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Was kostet wie viel?

Digitale Verwaltung – BayernApp kostete Steuerzahler 920.000 Euro

Die BayernApp bringt die Verwaltung auf Smartphones
Die BayernApp bringt die Verwaltung auf SmartphonesFoto: TECHBOOK

Die BayernApp ist auf Länderebene der Vorreiter für eine digitale Verwaltung vom Smartphone. Im Februar 2021 ging sie ohne viel Aufsehen an den Start. Bezahlt wurde sie mit Steuergeldern. Ein Grund für TECHBOOK, mal genauer hinzusehen und dem zuständigen Bayerischen Staatsministerium für Digitales (StMD) einige Fragen zu stellen.

„(…)Bayern ist damit bundesweit Vorreiter und setzt beim MobileGovernment ein dickes, digitales Ausrufezeichen.“ Unter anderem so sprach Judith Gerlach, Staatsministerin für Digitales in Bayern, bei der Vorstellung der BayernApp am 18. Februar 2021 über das Projekt. Damit hat Gerlach auch recht und es ist zu erwarten, dass weitere Bundesländer nachziehen werden. Mit der BayernApp sollen sich Behördengänge, wie die Beantragung von bestimmten Dokumenten, bequem vom Smartphone aus erledigen lassen. Dies kann als Alternative zur bereits verfügbaren BayernID, einem offiziellen Online-Portal zur Erledigung von Behördengängen, verstanden werden. Doch sind die Entwicklungskosten von 920.000 Euro, die TECHBOOK herausgefunden hat, eigentlich angemessen? Und: wird die BayernApp am Ende auch wirklich Bürgern angenommen?

Knapp eine Million Euro aus Steuergeldern für die BayernApp

TECHBOOK stellte ein Anfrage an das Staatsministerium für Digitales des Freistaats Bayern und fragte nach den Gesamtkosten für das Projekt. Demnach zahlte das Ministerium insgesamt rund 920.000 Euro. Wir schlüsseln auf, welche Teile der App besonders teuer waren.

ArbeitspaketKosten in Euro
(Brutto-Werte)
Machbarkeitstests und Ertüchtigung der BayernID für die Nutzung auf Smartphones und Tablets sowie zur Anbindung an eine App
73.529,45
Tests und Vorarbeiten zur Anbindung von Online-Diensten
46.295,46
Digitalisierungslabor
129.103,10
Design-Entwürfe
9.140,00
Realisierung des App-Baukastens inkl. BayernApp-Programmierung
und Aufbau des App-Backends samt Schnittstellen
551.561,72
Maßnahmen im Rahmen des Sicherheitskonzepts nach BSI-Grundschutz12.205,38
Projektmanagementunterstützung und Test-Labor
76.486,70
Beratung und Tests zur digitalen Barrierefreiheit
6.249,60
Beratungsleistungen und Tests bei der Konzeption und der Umsetzung des App-Baukastens sowie Supportleistungen für AppStore-Accounts
15.397,79
Summe919.969,20

Die größten Einzelposten der BayernApp erklärt

TECHBOOK fragte beim StMD nicht nur nach einer reinen Auflistung der Kosten. Wir wollten außerdem wissen, was hinter den sogenannten Arbeitspaketen steckt. Denn selbsterklärend sind vor allem die teuersten nicht.

Digitalisierungslabor für knapp 130.000 Euro

Unter dem Begriff Digitalisierungslabor dürften sich wohl nur wenige Außenstehende etwas vorstellen können. Es wurde noch vor der Programmierung, also während der App-Konzeption, geschaffen. Gruppen aus Entwicklern, Verwaltungsleuten und Bürger*innen arbeiteten vorab für drei Monate aktiv an der Benutzerfreundlichkeit. Teil des Digitalisierungslabors waren mehrtägige Workshops, Prototyping, User-Tests und Reviews. Am Ende des Prozesses stand laut StMD ein sogenannter Klick-Dummy, die Grundlage zur Programmierung der BayernApp.

