31. Oktober 2026, 16:52 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Filme- und Serienmacher sind oft sehr kreativ, wenn es darum geht, Horrorszenarien und nervenaufreibende Geschichten zu erfinden. Doch die Realität kann nicht minder gruselig sein – das gilt insbesondere in der Welt der Technologie. Schließlich eröffnen uns die fortschrittlichsten technischen Errungenschaften nicht bloß ungeahnte Möglichkeiten, sie machen uns auch zunehmend abhängig. Und angreifbar. TECHBOOK blickt auf reale Vorfälle zurück, besser gesagt: auf echte Tech-Horrorgeschichten aus der Vergangenheit.
Warum die Tech-Welt eigene Horrorgeschichten schreibt
Die moderne Technik macht es möglich, viele Abläufe zu automatisieren, und das bringt eine Menge Vorteile mit sich – beispielsweise eine große Zeit- und Kostenersparnis. Doch das Ganze hat auch Schattenseiten. Denn klar, wenn wichtige Abläufe von IT-Systemen abhängen, kann bereits ein einzelner technischer Fehler enorme Auswirkungen haben. Gleich mehrere Beispiele für solche Fälle werden Dir in unserer Liste der sieben heftigsten Horrorgeschichten aus der Tech-Welt begegnen.
1. Als plötzlich das halbe Web offline gehen musste
Diese hier etwa ist brandaktuell. Am 21. Oktober schlug das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) Alarm: Eine Sicherheitslücke in PHP – einer Programmiersprache, die seit Jahrzehnten das Fundament unzähliger Websites ist – könnte weltweit unzählige Websites und Online-Dienste gefährden. Die Behörde warnte davor, dass Angreifer die Sicherheitsupdates nach ihrer Veröffentlichung innerhalb weniger Stunden analysieren und daraus passende Angriffswerkzeuge entwickeln könnten. TECHBOOK berichtete hier ausführlicher darüber.
Besonders gruselig: Die Schwachstellen betrafen auch ältere PHP-Versionen. Wie lange sie bereits ausnutzbar waren? Unklar. Es galt, sofort zu reagieren. Und plötzlich wirkte das Web wie eine Geisterstadt. In Deutschland gingen unter anderem die Internetauftritte des Robert-Koch-Instituts, der Charité und der Bundespolizei offline. In den Niederlanden wurden sogar Portale wie DigiD abgeschaltet – das zentrale Online-Log-in-System der niederländischen Regierung, über das Bürger zahlreiche Behördendienste nutzen. Auch in anderen europäischen Ländern und in Japan wurden zahlreiche Websites und Onlinedienste vorsorglich vom Netz genommen.
Inzwischen sind Sicherheitsupdates verfügbar, die meisten Websites sind wieder online. Trotzdem zeigt der Vorfall, wie eine einzige Schwachstelle in einer weitverbreiteten Technologie das digitale Leben weltweit lahmlegen kann.
2. Bundesweiter Bahn-Ausfall mitten in der Nacht
Auch nicht lange her: In der Nacht vom 23. auf den 24. Juni 2026, kam auf dem deutschen Schienennetz alles zum Erliegen, nachdem gegen 22:30 Uhr bundesweit der digitale Bahn-Funk ausgefallen war. Sämtliche Züge – von S-Bahnen über Regionalzüge bis hin zu Fernzügen – mussten in der laufenden Fahrt anhalten oder direkt in den Bahnhöfen bleiben. Für Fahrgäste bedeutete das in vielen Fällen, noch weit von ihrem Zielort entfernt aussteigen zu müssen.
Ein Hacker-Angriff? Das dachten damals viele. In Wahrheit war, wie die Deutsche Bahn kurz nach dem Vorfall öffentlich machte, bei planmäßigen Wartungsarbeiten ein Softwarefehler aufgetreten, der nicht automatisch gemeldet wurde. Dies war der Grund, warum die Züge nicht weiter verkehren konnten. Denn die Lokführer kommunizieren über das Funksystem GSM-R mit den Leitstellen, und diese Kommunikation war nicht möglich. Dann ist auch nichts mit sicherem Schienenverkehr.
Mich hat der Bahn-Stillstand geschockt!
„Ich erinnere mich gut daran, als plötzlich die Eilmeldungen eingingen: Totaler Stillstand bei der Bahn. Zugegeben, die Situation wurde schnell in den Griff bekommen, nach nur rund 90 Minuten lief es wieder. Aber dass es überhaupt so weit gekommen ist, fand ich erschreckend.
