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Ein alptraumhaftes Idyll

Rollenspiel-Knaller „Elden Ring“ im Test

Elden Ring
„Elden Ring“ ist höllisch schwer. Wer Erfolg haben will, muss in der Regel erstmal scheitern, um es dann im nächsten Anlauf zu schaffen.Foto: Bandai Namco/dpa-tmn

Im Actionrollenspiel „Elden Ring“ gehört der Tod zum Spielprinzip. Das verspricht viele schmerzvolle Frustmomente für Spieler und Spielerinnen, denen keine Herausforderung zu groß ist.

„Demon’s Souls“, „Dark Souls“, „Bloodborne“ – in den Spielen des japanischen Kult-Entwicklungsstudios From Software geht es nicht nur dem Namen nach düster zu.

Ein immens hoher Schwierigkeitsgrad und viele Gruselmomente haben dem Studio zahlreiche treue Fans eingebracht, die ihre Lieblingsspiele „Soulsbornes“ nennen. Mit „Elden Ring“ soll jetzt der Massenmarkt erobert werden.

Deshalb hat man sich die Hilfe des Game-of-Thrones-Autors George R. R. Martin geholt. Inzwischen geben alle Beteiligten kleinlaut zu, dass sein Anteil am Spiel nur gering war und schon seit einiger Zeit abgeschlossen ist. Dieser zweifelhafte Publicity Stunt hat sich aber nicht negativ auf das Spiel ausgewirkt.

Die Kunst des Scheiterns

Die Welt von „Elden Ring“ ist malerische Naturidylle und Alptraum zugleich. In einem Moment reiten Spieler und Spielerinnen als stolze Krieger gemütlich durch die Lande und im nächsten Moment tauchen deformierte Trolle oder riesige feuerspeiende Drachen auf.

Einmal unbedarft eine Truhe geöffnet und schon landet man in einem von Monstern strotzenden Bergwerk. Oder plötzlich taucht aus den schwammigen Gewässern eine Riesenkrabbe auf, die mit ihren Scheren die Kämpfer zerfetzt.

Prominente Mitwirkung?
Kampf, Magie, Geister – also alles ein wenig wie Game of Thrones? Die Mitwirkung von Fantasy-Autor George R. R. Martin an «Elden Ring» war wohl eher gering.Foto: Bandai Namco/dpa-tmn

Die Botschaft ist klar: nicht unvorsichtig werden, der Tod wartet in jeder Ecke. Dieses Credo haben die Fans schon seit dem ersten offiziellen „Soulsborne“-Spiel „Demon’s Souls“ verinnerlicht. In einer Videospielewelt, die 2009 dazu strebte, alles einfacher und zugänglicher für einen Massenmarkt zu machen, war das düstere Ritterabenteuer ein Kulturschock.

From Software und Chefdesigner Hidetaka Miyazaki zeigten sich unnachgiebig: gnadenlose Gefechte mit Schwertern, Lanzen und Äxten gegen Zombies und anderen Monster an deren Ende schon mal der Verlust des halben Spielfortschritts stehen konnte. Deshalb war es normal, wenn sich Spieler und Spielerinnen stunden- oder tagelang die Zähne an einem besonders schweren Gegner ausbissen.

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Hardcore-Gaming für den Massenmarkt

Macht das trotzdem Spaß? Es scheint so. Die Fangemeinde ist in den letzten Jahren stetig angewachsen. Mit „Elden Ring“ soll sie noch größer werden. Dazu kehrt das Studio nicht nur zu ihren Wurzeln ins europäische Mittelalter zurück, sondern setzt auch auf das populäre Open-World-Genre.

Die offene Spielwelt ist dann auch prächtig geraten. Schon zu Beginn können Spieler und Spielerinnen stundenlang durch die Welt streifen, um jedes noch so abseitige Wunder zu erforschen. Visuell sieht das auf den neuen Konsolen von Sony und Microsoft beeindruckend aus, nur auf dem PC kämpft das Spiel unabhängig von der Ausstattung mit Rucklern und anderen technischen Mängeln.

Dem digitalen Tode nah
Sieht aus wie Cowboys im Sonnenuntergang, ist aber ein hartes Duell auf digitales Leben oder digitalen Tod.Foto: Bandai Namco/dpa-tmn

Aber was gibt es in dieser ausufernden Fantasywelt alles zu entdecken! Da reiht sich eine Ruine an die nächste, über einen Sumpf landet man unvermittelt in einer nahezu versunkenen Stadt und in einer stummen Prozession transportieren Gläubige mit zwei Trollen einen Lieferwagen durch die Gegend. Dieser etwas wirre Mix aus Ritterspiel, Dark Fantasy-Epos und Lovecraftschen Horror-Momenten verwirrt Spieler und Spielerinnen und beeindruckt gleichzeitig.

