Völlig unausgereift

Warum keiner die Luftgestensteuerung des neuen LG G8 braucht

LG hat das neue G8 ThinQ auf dem MWC 2019 vorgestellt
LG hat das neue G8 ThinQ auf dem MWC 2019 vorgestellt
Foto: TECHBOOK

Das LG G8 lässt sich mit der Handfläche entsperren und per Gesten steuern. TECHBOOK hat das Gerät auf dem MWC getestet und ist überhaupt nicht begeistert.

High-End-Komponenten im Inneren

Wie es sich für ein High-End-Smartphone im Jahr 2019 gehört, kommt das G8 mit dem aktuell schnellsten Qualcomm-Chip Snapdragon 855, der auch im Galaxy S10 zu finden ist. Standardmäßig sind sechs Gigabyte (GB) Arbeitsspeicher und 128 GB Speicher vorhanden. Andere Hersteller haben mittlerweile die Terabyte-Grenze durchbrochen, LG lässt sich davon jedoch nicht beeinflussen, eine größere Speicheroption ist nicht vorhanden. Immerhin kann der Speicher microSD-Karte um bis zu 512 GB erweitert werden.

Auf der Rückseite sitzt eine Dreifachkamera mit einer 12-Megapixel-Hauptkamera, einer 16-Megapixel-Ultraweitwinkelkamera und einer 12-Megapixel-Telefotokamera mit zweifachem Zoom. Gefallen hat uns die Integration der Kameras unter der Glasrückseite des Smartphones. Ein unpraktischer Kamera-Buckel wie zum Beispiel beim iPhone XS ist also nicht vorhanden.

Der Akku misst 3500 Milliamperestunden (mAh) und kann mit dem mitgelieferten Ladegerät schnell aufgeladen werden. Kabelloses Laden mit langsamerer Geschwindigkeit wird ebenfalls unterstützt.

Vorder- und Rückseite des Geräts sind aus Gorilla Glass 5 und sollten daher einigen Stürzen standhalten. Wie auch bei früheren Modellen der G-Serie hat sich LG auch das G8 als besonders widerstandsfähig gemäß dem US-Militärstandard MIL-STD-810G zertifizieren lassen. Das Gehäuse ist auch wieder nach IP68 für einen Tauchgang in bis zu 1,5m Wassertiefe für eine halbe Stunde gewappnet.

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LG hat auch im G8 wieder seinen bekannten Quad-DAC verbaut, der für besonders gute Audiowiedergabe über Kabel-Kopfhörer sorgt. Ein 3,5mm Klinkenanschluss ist dementsprechend auch verbaut. Für audiophile Smartphone-Nutzer ist die G-Serie daher weiterhin eine echte Option.

Die flache Rückseite des G8 mit den Kameras unter dem Glas

Die flache Rückseite des G8 mit den Kameras unter dem Glas | Foto: TECHBOOK

Neuer „Crystal Sound“ Bildschirm

Wie ich bereits im Hands-On-Test zum Xiaomi Mi 9 berichtet habe, hat es den Anschein, als hätte LG das Rennen um das beste Flaggschiff-Smartphone komplett der Konkurrenz überlassen. Das G8 wirkt einfach altbacken und unterscheidet sich schon optisch kaum vom Vorgänger G7. Das Kinn am unteren Rand ist etwas geschrumpft, die prominente Einbuchtung, oder „Notch“, ist jedoch weiterhin vorhanden. Auch hat der Bildschirm trotz der Notch noch relativ dicke Ränder am oberen Rand und bleibt mit 6,1 Zoll Diagonale in der Größe unverändert. Das Verhältnis der Bildschirmgröße zur Frontseite des Smartphones ist daher im Vergleich zum Vorgänger auch nur um magere 0,9 Prozentpunkte auf 83,5 Prozent angestiegen. Mittlerweile setzen andere Hersteller auf deutlich weniger störende Lösungen von einem kleinen Loch oder einer minimalen Einbuchtung im Display für die Kamera bis hin zu einer ausfahrbaren Kamera.

