6. März 2026, 17:58 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Bahnfahren in Deutschland gleicht seit einigen Jahren zunehmend einem Glücksspiel. Dieser Umstand animierte einen Wiener Künstler dazu, ein Online-Wettportal ins Leben zu rufen. Hier kann täglich auf die Verspätungen real rollender Züge gewettet werden, nicht mit echtem Geld. Gewinne gibt es trotzdem, wie TECHBOOK herausgefunden hat.
Caio van Caarven lebt als satirischer Künstler in Wien. Der Österreicher fährt eigentlich gerne mit der Bahn. „Ich bin grundsätzlich Bahnfan“, sagt er zu TECHBOOK. Allerdings wird das Fan-Sein schon länger auf eine harte Geduldsprobe gestellt. Auf seinen Bahnreisen durch Deutschland sei er immer öfter an Bahnhöfen in Würzburg oder Regensburg hängengeblieben.
Aus diesen leidvollen Erfahrungen entstand laut „BR24“ bei ihm die Idee, seinen Frust in etwas Positives umzuwandeln. „Ich habe eine Merch-Kollektion und eine Animationsserie über Deutsche-Bahn-Verspätungen produziert. In einer Folge kam der Witz vor, dass ein DB-Ticket im Grunde ein Glücksspiel ist. Dann dachte ich mir: Warum eigentlich nicht? Alles andere habe ich liegen gelassen und angefangen zu bauen.“ Ein Spiel sollte es sein und sich irgendwie mit der Bahnproblematik beschäftigen, mit den vielen und zunehmend längeren Verspätungen.
Von Pferderennen zu Bahnverspätungen
Bei Pferderennen machte es bei van Caarven Klick im Kopf. Menschen wetten auf den Sieger eines Rennens. Warum also nicht Menschen darauf wetten lassen, mit wie viel Verspätung ein Zug den nächsten Bahnhof erreicht?
So bekommen Verspätungen plötzlich einen eigenen, positiven Dreh. Anstatt frustriert auf die Uhr zu schauen und darüber zu verzweifeln, den Anschlusszug mal wieder zu verpassen, schauen die Mitspieler fieberhaft auf den Sekundenzeiger, in der Hoffnung, dass der eigene Tipp der richtige sein möge.
Von der Idee zur praktischen Umsetzung fehlte dem Wiener Künstler allerdings das technische Wissen, um ein solches Online-Wettportal zu programmieren. Er habe zwar bei einigen IT-Start-Ups etwas Programmiererfahrung sammeln können. KI und das sogenannte Vibe Coding hätten ihm bei seinem Projekt aber entscheidend geholfen.
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BahnBet per KI programmiert
Vibe Coding funktioniert so ähnlich wie das Prompting bei den üblichen KI-Sprachmodellen. Um einen Code zu erzeugen, braucht die KI nur eine möglichst genaue Beschreibung darüber, was ein Programm machen soll. Daraus entwickelt das System dann einen Programmcode.
Genauso hat das auch Caio van Caarven gemacht. „Ich habe hauptsächlich mit Claude gearbeitet. KI hat mir extrem geholfen, Dinge schneller umzusetzen, aber wer glaubt, man kann damit auf Knopfdruck ein fertiges Produkt bauen, irrt sich. Die eigentliche Arbeit steckt im Spieldesign, in den Mechaniken und in den hunderten kleinen Entscheidungen, die ein Produkt von einem Prototyp unterscheiden.“ Zwei Monate Vollzeit habe er investiert, „oft 60–80 Stunden die Woche“, verrät er TECHBOOK.
Entstanden ist BahnBet. Das Wettspiel funktioniert simpel: Jeder neue Mitspieler erhält zu Beginn 1000 fiktive Euro als Startkapital. Diese können verwendet werden, um auf die Verspätungen europäischer und deutscher Fernzugverbindungen zu wetten. Die Daten bezieht das Portal aus einem Online-Feed der EU. Der Regionalverkehr bleibt außen vor. „Technisch wäre es möglich, den Regionalverkehr aufzunehmen. Aber das Spiel hat jetzt schon über 500 Züge täglich. Regionalverkehr dazu wäre zu unübersichtlich. Lieber ein gutes Spiel als ein vollgestopftes.“
Wer sein Geld verpulvert hat, kann sein imaginäres Konto durch häufiges Wetten oder das Erfüllen bestimmter Aufgaben wieder auffüllen. Die drei Monatsbesten werden mit echten Preisen aus dem Online-Shop von Caio von Caarven belohnt.
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Der Spaß kommt an
Eine Besonderheit gibt es: Der virtuelle Wettgewinn geht nicht an einen einzelnen Wetter, sondern über die Höhe der Ausschüttung entscheidet ein Algorithmus. Die Gewinnquote hängt davon ab, wie weit entfernt oder wie nah dran der eigene Tipp von der tatsächlichen Verspätung ist.
Natürlich ist BahnBet in erster Linie ein großer Spaß. Auf seinem Instagram-Kanal berichtet van Caarven von 150.000 Besuchen auf seinem Online-Wettportal in den ersten 24 Stunden. Der Spaß kommt an. Genau das war die Intention des Wiener Künstlers. Er wollte nicht einfach einen halblustigen Gag machen, wo man einmal hineinschaut und denkt „Haha, lustig“, sondern ein richtiges Spiel bauen.
Auf die Frage, ob er eine Rückmeldung der Deutschen Bahn erwarte, antwortet er: „Die Deutsche Bahn hat bisher nicht reagiert. Die Reaktion ist, wie zu erwarten, verspätet.“
Die Deutsche Bahn mag darüber vermutlich nicht einmal müde lächeln. Auf TECHBOOK-Anfrage gab es leider keine Stellungnahme zu dem satirischen Projekt. Als Bahn-Konzern könnte man den Wettstreit natürlich annehmen und die Zahl der Verspätungen deutlich reduzieren. Dann würde BahnBet vielleicht irgendwann überflüssig werden.