Taktik und Geduld gefragt

Ob das einen sinn ergibt, darf zu Recht gefragt werden. Es geht um mächtige Runen und wer am Ende als Elden Fürst auf den Thron steigt. Mehr erschließt sich nicht aus den Andeutungen und Verweisen. Trotz aller Rätsel und visueller Wunder endet die Erkundungstour in erbarmungslosen Kämpfen. Wo in anderen Spielen auch mal wildes Knöpfchendrücken zum Erfolg führt, verlangt „Elden Ring“ von den Spielern Taktik und Geduld.

Jeder noch so kleine Gegner kann für einen Hitzkopf schnell das Ende bedeuten. Deshalb steht am Anfang erstmal büffeln, um die Angriffsmuster auswendig zu lernen. Manchmal können sie geblockt werden, manchmal reicht ein bisschen Ausweichen, manchmal ein perfekt ausgeführter Konter. Das dauert bei größeren Gegnern, die sich turmhoch vor Spielern und Spielerinnen erheben, oft Stunden. Nichts geht hier auf die Schnelle – „Elden“ Ring ist die Entdeckung der Langsamkeit in der hektischen Videospielewelt.

Wenig Anhaltspunkte
Hallo großer magischer Baum: Worum es in «Elden Ring» wirklich geht und wie man da hinkommt, müssen sich Spielerinnen und Spieler zum größten Teil selbst erschließen.Foto: Bandai Namco/dpa-tmn

Wie in jedem Rollenspiel gibt es Erfahrungspunkte, hier Runen genannt. Mit ihnen können die wagemutigen Krieger und Magierinnen nicht nur ihre Stärke- und Lebenspunkte verbessern, sondern auch Waren kaufen. Mit dem entsprechenden Werkzeug lassen sich auch eigene Tränke herstellen. Aber Vorsicht: mit dem Tod gehen auch die Runen verloren. Nur wer sich mutig zum Tatort zurückkämpft, kann sie wieder retten.

Prachtvoll schwieriges Abenteuer

Dieser hohe Schwierigkeitsgrad ist Segen und Fluch zugleich. Die Fans lieben es in masochistischer Hingabe stundenlang an der Taktik und der richtigen Ausrüstung zu tüfteln. Neulinge werfen dagegen schon nach wenigen Stunden frustriert das Handtuch. Das Entwicklungsstudio macht es ihnen nicht leicht. Wesentliche Spielmechaniken werden nicht erklärt, eine Einführung ist kaum vorhanden und die Menüsteuerung ist kompliziert und unübersichtlich. Wer „Elden Ring“ ganz unbedarft startet, springt ins sehr kalte Wasser.

Düstere Atmosphäre
Dunkle Burgen und der Himmel ist voller düsterer Flieger – «Elden Ring» spart nicht mit typischen Fantasythemen.Foto: Bandai Namco/dpa-tmn

Deshalb ist es nicht verwerflich, Hilfe zu holen. Im Spiel können die Abenteurer Geister beschwören, die im Kampf helfen. Der Koop-Modus lockt andere Spieler und Spielerinnen, die mal mehr oder weniger nützliche Tipps auf Schrifttafeln hinterlassen. Wer gar nicht mehr weiter weiß, tummelt sich in den zahlreichen Internet-Fan-Foren. Hier gibt es Tipps zu Taktiken oder Erklärungen zu jedem Spielgeheimnis. Zum Prinzip der Serie zählt das rätselhafte und kryptische der Spielwelt.

Nur wer in jede Ecke lugt, mit jeder computergesteuerten Spielfigur redet, wird alle Facetten verstehen. Das erfordert viel Zeit, Hingabe und Geduld. Wenn nach dutzenden von Stunden dann endlich der letzte Gegner besiegt ist, dürfen Spieler und Spielerinnen stolz behaupten, eines der schwierigsten und prachtvollsten Actionrollenspiele der letzten Jahre gemeistert zu haben. „Elden Ring“ ist höllisch schwer, aber auch verdammt gut.

„Elden Ring“ von From Software, veröffentlicht von Bandai Namco. Spielbar auf PC, Playstation 4/5 und Xbox One/Series. Kosten: circa 70 Euro, USK ab 16.

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