LG bewirbt das G8 mit einem „Crystal Sound“ Oled-Bildschirm, der als Hörmuschel und als zweiter Lautsprecher dienen soll. Mit dem G7 hatte LG bereits das Gehäuse als Klangkörper für die Musikwiedergabe genutzt, nun soll der Bildschirm selbst auch zum Lautsprecher werden. Die Technologie ist bereits aus dem Xiaomi Mi Mix 2 bekannt, das ebenfalls den Bildschirm als Hörmuschel benutzt. Unter dem Bildschirm sitzt ein sogenannter „Exciter“, der den Bildschirm in Schwingungen versetzt und damit Sound produzieren kann. Zusammen mit dem klassischen Lautsprecher am unteren Rand des Smartphones kann der Bildschirm somit Stereo-Sound ausgeben.

LG G8 ThinQ nutzt OLED-Display als Lautsprecher

Apropos Oled-Bildschirm: Es ist erfreulich, dass LG endlich auf einen Bildschirm mit Amoled-Technologie setzt. Bislang kamen alle Geräte der G-Serie mit einem LCD-Panel, obwohl LG die Amoled-Bildschirme für Googles Pixel 3 herstellt und für seine Oled-Fernseher bekannt ist. Der neue Bildschirm unterstützt weiterhin Dolby Vision und den HDR10-Standard.

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Neue Hand-ID-Technologie, die sicherer als Face ID ist

Der Platz in der Notch, wo sonst die Hörmuschel saß, ist nun mit einem zusätzlichen Sensor bestückt. Es handelt sich um einen Time-of-Flight-Sensor (ToF), der den Abstand eines Objekts präzise messen kann. Ein Infrarotsender der ebenfalls in der Notch sitzt, wirft Licht aus, das dann reflektiert und vom ToF-Sensor erfasst wird.

Die Infrarotstrahlen durchdringen die Innenhaut der Hände und werden vom Hämoglobin in den Adern reflektiert. Dadurch kann der ToF-Sensor eine „Karte“ der Adern erstellen, die laut LG so einzigartig ist, dass die Wahrscheinlichkeit einer Dopplung bei eins zu einer Milliarde liegt. Das würde bedeuten, dass nur sechs Menschen auf der Welt die eigene Ader-Karte mit der von anderen teilen. Deutlich sicherer als Fingerabdrücke oder sogar Gesichter.

Zumindest das Entsperren mit der Hand funktionierte einwandfrei

Zumindest das Entsperren mit der Hand funktionierte einwandfrei | Foto: TECHBOOK

LG benutzt die Einzigartigkeit der Ader-Karte für seine neue Hand-ID-Technologie. Die Hand wird ähnlich wie ein Fingerabdruck einfach eingescannt und kann dann zum Entsperren genutzt werden.

In unserem Hands-On-Test funktionierte das Erkennen und Entsperren der Hand einwandfrei. Allerdings ist der Entsperrvorgang bei weitem nicht so schnell wie mit einem Fingerabdruckscanner. Laut LG wird die Hand in den meisten Fällen in unter einer Sekunde erkannt.

LG G8 verspricht berührungslose Steuerung

Klar, das Smartphone mit wischenden, ziehenden und drehenden Gesten in der Luft zu steuern, klingt futuristisch. LG hat sich hier wahrscheinlich von der Autoindustrie inspirieren lassen, denn dort sind die Luftgesten schon seit einigen Jahren in die Infotainment-Systeme integriert. Sie sollen verhindern, dass der Fahrer durch das Suchen nach dem richtigen Knopf die Augen von der Straße nehmen muss. Neuere Generationen der Autosysteme können bereits Gesten wie das Zeigen nach rechts oder links mit dem Daumen, um vor oder zurück zu spulen, oder das Kreisen mit dem Zeigefinger, um die Lautstärke zu ändern, erkennen. Für Autos ohne diese Funktion könnte das LG G8 eine Alternative sein. Aber auch beim Kochen, wenn die Finger beschmiert sind, oder in der Badewanne mit nassen Händen kann die berührungslose Steuerung von Vorteil sein.

