10. August 2025, 16:41 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Sie begegnen Ihnen ständig – und das, obwohl ihr Einsatz in der EU eigentlich nicht mehr zulässig ist – und haben Sie womöglich in der Vergangenheit bereits zu Käufen bewogen, die Sie normalerweise nicht getätigt hätten. Dabei sind sie oft so raffiniert gestaltet, dass man gar nicht merkt, dass sie zur Manipulation entwickelt wurden. TECHBOOK erklärt das Prinzip der sogenannten Dark Patterns ausführlich.
Übersicht
Was sind Dark Patterns?
Ihr geläufigster Name „Dark Patterns“ – übersetzt etwa „dunkle Muster“ – sagt zunächst wenig darüber aus, worum es sich handelt. Der Begriff hat sich trotzdem etabliert. Sein Erfinder, der UX-Designer Harry Brignull, spricht inzwischen lieber von „Deceptive Patterns“, also „täuschenden Mustern“. Gemeint sind manipulative Gestaltungselemente in Benutzeroberflächen. Brignull beschäftigt sich seit 2010 mit dem Thema und setze sich weiterhin „mit Leidenschaft für die Identifizierung und Bekämpfung irreführender Designpraktiken“ ein, wie er auf seinem LinkedIn-Profil schreibt. Offenbar ein weites, sich stets entwickelndes Feld.
Die bekanntesten Verteter von Dark Patterns bzw. Deceptive Patterns sind Hinweise wie „Rabatt läuft bald ab“, oft als Pop-ups gestaltet. Man wird damit viel bei Billiganbietern wie Temu und Ali Express konfrontiert. Doch mitunter auch auf als „seriös“ geltenden Websites begegnet man Formulierungen wie „Nur noch 1 Mal verfügbar – schnell zuschlagen!“.
Bemerkenswert ist, dass der Einsatz solcher Methoden eigentlich verboten ist – konkret seit dem Inkrafttreten des Digital Services Act (DSA) im Februar 2024. Das EU-Gesetz regelt den Online-Handel und soll die Rechte von Nutzern stärken. Laut dem Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) bewegen sich viele Dark Patterns jedoch in einer rechtlichen Grauzone. Zu subtil seien zahlreiche Mechanismen, was es im Einzelfall schwer mache, eine gezielte Manipulation eindeutig nachzuweisen. Hinzu kommt: Gerade an Aktionstagen wie dem Black Friday oder dem Singles Day ist es branchenüblich – und gewissermaßen erlaubt –, mit Zeitdruck zu arbeiten, etwa durch Countdown-Timer oder künstliche Verknappung. Der begrenzte Angebotszeitraum dient dann häufig als Rechtfertigung.
Diese Arten von Dark Patterns gibt es
Gemäß der Definition von Harry Brignull gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Dark Patterns, die sich in verschiedene Kategorien einteilen lassen. Einige üben gezielt Druck auf Nutzer aus, um bestimmte Handlungen zu erzwingen, andere schaffen einen operativen Zwang – etwa indem sie Optionen verstecken oder Abläufe unnötig verkomplizieren. Wieder andere setzen auf Irreführung, um etwa Geld, Daten oder Abo-Abschlüsse zu erschleichen oder um zu verhindern, dass Nutzer Prozesse abbrechen.
Eine ausführliche Übersicht über diese Muster findet sich auf Brignulls Website „Deceptive.Design“. Einige davon dürften Ihnen bereits vertraut sein – etwa die künstliche Verknappung (siehe oben) oder getarnte Werbung, bei der Inhalte redaktionell wirken, tatsächlich aber kommerziell sind. Im Folgenden stellt TECHBOOK weitere Beispiele vor.
Comparison prevention
Hier wird es Nutzern schwer gemacht, Produkte zu vergleichen, „weil Merkmale und Preise auf komplexe Weise kombiniert werden oder weil wesentliche Informationen nur schwer zu finden sind“. Zum besseren Verständnis wird ein echtes Beispiel des Mobilfunkanbieters T-Mobile angeführt, bei dem die Leistungen der verschiedenen Tarife leicht unterschiedlich gebündelt dargestellt werden. Bei zwei Tarifen sind Steuern und Gebühren im Preis enthalten, beim dritten hingegen nicht. Da diese fehlen, können Nutzer nicht beurteilen, welcher Tarif günstiger ist.
