25. November 2025, 17:20 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
In Nordkorea ist selbst moderne Technik kein Symbol für Fortschritt, sondern ein Werkzeug der Überwachung. Zwei aus dem Land geschmuggelte Smartphones zeigen eindrucksvoll, wie das Regime selbst kleinste digitale Freiheiten einschränkt.
Übersicht
Sprache, Internetzugang und die Nutzung von Apps werden in Nordkorea streng reguliert – bis hin zur automatischen Korrektur von Wörtern, die der Regierung missfallen. Was auf den ersten Blick wie gewöhnliche Android-Geräte aussieht, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Teil eines engmaschigen Kontrollsystems. Diese Smartphones gewähren einen seltenen Blick in eine digitale Welt, die nur dazu dient, ihre Nutzer im Zaum zu halten.
Seltener Einblick hinter die Mauern des Regimes
YouTuber Arun Maini hat auf seinem Kanal Mrwhosetheboss ein Video über zwei außergewöhnliche Smartphones veröffentlicht. Die Geräte wurden aus Nordkorea geschmuggelt und Maini von der südkoreanischen Publikation Daily NK bereitgestellt, die sich auf Nachrichten aus dem abgeschotteten Nachbarn fokussiert. Bei den Geräten handelt es sich um ein Mittelklasse-Smartphone von Haeyang und ein „Premium“-Modell von Samtaesung (auch als Samtaesong transkribiert). Das Video gibt einen einzigartigen Einblick in das kaum bekannte Technik-Leben in Nordkorea.
Woher stammt die Technik in den Geräten überhaupt? Das weiß keiner so genau. Das Samteasung 8 ist 2023 erschienen und soll fast 1000 US-Dollar (ca. 870 Euro) gekostet haben. Optisch lässt sich das Gerät kaum von dem mittlerweile vier Jahre alten Huawei nova 9 unterscheiden. Mainis Angaben zufolge stammt das Smartphone aus China. Unklar ist aber, ob Huawei es im Geheimen für Nordkorea gefertigt hat. Oder ob Samtaesung das Design schlichtweg von den Chinesen kopiert hat.
Zensur durch Autocorrect
Sprache ist ein mächtiges Werkzeug. Wer die Art und Weise kontrolliert, wie Menschen kommunizieren, kann den Diskurs vorgeben. Deswegen ist der Wortschatz der beiden Nordkorea-Smartphones vom Regime vorgegeben – und das hat ganz genaue Vorstellungen.
Während es bei früheren aus dem Land geschmuggelten Geräten noch möglich war, „Nordkorea“ als Text zu schreiben, lässt das neuere Samtaesung diese Bezeichnung nicht mehr zu. Beim Versuch, das Wort zu schreiben, erscheinen einfach zwei Sterne. Stattdessen dürfen Nutzer das Land nur „Joseon“ nennen – der Name des früheren Königreichs Korea. Südkorea ist ebenfalls nicht im Smartphone-Wortschatz, „Süd-Joseon“ darf man aber schreiben. Besonders rigoros geht Autocorrect auch gegen südkoreanischen Slang vor. Die Wörter werden automatisch zur „anständigen“ nordkoreanischen Version korrigiert. Kurios: Der Name von Kim-Jong Un wird automatisch fettgeschrieben.
Intranet statt Internet
Das ältere Haeyang 701 hat noch das klassische Android-Schnellzugriffsmenü, das man mit einem Wischen vom oberen rechten Bildschirm öffnen kann. Dort ist ein Wi-Fi-Symbol zu finden. Klickt man darauf, passiert … gar nichts. In den Einstellungen existiert die Option ebenfalls. Doch auch hier rührt sich beim Anklicken nichts. Im Samtaesung 8 ist das Wi-Fi-Symbol sogar gänzlich aus Android verschwunden.
Denn in Nordkorea gibt es für Smartphone-Nutzer kein Internet, wie wir es kennen. Die Alternative heißt: Mirae. Für die Nutzung muss man seinen nordkoreanischen Ausweis hinterlegen und eine autorisierte SIM-Karte besitzen. Damit gibt es Zugriff auf das streng kontrollierte Intranet des Landes. Hier sehen Nutzer nur das, was das Regime vorgibt.
