14. September 2025, 16:06 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Heute sind Computerspiele in der digital vernetzten Welt auf sämtlichen Geräten verfügbar. In den Games-Anfängen vor über 50 Jahren brauchte es noch spezielle Geräte, um zu zocken. Die Videospielkonsole von Atari dürfte für viele der erste Kontakt mit digitalen Spielen gewesen sein. Die Geschichte wäre allerdings ganz anders verlaufen, wenn die Firma Fairchild seine eigene Konsole Channel F nicht als reines Abfallprodukt auf den Markt geworfen hätte. TECHBOOK erzählt in diesem Artikel, die Geschichte eines großen Missverständnisses.
Die 1957 gegründete Firma Fairchild Semiconductor gehört bis heute zu den Vorreitern in Sachen integrierte Schaltkreise und Halbleiter. Das US-amerikanische Unternehmen legt bereits in den 1960er-Jahren die Grundlage für heutige Computer und Smartphones. Gleichzeitig gehört Fairchild zu den ersten Unternehmen im kalifornischen Sunnyvale. Heute ist die Region unter dem Namen „Silicon Valley“ bekannt.
Zum Entwicklerteam von Fairchild zählen unter anderem Robert Noyce und Gordon Moore. Diese beiden gründen später eine andere sehr bekannte Firma namens „Intel“. Gordon Moore ist außerdem der Urvater des Mooreschen Gesetzes. Dieses besagt, die Leistungsfähigkeit von Computer-Chips verdoppelt sich etwa alle 18 Monate. In der Reinform gilt diese Regel heute zwar nicht mehr. Das Mooresche Gesetz hatte in den Anfängen der Computerisierung allerdings lange Zeit Bestand.
Spielekonsole als Abfallprodukt
Wie kommt der Chip-Hersteller Fairchild also dazu, eine Videospielkonsole zu entwickeln? Erst einmal gar nicht. Sämtliche Vorarbeiten leistet die Firma Alpex. Der erste Prototyp einer Videospielkonsole mit integriertem Prozessor wird 1974 fertiggestellt. Doch Alpex besitzt nicht die finanziellen Möglichkeiten, um die eigene Konsole zu vermarkten.
Auf der Suche nach zahlungskräftigen Unternehmen geht auch eine Anfrage an Fairchild heraus. Das Unternehmen zeigt großes Interesse, möchte die Konsole allerdings mit den selbst entwickelten Prozessoren bestücken. Bei Fairchild denkt niemand an das mögliche Potenzial von Videospielkonsolen. Den Verantwortlichen geht es nur darum, die Leistungsfähigkeit der eigenen Prozessoren zu demonstrieren.
Im Sommer 1976 stellt Fairchild seine Konsole Channel F auf der Consumer Electronics Show in Chicago vor. Allerdings handelt es sich nur um ein Ausstellungsstück ohne jegliche Funktionalität. Doch interessierte Medienvertreter erkennen sofort das Potenzial der neuen Konsole. Für Fairchild bleibt die Konsole ein reines Abfallprodukt, um die eigene Chip-Entwicklung voranzutreiben.
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Medien zeigen sich begeistert
Daran ändert auch die überschwängliche Berichterstattung in den Medien nichts. Immerhin handelt es sich um die erste Konsole mit Prozessor und Arbeitsspeicher. Dadurch lassen sich erstmals Spiele direkt über die Konsole starten oder über austauschbare Steckmodule spielen. Auch das eine Pionierleistung.
Channel F verfügt über Tennis und Hockey als fest integrierte Spiele. Später kommen insgesamt über 20 weitere Games als Steckmodule hinzu. Die Steuerung erfolgt über zwei festverbaute Joysticks. Die Handhabung ist allerdings kompliziert. Spielfiguren lassen sich nach rechts, links, oben und unten bewegen. Zudem kann der Joystick gedreht, gedrückt und gezogen werden. Einen Feuerknopf gibt es nicht.
Dafür lassen sich Spielstände dank des Speicherchips zum ersten Mal sichern. Auch neu: Channel F bietet nicht nur die Variante gegen einen menschlichen Gegner zu kämpfen, sondern ermöglicht auch ein Duell gegen den Computer.
Das Gerät findet in verschiedenen Varianten den Weg nach Deutschland. Saba nennt seine Konsole Videoplay, Nordmende Teleplay und ITT tauft sein Gerät auf den Namen Telematch Processor. Alle drei Konsolen basieren auf dem Urtyp Channel F von Fairchild.
Channel F vergleichbar mit der Mondlandung
Weil Fairchild allerdings weiterhin kaum Interesse zeigt, die Vermarktung der Spielekonsole voranzutreiben, tauchen schnell wesentlich geschäftstüchtigere Wettbewerber auf. Einer davon ist Atari im Jahr 1977, also nur ein Jahr später.
Mit seinem Video Computer System – kurz: VCS – bringt Atari eine deutlich leistungsstärkere Konsole auf den Markt und wird damit die Ära der Videospiele begründen. Fairchild verschwindet lautlos von der Bildfläche der Konsolen-Hersteller. Als hätte es nie eine Konsole Channel F gegeben – F wie „Forgotten“, also vergessen.
Das Unternehmen selbst wird es verschmerzt haben. Denn als ein erfolgreicher Konsolen-Hersteller in die Geschichte einzugehen, ist nie das Ziel von Fairchild gewesen. Als Chip-Hersteller macht sich das Unternehmen einen Namen. Im Jahr 2016 übernimmt mit ON Semiconductor ein Konkurrent das Unternehmen für über 2 Milliarden US-Dollar.
Damit endet die Geschichte von Fairchild nach über 60 Jahren. Auch wenn die Fairchild Channel F für das Unternehmen nur eine winzige Episode in der Unternehmensgeschichte ausgemacht hat, ist sie im Bereich der Konsolen-Entwicklung vergleichbar mit der ersten Mondlandung.