Erinnerungen an die 90er

Retro-Handy Nokia 8110 im Check

Gelb an Gelb
Das neue «Banana-Phone» spielt mit dem alten Spottnamen aus den 90er Jahren und kommt auch in einer Ausführung in Bananen-Gelb.
Foto: Foto: Andrea Warnecke

Ende der 90er Jahre war das Nokia 8110 die Spitze der mobilen Technik – und eine Design-Ikone. Jetzt ist es wieder da, als zweiter Teil der Retro-Wiederauferstehung von Nokia. TECHBOOK hat es getestet.

Ein Kurier bringt einen dicken Umschlag, daraus fällt ein Telefon, es klingelt – so beginnt die Reise von Hacker Neo in die unheilvolle Realität des 90er-Jahre-Sci-Fi-Epos „Die Matrix“. Mit dabei – durch geschickte Produktplatzierung – das Nokia 8110, damals ein recht hochpreisiges Businesstelefon mit gebogener Bauform und Schiebdeckel über den Tasten.

Bananenhandy ausgeklappt

Schön um die Kurve gezogen. Das Nokia 8110 4G (vorn) greift die Formensprache des Vorbilds auf | Foto: Andrea Warnecke


Nokia 8110 mit altem Curved-Design

Das Design der Neuauflage ist wesentlich reduzierter, keine Vorsprünge, keine Kanten, keine Stabantenne mehr. Stattdessen Glas und Plastik wie aus einem Guss, ein Schiebeschutz über den flachen Plastiktasten, das krümelige LCD-Display (240 zu 320 Pixel) hat etwa die doppelte Größe des Vorbilds. Was es auch nicht gibt, ist die Stabilität des Vorbilds. Das erste 8110 war tadellos verarbeitet, und nichts wackelte. Das neue ist wesentlich zarter, und die Abdeckklappe hat ordentlich Spiel.

Retro-Telefon

Telefonieren like it’s 1999: Das neue Nokia 8110 4G nimmt deutliche Design-Anleihen von Mobiltelefonen der 90er Jahre | Foto: Andrea Warnecke

Nach dem ersten Einschalten und Einrichten wird klar: Das hier soll mehr sein als ein reines Feature Phone. Das neue 8110 läuft mit KaiOS, einer Variante von Linux für Mobiltelefone. Das ermöglicht HMD, den Markeninhabern von Nokia, einige Funktionen, die man auf einem typischen Handy nicht erwarten würde.

Auf E-Mails und UKW-Radio müssen Nutzer nicht verzichten

Das 8110 – ja, es hat Snake installiert – wartet unter anderem mit Youtube-Zugang, der Web-Version von Google Maps und sogar dem – leider nur englischsprachigen – Google Assistant auf. Außerdem gibt es einen MP3-Spieler, UKW-Radio und einen ganz brauchbaren E-Mail-Client – alles Dinge, von denen Besitzer des 90er-Originals vielleicht nicht einmal geträumt haben. Über die Qualität der Fotos der Kamera (2 Megapixel) schweigt man besser dezent.

Minderwertige Kamera

Fotos kann man mit dem Nokia 8110 4G auch machen. Von schönen Blumen zum Beispiel. Sollte man aber nicht, wenn man eine bessere Kamera griffbereit hat. Foto: Andrea Warnecke

Und auch wenn viele neugierige Freunde zunächst versuchen, das neue 8110 mit Tippen und Wischen auf dem Display zu bedienen: Hier gibt es noch ein Steuerkreuz und wahlweise ein Listen- oder Kachelmenü. Wer die alten Mobilfunkzeiten noch kennt, fühlt sich schnell heimisch. Von den recht flachen Tasten einmal abgesehen, lässt sich KaiOS gut bedienen. Für heutige Standards total entnervend sind: SMS schreiben mit T9, WLAN-Passwörter eingeben über die Zahlentasten.

Ja, richtig gelesen: WLAN ist an Bord. Das 8110 verfügt nicht nur über LTE, was es zukunftsfähig und in vielen Netzen weltweit einsetzbar macht. Es kann auch auf das Internet zugreifen. Das macht mit dem eingebauten Browser allerdings keinen Spaß und funktioniert auch eigentlich nur auf für Mobilgeräte angepassten Websites.

Schwarze und gelbe Edition

Seine gebogene Form brachte dem alten 8110 auch den Namen Banana-Phone ein. Die neuen Modelle sind daran angelehnt. Foto: Andrea Warnecke

Ein Smartphone ist das Nokia 8110 trotzdem nicht

Wer sich ernsthaft auf vielen Websites herumtreiben will, macht um das 8110 lieber einen Bogen. Für 10 Euro mehr hat Nokia das Nokia 1 im Angebot – ein ziemlich langsames Smartphone, das aber Android 8, ein größeres Display und Touchbedienung hat. Etwas hilfreicher sind dann schon die schnelle Googlesuche über die Google-App, sogar Youtube-Videos lassen sich – winzig und pixelig – gelegentlich gut ansehen. Im vorinstallierten App-Shop für KaiOS gibt es noch eine Handvoll Spiele, eine Wetter-App und eine recht unbrauchbare Twitter-App. So weit, so schlecht. Aber genug geschimpft.

Etwas zerbrechlicher

Die Zeit bleibt nicht stehen. Der Neubau des Nokia 8110 (l) kann in Sachen Anmutung und Materialstärke nicht mit dem Original (r) mithalten. Auch nach 20 Jahren wackelt und knirscht am Handy-Veteranen nichts, beim Neubau ist da mehr Spiel zwischen den einzelnen Bauteilen. Foto: Andrea Warnecke

Zum Preis von 89 Euro ist das alles nämlich gar nicht mal so übel. Telefonieren und SMS versenden beherrscht das 8110 sehr gut, die Adressbuchverwaltung klappt gut, wer will, kann zwei SIM-Karten parallel betreiben, das Betriebssystem macht das sogar recht einfach. Hinzu kommt die ziemlich gute Akkulaufzeit. Egal was man mit dem 8110 anstellt: Eine Woche Stand-by ist locker drin.

Akku zum Herausnehmen

Zum ThemDer Akku des Nokia 8110 4G lässt sich entfernen. Unter der abnehmbaren Rückseite finden sich auch die Steckplätze für zwei SIM-Karten und eine Speicherkarte. Foto: Andrea Warnecke

Fazit: Nokia 8110 im Check

Den Geist der 90er Jahr holt das neue 8110 4G nicht zurück. Das echte 8110 war zu seiner Zeit ein nahezu unzerstörbares Luxusprodukt. Die Neuauflage ist ein mittelmäßig stabil anmutendes Feature Phone mit einigen interessanten Funktionen. Wer die Optik mag und ein Telefon sucht, das weltweit gut funktioniert und lange durchhält, kann beruhigt zugreifen. Die Grundlagen beherrscht das 8110 wohl genau so gut wie einst das berühmte Vorbild.