Geklaute Inhalte und gefälschte Marken
Das Intranet bietet einen Store, in dem sich Videos und Apps kaufen lassen. Viele der Videos sind jedoch einfach von westlichen Video-on-Demand-Anbietern kopiert. So etwa eine Doku über das englische Fußballteam Arsenal, die eigentlich auf Prime Video läuft. Über den Videos liegt das Logo des nordkoreanischen Unternehmens Taeyong Shinsamon. Ob das wohl für die Rechte an der Übertragung gezahlt hat? Sicher nicht, denn US-Unternehmen dürfen keine kommerziellen Geschäfte mit nordkoreanischen Organisationen eingehen.
Neben geklauten Videos bietet Taeyong Shinsamon auch eine Reihe von mobilen eSports-Spielen an. Eins davon ist „International Soccer League 2.0“. Das Spiel ist erstaunlich realitätsgetreu und bildet die korrekten Kader der einzelnen Fußballteams von 2023 ab. Was jedoch fehlt, sind südkoreanische Spieler wie der damalige Tottenham-Hotspur-Star Son Heung-min. Denn die Tatsache, dass südkoreanische Athleten internationale Karrieren haben können, passt nicht ins Narrativ des Regimes.
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Schnell zum App-Store um die Ecke
Auf den Smartphones sind massenweise Apps vorinstalliert. Kein Wunder, gibt doch der Intranet-Anbieter Mirae selbst eine Geschwindigkeit von gerade einmal 2 bis 33 Megabit pro Sekunde an. Eine 500 Megabyte große App würde damit bis zu 33 Minuten laden müssen. Trotzdem steht ein App-Store zur Verfügung – damit allein kommen Nutzer jedoch nicht weit. Denn für die Aktivierung der Apps müssen sie zu einem physischen Store gehen. Nur dort können die Angestellten die fehlenden Dateien installieren, die für den Start notwendig sind. Doch es geht noch weiter: Die bereits heruntergeladenen Apps können ihre Gültigkeit verlieren. Sie müssen dann gegen Bezahlung reaktiviert werden. Maini zufolge wird damit aus „jeder App ein Bezahl-Abo“. Dafür gibt es aber im Intranet sogar einen Online-Shop für Elektronik, die nach Hause geliefert wird.
Viele der vorinstallierten Apps zeigen beim Start ein Zitat der nordkoreanischen Führer, bevor sie ihren Inhalt laden. Eine der Apps enthält sogar Handbücher für den generellen Umgang in der Gesellschaft. Darin spiegelt sich die Ideologie des nordkoreanischen Regimes wider, die Gesellschaft gleichzuschalten.
Die integrierte Maps-App unterstützt Navigation, allerdings lässt sich nicht weiter als über die Landesgrenzen hinauszoomen. Abgesehen von Südkorea, denn hier zeigt der Kartendienst einfach keine Grenzlinie zwischen den beiden Ländern.
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Überwachung bis ins letzte Pixel
Auf dem Haeyang läuft Android 10, während das Samateasung mit dem ebenfalls völlig veralteten Android 11 kommt. Auf beiden Geräten läuft die invasive „Red Flag“-Software, die tief in das Betriebssystem integriert ist. Sie blockiert den Zugriff auf die Entwickleroptionen, hat aber noch eine viel perfidere Funktion. Alle paar Minuten erstellt sie Screenshots von Inhalten, auf die Nutzer gerade zugreifen. Damit kann das Regime jederzeit kontrollieren, wer was auf seinem Smartphone macht.
Doch die Kontrolle über Red Flag reicht noch viel weiter. Denn nur Apps, Dokumente und Fotos, die ein Zertifikat der nordkoreanischen Regierung haben, lassen sich auf dem Smartphone überhaupt öffnen. Einzige Ausnahme sind Inhalte, die Nutzer selbst erstellt haben – etwa Bilder und Texte. Alles andere lässt sich schlichtweg nicht öffnen. Stattdessen löscht Red Flag diese Inhalte direkt. So kann das Regime sicherstellen, dass keine südkoreanischen oder westlichen Botschaften auf nordkoreanische Smartphones gelangen. Nicht umsonst steht das Konsumieren von südkoreanischem Entertainment unter Todesstrafe.