Confirmshaming
Dieses Dark Pattern (übersetzt etwa „Scham durch Bestätigung“) zielt darauf ab, beim Nutzer Schuldgefühle, Scham oder andere unangenehme Emotionen auszulösen, um sein Verhalten zu beeinflussen. Ein Beispiel hierfür lieferte der Händler von Erste-Hilfe-Sets Mymedic im Jahr 2018: Beim Versuch, Nutzer zur Aktivierung von Browser-Benachrichtigungen zu bewegen, war im Ablehnungsfeld der Text „Nein, ich blute lieber zu Tode“ zu lesen.
Fake social proof
Das soziale Phänomen des Social Proofs ist Ihnen vermutlich bereits vertraut. Es basiert auf der Annahme, dass Menschen sich in vielen Lebenslagen am Verhalten anderer orientieren. So werden etwa bei der Wahl eines Restaurants oft gut besuchte Lokale bevorzugt. Auch in der digitalen Welt gilt Social Proof als Hinweis darauf, dass ein Produkt gut sein muss, wenn viele andere es gekauft haben. Das Dark Pattern Fake Social Proof nutzt deshalb gefälschte Bewertungen und Aktivitätsmeldungen, um Nutzern vorzugaukeln, ein Produkt sei besonders beliebt.
Forced action
Dieses Dark Pattern kann mit anderen kombiniert werden, heißt es im Erklärungstext. Es bietet Nutzern etwas, das sie haben wollen – und verlangt dafür eine Gegenleistung. Das soziale Netzwerk LinkedIn setzte dieses Muster im Jahr 2015 ein. Nutzern wurde eine scheinbar harmlose Seite mit dem Titel „Loslegen mit Ihrer E-Mail-Adresse“ angezeigt. Unter einem Eingabefeld für die E-Mail-Adresse befand sich ein deutlich hervorgehobener „Weiter“-Button, der den Eindruck vermittelte, dieser Schritt sei verpflichtend. Tatsächlich nutzte LinkedIn ihn jedoch, um Zugriff auf das E-Mail-Postfach der Nutzer zu erhalten und ihre gespeicherten Kontakte auszulesen. Zugegeben, dies wurde in einem Fließtext erläutert, wenn auch nicht in vollem Umfang. Zudem war der Hinweis in schwer lesbarer hellgrauer Schrift auf blauem Hintergrund gehalten (siehe Beispiel). Auch der Link „Diesen Schritt überspringen“ war nur klein und am Seitenrand platziert und damit leicht zu übersehen, heißt es in dem Bericht.
Nagging
Ein besonders plumpes Dark Pattern: Es zielt bewusst darauf ab, Nutzern auf die Nerven zu gehen – „Nagging“ lässt sich sinngemäß mit „Nörgeln“ übersetzen. Damit sind Hinweise gemeint, die trotz wiederholten Wegklickens immer wieder erscheinen, bis man schließlich entnervt zustimmt, nur um Ruhe zu haben. Das ist Ihnen vermutlich schon bei der Gestaltung mancher Cookie-Banner aufgefallen. Oft gleicht es einer kleinen Operation, die Nutzung abzulehnen. Aus Bequemlichkeit akzeptiert man am Ende doch alles.
Trick Wording und mehr
Hier werden mehrdeutige Formulierungen und vertraute Erwartungen genutzt, um Nutzer gezielt in die Irre zu führen. Da viele Menschen Inhalte im Netz nur überfliegen, statt jedes Wort aufmerksam zu lesen, sind sie besonders anfällig für solche sprachlichen Täuschungen. Der Text wirkt auf den ersten Blick eindeutig. Er meint aber etwas anderes, oft zuungunsten des Nutzers.
