28. September 2025, 9:02 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Was haben ein blinder Schüler, Frühstücksflocken und eine Plastikpfeife mit der Hackerszene zu tun? Eine ganze Menge. Die Geschichte beginnt in den frühen 1950er-Jahren in den USA, in Richmond. Dort spielt Josef Carl Engressia seit seinem vierten Lebensjahr mit dem Telefon seiner Eltern herum. Josef ist von Geburt an blind. Wie sich später herausstellt, verfügt er über das absolute Gehör, er kann also die Tonhöhe ohne Hilfsmittel exakt bestimmen. Wie er dadurch zu einer Art Urvater der Hackerszene wurde, erzählt TECHBOOK in diesem Artikel über Phreaking.
Wenn der blinde Josef den Telefonhörer von der Gabel nahm, betrat er eine Welt voller Töne. Für ihn als Nicht-Sehender eine faszinierende Welt. In der Zeit analoger Telefonie existierten eine Menge Töne. Allein das Wählen der Nummern klang für das Kind wie eine Melodie. Der langanhaltende Ton für eine freie Leitung oder das hektische Geräusch, wenn eine Leitung besetzt gewesen ist, zogen Josef magisch an.
Eines Tages hörte er einen Ton mit einer Frequenz von 2600 Hertz. Ihn packte der Ehrgeiz. Er pfiff in den Hörer des Telefons und versuchte, die exakte Tonhöhe zu treffen. Nach einigen Versuchen brach die Leitung zusammen. Was hatte das zu bedeuten?
„Phone Phreaks“ narren Telefongesellschaften
Josef hielt die tote Leitung für eine Störung. Deswegen rief er bei der Telefongesellschaft an, um den Fehler anzuzeigen. Doch von dort bekam er die Information, das sei keine Störung. Über die Tonfrequenz von 2600 Hertz lassen sich Befehle in das Telefonnetz schicken.
Also probierte Josef erneut seinen Pfeif-Trick. Während die Leitung tot schien, tat er dann Folgendes: Er wählte eine Telefonnummer und am anderen Ende meldete sich jemand. Allerdings kostete dieser Anruf keinen einzigen Cent. Denn das Kind hatte zufällig eine Lücke im Telefonnetz aufgespürt.
Im Laufe der Zeit erfuhren von dieser Lücke mehr und mehr Menschen in den USA. Es entwickelte sich eine Art geheime Gesellschaft der sogenannten „Phone Phreaks“. Sie narrten die Telefongesellschaften und führten kostenlose Nah- und Ferngespräche. Später entwickelte sich dafür der Begriff „Phreaking“.
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Eine Plastikpfeife als Geschäftsmodell
Da sich der finanzielle Schaden für die Telefongesellschaften zunächst in Grenzen hielt, unternahmen sie nichts. Bis eines Tages John Draper von dem ultimativen Pfiff erfuhr. Der studierte Ingenieur interessierte sich in seiner Freizeit für Funkgeräte. Zudem liebte er die Frühstücksflocken mit dem Namen Cap’n Crunch. Der Verpackung lagen regelmäßig kleine Geschenke bei. Ende der 1960er-Jahre beispielsweise eine unscheinbare Plastikpfeife.
Doch John Draper erkannte sofort das Potenzial dieses Spielzeugs. Denn mit einem kleinen Trick ließ sich damit ein Ton erzeugen. Die Frequenz betrug exakt 2600 Hertz. Daraufhin begab sich John Draper in seine heimische Werkstatt und tüftelte an einem Gerät. Er gibt ihm den Namen Blue Box. Einzige Aufgabe der Blue Box: Einen Ton mit einer Frequenz von 2600 Hertz ins Telefonnetz zu schicken, um anschließend kostenlos in der Welt herumzutelefonieren.
Mit der Zeit interessierten sich für die Blue Box nicht nur die „Phone Phreaks“, sondern sehr schnell auch die Ermittlungsbehörden. Denn nun sahen die betroffenen Telefongesellschaften nicht mehr tatenlos zu. John Draper wanderte Mitte der 1970er-Jahre für ein knappes halbes Jahr ins Gefängnis. Seiner späteren Karriere als Software-Entwickler, unter anderem für Apple, schadete das nicht.
„Phreaking“ ist bis heute ein Problem
Über die Blue Box entwickelte sich eine Freundschaft zwischen John Draper und Steve Wozniak, einem der Apple-Gründer. Zusammen mit seinem Kumpel Steve Jobs bastelte Wozniak vor seiner Apple-Zeit sogar eigene Blue Boxes, allerdings nicht in so großem Stil, wie es John Draper getan hatte.
Die Telefongesellschaften reagierten auf das „Phreaking“. Grund war nicht nur der finanzielle Schaden, sondern die kostenlosen Telefonate wurden zunehmend für kriminelle Machenschaften benutzt. Denn diese illegale Art der Telefonie erschwerte eine Rückverfolgung der Anrufe, wodurch „Phreaking“ für Kriminelle interessant wurde.
Mit der Entwicklung der Telefon-Technologie von analog zu digital ist „Phreaking“ nicht aus der Welt, allerdings auch nicht mehr so bedeutsam wie noch in den 1960er- und 1970er-Jahren. In der Hackerszene gibt es immer noch Menschen, die versuchen, Telefonleitungen zu manipulieren und das digitale Netz für eigene Zwecke zu missbrauchen. Allerdings ist der technische Aufwand deutlich komplexer geworden. Ein Pfiff reicht dafür nicht mehr aus.
Josef Carl Engressia, der diese Lücke als Kind zufällig entdeckt hat, verstarb im Jahr 2007. Die Öffentlichkeit wusste zu diesem Zeitpunkt schon längst, unter welch schwierigen Lebensumständen der junge Josef aufgewachsen ist. Sein großes Interesse für das Telefon mit seinen faszinierenden Tönen entsprang nicht nur kindlicher Neugier, sondern half ihm auch, aus der grauenhaften Welt der Erwachsenen, die ihn umgab, zumindest für eine Weile zu entfliehen. In der Hackerszene hat der Name Josef Carl Engressia bis heute einen ehrenvollen Klang.