Bahnfahrer sind meist leidgeprüft. Man dürfte auch das Gefühl kennen, irgendwo auf der Strecke zu stranden, oft ohne zufriedenstellende Informationen darüber, wie lange es noch dauern wird. Doch die Vorstellung, dass plötzlich überhaupt nichts mehr geht – und das wegen eines einzigen technischen Fehlers –, ist noch einmal eine andere Nummer. Zumal ja zunächst niemand wissen konnte, wie lange der Ausfall andauern würde.
Was, wenn man in diesem Moment dringend irgendwohin müsste? Wer jetzt kein Auto hat, ist aufgeschmissen. Doch selbst mit fahrbarem Untersatz – wenn Tausende Reisende kurzfristig auf andere Verkehrsmittel ausweichen müssen, bedeutet das natürlich auch auf den Straßen Ausnahmezustand.
Der Vorfall hat mir einmal mehr vor Augen geführt, wie abhängig unser Alltag inzwischen von funktionierenden technischen Systemen ist. Und das war kein gutes Gefühl.“
3. Der wohl größte weltweite IT-Ausfall aller Zeiten
Gegen diese Tech-Horrorgeschichte – den wahrscheinlich größten IT-Ausfall der gesamten Geschichte – war die Bahn-Sache aber allemal ein laues Lüftchen.
Am 19. Juli 2024 stürzten weltweit Millionen Windows-Computer einfach ab. Der Grund dafür war ein fehlerhaftes Software-Update des US-amerikanischen Cybersicherheits-Unternehmens CrowdStrike, und die Folgen bekam man in zahlreichen Ländern in diversen Branchen zu spüren. Unternehmen unterschiedlichster Art konnten nicht mehr auf ihre IT-Systeme zugreifen, Fluggesellschaften mussten Flüge streichen, Krankenhäuser meldeten Störungen, und so weiter.
Das Ganze hatte einen ziemlichen Rattenschwanz. Neben vielen persönlichen Schicksalen – etwa Patienten, deren Operationen verschoben werden mussten – kam es zu erheblichen finanziellen Verlusten für Unternehmen, wie das BSI berichtete. Klar, zahlreiche Firmen mussten ihren Betrieb vorübergehend einschränken oder ganz einstellen. Auch Cyberkriminelle nutzten die Verunsicherung rund um den IT-Ausfall gezielt aus: Das BSI warnte vor Phishing-Versuchen und weiteren Betrugsmaschen.
4. Assistenzsystem steuert Flugzeuge in die Katastrophe
Flugzeugabstürze lösen bei vielen Menschen Entsetzen aus – nicht zuletzt, weil sie plötzlich passieren und viele Tote fordern können.
Am 29. Oktober 2018 und nur wenige Monate später, am 10. März 2019, ereigneten sich zwei solcher Katastrophen – wahre Horrorgeschichten der Luftfahrt. Zuerst war eine Boeing 737 MAX 8 der Lion Air in Indonesien abgestürzt, alle 189 Menschen an Bord kamen ums Leben. Im März 2019 verunglückte eine weitere Maschine desselben Typs kurz nach dem Start, diesmal von Ethiopian Airlines. Auch bei diesem Absturz starben alle Passagiere und die Kabinencrew.
In beiden Fällen spielte das automatische Flugsteuerungssystem MCAS eine zentrale Rolle. Dieses hat eigentlich die Aufgabe, bei bestimmten Flugbedingungen die Nase des Flugzeugs nach unten zu drücken, um einem möglichen Strömungsabriss entgegenzuwirken. Doch in beiden Fällen hatte das System auf falsche Sensordaten reagiert. Die Flugzeugnase wurde also immer wieder nach unten gedrückt, die Besatzung konnte nichts dagegen tun.
Nach dem zweiten Absturz durften Flugzeuge des Typs Boeing 737 MAX nicht mehr abheben. Im November 2020 erteilte die US-Luftfahrtbehörde FAA in den USA wieder die Flugerlaubnis – unter der Voraussetzung, dass technische Änderungen vorgenommen wurden und Piloten zusätzliche Schulungen erhielten. Heute ist das System in einer stark überarbeiteten Version weiterhin in Flugzeugen des Typs eingebaut, tritt laut Boeing aber „nur bei ungewöhnlichen Fluglagen in Aktion“.