Zwischen 2010 und 2013 soll Ryanair dieses Muster in Kombination mit einem weiteren Dark Pattern – Visual Interference (übersetzt etwa „visuelle Täuschung“) – eingesetzt haben, um Nutzer in eine Kostenfalle zu lenken. Während des Buchungsvorgangs erschien ein Dropdown-Menü mit der Aufforderung „Bitte wählen Sie Ihr Wohnsitzland“. Wer nun ein Land auswählte, schloss damit automatisch eine Reiseversicherung ab. Um diese abzulehnen, musste man das Menü öffnen und gezielt den Punkt „Keine Reiseversicherung erforderlich“ auswählen. Doch dieser war extrem gut versteckt: zwischen den Länderoptionen „Lettland“ und „Litauen“. Ein Screenshot davon ist auf Deceptive.Design veröffentlicht.
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Dark Patterns im Gaming
Auch im Online-Gaming sind Dark Patterns anzutreffen, genauer: „unfaire Praktiken wie Kaufaufforderungen – auch an Minderjährige, intransparente Preisdarstellungen sowie für Nutzer nicht nachvollziehbare oder verwirrende Angebote im Kontext von In-Game-Käufen“. So ist es in einer diesbezüglichen Untersuchung des Verbraucherzentrale Bundesverbands nachzulesen. Die Dark Patterns sollen Spieler zu Entscheidungen bewegen, die eigentlich nicht in ihrem Interesse liegen, auch bei der Nutzerbindung oder Abonnements.
Die dahinter liegenden Mechanismen nutzen gezielt psychologische Effekte aus. Die Spieler sollen länger im Spiel bleiben oder häufiger bezahlen. Ein gängiges Muster ist es, kostenpflichtige Abkürzungen anzubieten, um sich den mühsamen Weg zum nächsten Level zu ersparen. Hinzu kommen tägliche Belohnungen, Countdown-Angebote oder exklusive Items, die nur für begrenzte Zeit und nur für aktive Nutzer verfügbar sind. Solche Elemente binden Spieler an das Spiel und erzeugen künstliche Dringlichkeit. Manche Spiele setzen mithilfe von Dark Patterns bewusst auf Frustration: Nach mehreren verlorenen Runden erscheint plötzlich ein Power-up im Shop, das den Spielverlauf zugunsten des Spielers verändern soll. Ebenso tückisch: undurchsichtige Preismodelle. Virtuelle Währungen werden häufig in ungeraden Paketen angeboten, sodass beim Kauf fast immer ein kleiner Restbetrag übrig bleibt. Genau dieser soll Spieler dazu verleiten, erneut Geld auszugeben.
Wie Sie sich vor Dark Patterns schützen
Dark Patterns sind nicht selten so gestaltet, dass man sie nur schwer als solche erkennen kann. Genau darin liegt ihre Tücke – und der Grund dafür, dass sie trotz Verbots zum Einsatz kommen. Umso wichtiger ist es deshalb, als Nutzer selbst aufmerksam zu bleiben. Die Verbraucherzentrale nennt ein paar bedeutende Vorsichtsmaßnahmen, um den Einfluss vieler Dark Patterns deutlich zu verringern.
- Klicken Sie nicht vorschnell auf Buttons oder Pop-ups. Sehen Sie sich die angebotenen Optionen genau an.
- Besonders bei Formularen lohnt sich ein zweiter Blick. Sind bestimmte Checkboxen vorausgewählt? Was steht da eigentlich genau?
- Auch im Warenkorb sollten Sie vor dem Kaufabschluss alles sorgfältig prüfen. Denn gelegentlich werden dort zusätzliche Produkte oder Leistungen (z. B. eine Versicherung) hinzugefügt, ohne dass man es bemerkt. Das dahinter steckende Dark Pattern heißt Sneak into Basket („in den (Waren-)Korb schummeln“). Es bringt mit sich, dass Produkte oder Leistungen (z. B. eine Versicherung) in den Warenkorb geschmuggelt werden.
- Lassen Sie sich vor allem nicht unter Druck setzen! Hinweise wie „Nur noch 1 Stück verfügbar!“ oder „Gerade 32 Nutzer aktiv“ sollen Sie meist nur zu einem schnellen Kauf bewegen.
- Wenn Formulierungen versuchen, Ihnen ein schlechtes Gewissen zu machen („Nein, danke, ich verzichte auf mein Glück“), ignorieren Sie diese. Qualität überzeugt auch ohne Schuldgefühle.