22. September 2025, 8:02 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Mitte der 1990er-Jahre, zu Beginn des Internet-Zeitalters, gab es nur einen Wunsch: eine eigene Homepage im World Wide Web. Die Vorstellung, Menschen streifen durch das Internet und landen plötzlich auf der eigenen Website, fühlte sich verdammt gut an. Besucherzähler, Gästebuch, pixelige Bildchen oder animierte Schriften finden sich heute auf keiner Homepage mehr. Damals schon, und nicht zu knapp. Geocities bot dafür einen einfachen Web-Baukasten. TECHBOOK nimmt Sie mit auf eine Zeitreise in die bunte Online-Welt der frühen 1990er-Jahre.
Das frühe Internet ist kreativ, verrückt und auf keinen Fall langweilig. Menschen begegnen sich plötzlich digital und online, ein völlig neues Gefühl. Der eigene Nachbar in der realen Welt war plötzlich nur noch interessant, wenn er eine eigene Website hatte.
Genau dieses Gefühl greift Geocities auf. Ursprünglich möchten die Gründer David Bohnett und John Rezner lokalen Unternehmen an der Westküste der USA eine einfache Möglichkeit bieten, ihr Angebot im Internet zu präsentieren. Wir schreiben das Jahr 1994.
Geocities, eine digitale Nachbarschafts-Community
Viele Menschen, die Geld verdienen möchten, entdecken damals das Potenzial, welches im weltumspannenden World Wide Web steckt. Geocities gehört daher nicht zu den ersten Anbietern von Webspace. Allerdings wählen die beiden Gründer einen ungewöhnlichen Ansatz. Sie vermarkten ihr neues Portal als große Online-Community, als ein weltweites, digitales Nachbarschaftsnetz. Das trifft bei vielen Menschen genau den richtigen Nerv. Auch beim Autor dieser Zeilen.
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Ich habe damals auch meine erste Online-Präsenz mit Geocities aufgebaut. Das Angebot war einfach zu verlockend. Satte 15 MB standen jedem User kostenlos zur Verfügung, um die eigene Homepage im Web auszuschmücken. Wie eine „gute“ Homepage aussieht und was sie ausmacht, wusste niemand. Das war auch völlig egal. Spaß regierte beim Basteln der ersten eigenen Homepage.
Vorwissen hatten die wenigsten User. „Learning by doing“ lautete die Devise der ersten Stunde. Mit Geocities waren auch komplette Laien schnell im Netz. Zum Angebot gehörte ein simpler Web-Baukasten, wie ihn heute viele Webhoster im Angebot haben. Für etwas fortgeschrittenere User bot Geocities auch einen HTML-Editor. Damit konnte die eigene Website noch etwas individueller gestaltet werden.
Verlinkung untereinander erhöht den Traffic
Alle anderen nutzten das verfügbare Angebot an blinkenden GIFs, Cliparts und den bereits erwähnten Tools wie das Gästebuch oder den Besucherzähler. In einer Zeit, in der die Welt nicht rund um die Uhr online gewesen ist, waren solche Dinge wichtig. Allein das Finden einer Seite glich der Suche nach dem verlorenen Schatz. Es gab zwar Suchmaschinen, die Einträge wurden allerdings zum Teil noch per Hand gepflegt. Eine Technologie wie Web-Crawling bei Google gab es damals nicht.
Wer eine Website gefunden hatte, trug sich daher pflichtbewusst in das Gästebuch ein, um den Betreiber der Seite über den Besuch zu informieren. Und die heutige Sucht nach Likes war in den 1990er-Jahren der regelmäßige Blick auf den Besucherzähler. Wow, noch drei Aufrufe und die 100er-Besuchermarke ist geknackt.
Geocities versuchte, den Traffic durch den Community-Gedanken zu erhöhen. Deswegen wurde den eigenen Usern empfohlen, sich untereinander zu verlinken. Jede Homepage hatte auch eine Rubrik mit Links zu empfehlenswerten Websites. Hier tauchten dann eine ganze Menge Geocities-Websites auf. So wuchs die Plattform nach und nach zu einer großen virtuellen Nachbarschaft heran.
Um das Auffinden neuer Geocities-Seiten etwas einfacher zu gestalten, bildeten sich dann verschiedene thematische oder regionale Communitys. Diese wiederum bauten untereinander ein enges, buntes Netzwerk auf. Im Grunde war Geocities ein vereinfachter Vorläufer des späteren Web 2.0.
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Yahoo-Übernahme leitet Ende ein
Ende der 1990er-Jahre verfügt Geocities über eine Million User. Das Portal gehört zu den Top 5 der meistbesuchten Websites. Der Erfolg scheint unaufhaltsam. Doch eine einzige Übernahme reicht aus, um den Höhenflug abrupt zu stoppen.
Yahoo zahlt damals über 3,5 Milliarden US-Dollar für die Online-Community. Doch diese Investition wird sich am Ende nicht rentieren. Die Gründe dafür sind vielfältig. Kurz nach der Übernahme kam es im März 2000 zum Platzen der sogenannten Dotcom-Blase. Viele spekulative Investoren verloren eine Menge Geld.
Allerdings vernachlässigte Yahoo die Weiterentwicklung von Geocities und traf zudem falsche Entscheidungen. Einer der ersten Handlungen betraf die Auflösung der regionalen Communitys. Später richtete man den Dienst immer mehr auf Yahoo aus, änderte den URL-Bezug auf Yahoo und die Nutzungsbedingungen. Bisherige Geocities-User sollten ihre Rechte an Inhalten und Bildern an Yahoo abtreten. Daraufhin flüchteten viele alte Geocities-Nachbarn auf andere Plattformen. Social Media ist plötzlich das neue große Ding am Horizont.
Ende 2009 schaltet Yahoo die US-amerikanische Website von Geocities ab. Damals gibt es knapp 40 Millionen Websites, die mit Geocities erstellt worden sind. Eine große Meldung ist die Abschaltung nicht. Denn Yahoo hat in knapp zehn Jahren den einstigen Webhosting-Pionier in eine bedeutungslose Nummer verwandelt. Nur im asiatischen Raum lebte Geocities unter dem Yahoo-Dach noch bis zum Jahr 2019 weiter.
Archivierte Geocities-Seiten
Geocities hat die Anfänge des World Wide Web mit seinem Webhosting-Angebot geprägt. Zum Glück vergisst das Netz nichts. Ehemalige Geocities-User haben alte Websites archiviert. Wer nostalgischen Gefühlen nachhängen oder überhaupt einen visuellen Eindruck von der bunten Onlinewelt in der Frühzeit des Internets bekommen möchte, der kann das tun:
- The Geocities Gallery: Hier gibt es vor allem internationale Geocities-Websites zu bewundern.
- Oocities: In diesem Archiv sind nur deutschsprachige Geocities-Websites versammelt.