Es wäre also schön, wenn die Luftgestensteuerung funktionieren würde. Leider konnte uns LGs Version dieser Technologie überhaupt nicht überzeugen. Zugegeben, bei dem Testgerät handelte es sich noch um ein Vorproduktionsmodell, die Markteinführung wird erst für das zweite Quartal 2019 erwartet. Dennoch wollte uns LG bereits jetzt die Vorteile des Luftgesten zeigen, mehr als eine Luftnummer ist dabei aber nicht rausgekommen.

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Völlig unausgereifte Technologie

Wir haben die Handerkennung zu zweit getestet und konnten das Smartphone nur in den wenigsten Fällen dazu bringen, unsere Gesten zu erkennen. In der Theorie soll die Hand mit nach vorne gestreckten Fingern auf den Sensor über dem Bildschirm zeigen. Direkt unter der „Notch“ erscheint dann ein kleiner, bunter Strahl, der zu erkennen gibt, dass eine Hand gefunden wurde. Außerdem vibriert das Smartphone gleichzeitig. Dann soll die Hand langsam nach oben – also senkrecht vom Sensor aus – gehoben werden, bis die Luftgestensteuerung in einem Pop-up auf dem Bildschirm erscheint. In dem Pop-up erscheinen nun zwei Optionen, die vorher in den Einstellungen festgelegt werden können. Nun kann man mit weiterhin geschlossenen Hand in der Luft nach links oder rechts gehen und der Sensor überträgt die Bewegung und öffnet entweder die linke oder rechte Option.

 

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Im Test funktionierte die Handerkennung jedoch nur in den wenigsten Fällen. Die meiste Zeit hat der Sensor zwar eine Hand erkannt, die Schwelle zum Auslösen des Pop-ups konnten wir aber nur mit viel Geduld und einer Prise Glück finden. Immerhin funktionierte die Steuerung recht gut, wenn einmal die Finger erkannt wurde. In der Mitte des Pop-ups werden die einzelnen Finger exakt angezeigt, der Sensor ist also durchaus in der Lage, deren Position zu bestimmen.

Der Versuch, die Lautstärke des G8 per Dreh-Geste zu verändern

Der Versuch, die Lautstärke des G8 per Dreh-Geste zu verändern | Foto: TECHBOOK

Besonders frustrierend war die zugegeben sehr coole Funktion, die Lautstärke des Smartphones mit einer Drehgeste zu verändern. Wie bei einer klassischen Audioanlage mit großem Drehknopf soll man hier theoretisch mit den Fingern an einem unsichtbaren Rädchen drehen. Während Stephan es tatsächlich ein paar mal geschafft hat, die Musikwiedergabe lauter und leiser zu stellen, habe ich nach Minuten des Versuchens und Scheiterns aufgegeben. Die freundliche Produkt-Managerin von LG, die uns das G8 gezeigt hat, wusste auch nicht so recht, wieso es bei mir einfach nicht klappen wollte. Angeblich bräuchte es jedoch nur ein bisschen Übung, bis die Gestensteuerung ganz natürlich kommen würde.

TECHBOOK meint

„Ich bin ohne Erwartungen an das neue G8 herangetreten und wurde leider von LGs Versuchen, dem Smartphone eine eigene Identität zu geben, enttäuscht. Die Funktionen wirken unnötig und unausgereift und darüber hinaus hat das Smartphone nicht viel zu bieten. Der Look wirkt veraltet, die Leistung liegt nur auf einer Linie mit anderen High-End-Geräten. Da sich LG erfahrungsgemäß beim Preis an Apple und Samsung orientiert und das G8 daher nicht mal als günstiger Geheim-Tipp eine Nische hat, bleibt nicht mehr viel, das für das Gerät spricht. Einzig die Audioqualität des Quad-DACs und die robuste Bauweise stechen hervor, aber ist das auch genug?“ – Adrian Mühlroth, Redakteur