App-Baukasten inkl. BayernApp-Programmierung für rund 550.000 Euro

Fast genau 60 Prozent der Gesamtkosten entfallen auf den sogenannten App-Baukasten und die BayernApp selbst. Der App-Baukasten ist dabei die Grundlage. Es handelt sich um ein System, welches zukünftige App-Programmierungen vereinfachen soll. Das StMD stellt den App-Baukasten der kompletten bayerischen Staatsverwaltung zur Nachnutzung zur Verfügung. Konkrete Projekte sind zum jetzigen Zeitpunkt aber noch nicht geplant.

Bei der BayernApp selbst ging es in diesem Arbeitspaket um die Programmierung und den Aufbau des App-Backends samt aller Schnittstellen.

Die Entwicklung der App führte die „Init Aktiengesellschaft für digitale Kommunikation“ durch, wie TECHBOOK auf Anfrage erfuhr. Das Unternehmen mit Sitz in Berlin erhielt den Zuschlag nach einer europaweiten Ausschreibung des Projekts und wurde danach „eng durch das Bayerische Staatsministerium für Digitales begleitet“.

Die Entwicklungszeit für die BayernApp betrug rund ein Jahr. Laut StMD startete diese im Januar 2020 in Form des Digitalisierungsbüros. Die wirkliche Programmierung begann dann im April 2020.

Was kostet es, Apps zu entwickeln?

Sind Gesamtkosten von rund 920.000 Euro eigentlich zu hoch für eine App? Diese Frage lässt sich nur sehr schwer beantworten. Die BayernApp dockt an Schnittstellen der bayerischen Verwaltung an und verarbeitet sehr persönliche und private Daten. Darüber hinaus fanden umfangreiche Tests im Vorfeld statt und ein Baukasten-System wurde geschaffen. Dass hier höhere Kosten anfallen, als bei herkömmlichen Apps, dürfte klar sein. Profis entwickeln einfachere Smartphone-Anwendungen schon ab 10.000 Euro. Aber auch weitaus höhere Summen sind möglich. Zum Vergleich: Die Corona-App kostete in der Entwicklung 20 Millionen Euro – aber eben für ganz Deutschland.

Um die Verwaltung deutschlandweit auf Smartphones zu bringen, müssten andere Bundesländer ebenfalls Geld in die Hand nehmen. Der App-Baukasten wird nämlich laut StMD erstmal nur an die Bayerische Staatsregierung weitergegeben, nicht aber an andere Bundesländer.

BayernApp von weniger als einem Prozent der Bürger*innen genutzt

Um die Kosten der Bayern App besser ins Verhältnis zu setzen, ist es wichtig, zu betrachten, wie viele Bürger*innen die App nutzen. In Bayern leben rund 11 Millionen volljährige Personen (Stand 31.12.19). Diese können theoretisch alle die BayernApp nutzen. Laut StMD liegen die Downloadzahlen der Verwaltungs-App bei ungefähr 33.000 über die Betriebssysteme Android und iOS hinweg. Daraus ergibt sich eine Nutzungsquote von derzeit rund 0,3 Prozent.

Fazit zur BayernApp: Ein teurer, aber wichtiger Schritt

Wie teuer so eine App am Ende ist, hätten wohl viele nicht vermutet. TECHBOOK begrüßt die Entscheidung des Bayerischen Staatsministerium für Digitales, die BayernApp umgesetzt zu haben, aber trotzdem. Denn die BayernApp öffnet das Tor für weitere App-basierte Anwendungen in der Verwaltung. Nicht nur erleichtert es der App-Baukasten der bayerischen Landesregierung, weitere App-Projekte leichter umzusetzen. Die BayernApp könnte auch andere Bundesländer unter Druck setzen, die Digitalisierung weiter voran zu treiben.

Die Herausforderung besteht darin, die BayernApp nun den Bayern schmackhaft zu machen. Gelingt das nämlich auf Dauer nicht, wird das Fazit nachträglich wohl doch eher negativ ausfallen. Wie nun bekannt wurde, hat das StMD aber bereits die Werbeagentur Boy aus Schleswig-Holstein mit einer Kampagne für die BayernApp beauftragt. Es bleibt also abzuwarten, wie sich die derzeit niedrigen Nutzungszahlen danach entwickeln. Fakt ist aber auch, dass die Werbekampagne erneut Steuergelder kosten wird.