5. Therac-25: Softwarefehler kostet Menschenleben
Es war ein besonders dunkles Kapitel in der Geschichte der technischen Entwicklung. Im Mittelpunkt steht das computergesteuerte Strahlentherapiegerät Therac-25, ein Elektronen-Linearbeschleuniger zur Krebstherapie. Er wurde in den 1980er-Jahren eingesetzt. Doch zwischen 1985 und 1987 kam es dabei zu schweren Unfällen, verursacht durch Softwarefehler. Es handelte sich um eine sogenannte Race Condition, auch als Wettlaufeffekt bekannt.
Im konkreten Fall war es so, dass, wenn Klinikmitarbeiter am Terminal sehr schnell Daten eingaben oder Änderungen vornahmen, das Betriebssystem mit der Aktualisierung hinterherhinkte. Beispielsweise beim Umstellen von Röntgen- auf Elektronenstrahlung. Die Folge: Die mechanische Drehscheibe konnte sich bereits in den Elektronenmodus ohne Schutzplatte bewegen, der Beschleuniger arbeitete aber teilweise fälschlicherweise noch mit der vollen, ungedrosselten Energie des Röntgenmodus. Mindestens sechs Patienten erhielten dadurch unbemerkt eine bis zu 100-mal höhere Strahlendosis als vorgesehen. Sie erlitten schwere Verletzungen, einige von ihnen starben.
Eine spätere Untersuchung brachte ans Licht, dass neben den folgenschweren Softwarefehlern auch unzureichende Sicherheitsprüfungen zu den Unfällen beigetragen haben. Außerdem soll der Hersteller des Geräts nicht angemessen auf erste Warnsignale reagiert haben.
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6. Börsenalgorithmus verbrannte Millionen
Innerhalb von gerade einmal 45 Minuten waren rund 440 Millionen US-Dollar futsch! So geschehen am 1. August 2012. An dem Tag hatte ein Fehler in der Handelssoftware des US-Finanzunternehmens Knight Capital zu einem finanziellen Megadesaster geführt. Ein fehlerhaftes Software-Update löste massenhaft unbeabsichtigte Börsenaufträge aus. Dadurch änderten sich die Kurse von vielen Aktien. Die US-Börsenaufsicht SEC stellte später fest, dass es schon bei der Installation Fehler gegeben hatte, und auch unzureichende Sicherheitskontrollen sollen zu dem Vorfall beigetragen haben.
Wie zuletzt „Tagesschau“ mit Verweis auf eine aktuelle Studie berichtete, investieren heute viel mehr Deutsche Geld an der Börse als noch vor wenigen Jahren. Und wer das tut, möchte sicher darauf vertrauen können, dass digitale Finanzsysteme zuverlässig funktionieren. Ein Rückblick auf diese historische Tech-Horrorgeschichte hinterlässt da womöglich einen bitteren Beigeschmack.
7. Schrecken auf der Facebook-Wall im Jahr 2012
Zum Abschluss der echten Tech-Horrorgeschichten noch ein kleiner digitaler Albtraum, der vor allem eines hinterließ: Verunsicherung und das Gefühl, die Kontrolle über die eigenen Daten zu verlieren.
Am 24. September 2012 waren zahlreiche Facebook-Nutzer erschrocken darüber, plötzlich vermeintlich private Nachrichten aus den Jahren 2007 bis 2009 sichtbar auf ihren Profilen vorzufinden. Viele waren davon überzeugt: Ein Bug hatte private Nachrichten aus Einzelchats an die Oberfläche geholt – Gespräche, die durchaus auch intime Inhalte enthalten konnten.
Facebook bestritt eine Datenpanne und erklärte, dass es sich um alte Pinnwandeinträge und nicht um private Nachrichten handelte. Eine Überprüfung durch das Technikportal TechCrunch bestätigte diese Version. Mit der Einführung der Chronik („Timeline“) waren ältere Beiträge wieder stärker in den Fokus gerückt. Bei vielen also längst in Vergessenheit geraten, wurden Korrespondenzen plötzlich wieder sichtbar, die Nutzer dann fälschlich für private Nachrichten gehalten haben.
Doch manche von Euch erinnern sich vielleicht bis heute an die Verunsicherung von damals. Relativ unabhängig davon, ob tatsächlich private Chats öffentlich wurden – der Vorfall zeigt ein grundlegendes Problem: Was einmal im Netz gelandet ist, kann Jahre später wieder auftauchen. Und dann vielleicht in einem Kontext, den man nicht beabsichtigt hätte.