11. Juni 2026, 11:56 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Fahrzeuge kommen heutzutage mit allerlei technischen Spielereien daher. Der ADAC warnt allerdings vor Türgriffen bei Autos, die sich versenken lassen. China verbietet diese in der Autoproduktion künftig verboten. TECHBOOK erklärt die Hintergründe.
Über die Jahre haben Hersteller diverse Dinge in und an ihren Autos modernisiert. Unter der Haube brummt immer öfter ein Elektromotor, das Unterhaltungssystem ist so vielseitig wie nie zuvor und selbst so etwas scheinbar Banales wie die Türgriffe hat man designtechnisch wie funktional verändert. Doch die schicke Optik der neuartigen Auto-Türgriffe entpuppte sich bereits häufiger als echte Gefahr, vor der sogar der ADAC warnt.
Versenkbare Türgriffe laut ADAC im Notfall ein Problem
In einer Pressemitteilung erklärt der ADAC (Allgemeiner Deutscher Automobil-Club e. V.), dass es vor allem um Türgriffe geht, die nahtlos im Erscheinungsbild des Autos verschwinden können. Diese mögen zwar optisch schöner aussehen und bringen darüber hinaus auch bessere aerodynamische Eigenschaften mit.
Bei einem Unfall jedoch könnte ihre Handhabung Rettungskräften und beistehenden Verkehrsteilnehmern Probleme bereiten. Denn die versenkten Türgriffe lassen sich nicht zuverlässig bedienen, was bei einem Unfall ein echtes Sicherheitsrisiko darstellt. Ersthelfer können im schlimmsten Fall eingeschlossene Personen nicht rechtzeitig aus dem Auto befreien. Selbst professionelle Einsatzkräfte würden laut ADAC länger brauchen, um die Insassen zu erreichen.
Dabei ist es besonders bei einem Brand dringend notwendig, diese so schnell wie möglich zu befreien. Die möglichst schnelle und intuitive Bedienung der Griffe kann also im Ernstfall über Leben und Tod entscheiden.
Strombetriebene Griffe mit besonderem Gefahrenpotenzial
Zahlreiche Hersteller wie Tesla, Mercedes oder BMW hätten in der jüngeren Vergangenheit damit begonnen, versenkbare Türgriffe serienmäßig zu verbauen. Dabei gibt es Unterschiede: Einige Beispiele lassen sich auch manuell durch einen simplen Druck herausklappen und so öffnen. Viele andere jedoch funktionieren ausschließlich elektrisch. Und die Stromzufuhr könnte bei einem Unfall gekappt werden. Das würde den Zugriff auf Personen im Wagen deutlich erschweren.
Im Juli 2024 musste der US-Autohersteller Fisker mehr als 12.500 Neuwagen zurückrufen. Bei den betroffenen Ocean-Elektro-SUVs lassen sich die äußeren Türgriffe nicht zuverlässig bedienen. Knapp 9000 dieser Autos wurden in den USA und Kanada verkauft, etwa 3800 kamen jedoch auch auf den europäischen Markt. Fisker hat daraufhin alle vier Türaußengriffe der vom Rückruf betroffenen Fahrzeuge mit einem „speziellen Kraftmessgerät“ überprüft.
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Die Untersuchung der Türgriffe ist generell Teil von erforderlichen Prüfverfahren bei Autos. Der ADAC räumte diesbezüglich ein, dass es bei Crashtests nach dem europäischen Konsortium zur Überprüfung von Fahrzeug-Sicherheitssystemen (Euro NCAP), zu dem der Club auch gehört, bislang keine Auffälligkeiten gegeben habe. Dabei prüfte man Türöffnungskräfte und ob sich die Türen bei einem Unfall von selbst entriegeln. Allerdings handelt es sich um Resultate unter kontrollierten „Labor“-Bedingungen.
Mehrere Unfälle mit Todesfolge
Der Automobil-Club verweist in diesem Kontext auf Medienberichte, wonach bei realen Unfällen die Türen versagt hätten. Unter anderem berichtete Bild.de von einem tragischen Unglück im August 2022, bei dem zwei 18-Jährige verstarben. Einem Gutachten zufolge sollen sich die elektrischen Griffe nicht ausgefahren haben und weder von innen noch von außen ließen sich die Türen öffnen. Auch 2018 sollen fünf Menschen ums Leben gekommen sein, unter anderem auch, weil die Rettungskräfte das Auto nicht öffnen konnten.
Ähnliches geschah im September 2025 in Schwerte. Nach einem Unfall geriet dort ein Elektroauto in Brand, wobei ein Ersthelfer vergeblich versuchte, die Insassen aus dem Fahrzeug zu befreien. Drei Menschen starben. Ein späteres Gutachten von Mitte 2026 kam zu dem Schluss, dass die elektronisch gesteuerten Türgriffe nicht ausgefahren waren und sich die Türen deshalb nicht von außen öffnen ließen. Für Rettungskräfte können solche Systeme im Ernstfall wertvolle Zeit kosten und die Bergung von Insassen erschweren.
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China verbietet versenbare Türgriffe in Autos
In China führten derartige Meldungen und ähnliche Vorfälle mittlerweile so weit, dass das Land China künftig versenkbare Türgriffe an Autos untersagt. Nach einer Änderung der Vorschriften durch das Ministerium für Industrie und Informationstechnologie müssen Fahrzeugtüren ab dem 1. Januar 2027 sowohl innen als auch außen über eine mechanische Entriegelung verfügen. Hintergrund sind Sicherheitsbedenken, wonach die Systeme bei Unfällen versagen und Rettungseinsätze erschweren könnten.
Auslöser der Debatte war unter anderem ein Brand eines Xiaomi-Elektroautos in Chengdu, bei dem Einsatzkräfte die Türen nicht öffnen konnten. Bereits zugelassene Modelle müssen bis 2029 angepasst werden. Branchenexperten erwarten, dass die Entscheidung des weltweit größten Automarkts auch international Folgen haben könnte und Hersteller insbesondere im Elektroautosegment zu einer Überarbeitung ihrer Türkonzepte veranlasst.
In Deutschland haben die zuständigen Behörden bislang keine regulatorischen Konsequenzen gezogen. Das Kraftfahrt-Bundesamt verweist darauf, dass betroffene Fahrzeuge über eine gültige Typgenehmigung verfügen und die geltenden gesetzlichen Vorgaben erfüllen.
Insassen sollen sich vorher informieren
Laut ADAC sind Türgriffe am Auto dann hilfreich und sicher, wenn sie mechanisch funktionieren und sich auch dann ausfahren, wenn die Stromzufuhr ausfällt. Das gestattet zur Not einen kräftigen Zug, um die Tür zu öffnen.
Ferner gibt es Autos, die sich auch von innen elektrisch öffnen lassen. Auch hier muss die Möglichkeit bestehen, bei einem Unfall und ohne Strom die Tür zu entriegeln. Besitzer solcher Fahrzeuge sollten sich deshalb im Vorfeld über Notentriegelungen informieren und diese auch Mitfahrern zeigen. Auch empfiehlt sich ein Fenster-Notfallhammer, wobei dieser bei Verbundglasscheiben in modernen Autos an seine Grenzen stößt.