, die Kündigung erfolgte mit sofortiger Wirkung.
Solitär altert gut
Im Jahr 2019 wurde Microsoft Solitär in die Video Game Hall of Fame aufgenommen – eine Auszeichnung, die den nachhaltigen Einfluss des Spiels auf die Videospielkultur unterstreicht. Zu diesem Erfolg trug auch seine kontinuierliche Weiterentwicklung bei. Im Laufe der Jahre ergänzte Microsoft das klassische Solitär um Varianten wie FreeCell, Spider, Pyramid und TriPeaks. Seit Windows 10 sind diese Varianten in der Microsoft Solitär Collection enthalten. Das Spiel lässt sich seither, wenn gewünscht, um tägliche Herausforderungen, Erfolge und Online-Statistiken erweitern.
Dank der Verfügbarkeit auf PCs, Smartphones und Tablets zählt Solitär bis heute zu den beliebtesten Computerspielen weltweit. Zum 30-jährigen Jubiläum des Kultspiels – das war 2020 – sprach Microsoft von mehr als 35 Millionen aktiven Spielern pro Monat aus rund 200 Ländern.
Anders als viele andere Klassiker wirkt Solitär auch nach Jahrzehnten nicht aus der Zeit gefallen. Das Spiel folgt keinen Trends und benötigt keine aufwendigen Updates, um zu funktionieren – nicht einmal Internet. Gerade in einer Welt voller Live-Service-Spiele und ständiger Neuerungen liegt der Reiz vielleicht darin, dass Solitär einfach das bleibt, was es stets war: ein ruhiges, zeitloses Kartenspiel.