19. Oktober 2026, 9:47 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Am 19. Juni 2026 feierte eine Frau ihren 100. Geburtstag, die mit einer simplen Methode computergesteuerte Systeme vor dem Absturz bewahrte. Die Geschichte begann in den frühen 1960er-Jahren in der Forschungsabteilung einer Telefongesellschaft. In diesem Artikel erläutert TECHBOOK, warum die Erfindung nicht nur mit einem der ersten Softwarepatente ausgezeichnet wurde, sondern sich bis heute im Internet und in KI-Anwendungen wiederfindet.
Es gibt kaum etwas Sinnloseres, als der Melodie in einer telefonischen Warteschleife zu lauschen. Das Intermezzo wird nur kurz durch eine Computerstimme unterbrochen, die einen Anrufer in regelmäßigen Abständen darüber in Kenntnis setzt: „Der nächste Kundenberater hat in X Minuten Zeit für Sie.“
So ungefähr ließ sich die Situation beschreiben, mit der Telefongesellschaften zu kämpfen hatten, als Computersysteme die „Damen vom Amt“ ersetzten, die in der Frühzeit der Telefonie Gespräche noch per Hand vermittelten.
Anfang der 1960er-Jahre wurde das weltweite Telefonnetz immer dichter. Deswegen sollten computergesteuerte Systeme mögliche Engpässe entflechten. Doch leider passierte zunächst genau das Gegenteil. Denn die neue Technik kollabierte regelmäßig aufgrund des verstärkten Anrufaufkommens.
Das eigentliche Problem
Die hohe Anzahl von Anrufen war ein Problem. Doch die neue Technik sollte noch viele weitere notwendige Aufgaben übernehmen. Dazu zählten unter anderem Leitungen freizugeben, Verbindungen zu beenden und die Gebühren abzurechnen.
Nun ließ sich unschwer erkennen, dass jede einzelne Aufgabe eine unterschiedliche Priorität hatte. Das Vermitteln eines Telefongesprächs hatte selbstverständlich die höchste Priorität, während die Gebührenabrechnung eher zu den Aufgaben mit geringer Priorität gehörte. Das erkannte damals auch Erna Schneider Hoover. Sie arbeitete im sogenannten Bell Lab, dem Forschungszentrum des US-amerikanischen Telefonunternehmens AT&T.
Zusammen mit Barry J. Eckhart tüftelte sie an einem Algorithmus, der die verschiedenen computergesteuerten Aufgaben priorisieren sollte. Die Lösung der beiden Entwickler klingt aus heutiger Sicht simpel. In Zeiten, in denen besonders viele Menschen telefonieren wollten, wurden andere, nachrangige Aufgaben zurückgestellt. Wenn die Zahl der Anrufe im Telefonnetz wieder abnahm, wurden die zurückgestellten Aufgaben nachgeholt.
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Softwarepatent für eine geniale Idee
Bildhaft ließ sich die Methode vielleicht mit der Situation in einem Supermarkt vergleichen. In Zeiten, in denen nur wenige Kunden im Laden einkauften, kümmerte sich die Kassenkraft beispielsweise darum, Regale einzuräumen oder Warenlieferungen entgegenzunehmen. Wenn sich an der Kasse eine Schlange bildete, blieben alle anderen Aufgaben liegen, dann kassierte die Person die Kunden ab. Die liegengebliebene Arbeit wurde später fortgesetzt.
Erna Schneider Hoover und Barry J. Eckhart nannten ihre Methode „Feedback Control Monitor for Stored Program Data Processing System“. Dafür erhielten die beiden Entwickler im Jahr 1971 eines der ersten Softwarepatente. Die innovative Idee zeigte, dass ein Computersystem keine leistungsfähigere Hardware brauchte, sondern nur eine Anweisung benötigte, um eigenständig Prioritäten zu setzen.
Durch den von Erna Schneider Hoover entwickelten Algorithmus wurden computergesteuerte Systeme in die Lage versetzt, die eigene Auslastung ständig zu überwachen und anstehende Aufgaben ohne Unterbrechung abzuarbeiten. Für die damalige Zeit war das eine enorme Entwicklungsleistung, weil Computer damals Programme nur streng der Reihe nach abarbeiteten.
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Eine Methode, die bis heute funktioniert
Später wurde die Methode in der Informatik immer wieder aufgegriffen und schützt Computer bis heute vor dem Absturz. Verfahren wie Load Shedding, Traffic Control oder Adaptive Resource Management kennen die meisten Entwickler. Sie alle basieren auf der Entwicklung von Erna Schneider Hoover.
Load Shedding kommt beispielsweise beim Streaming zum Einsatz. Während eines großen Sportereignisses werden dann beispielsweise Vorschaubilder im Hintergrund langsamer geladen, damit der Videostream stabil bleibt.
Traffic Control steuert den Verkehr, damit sich Fahrzeuge nicht gegenseitig blockieren oder gefährden. Das geschieht zum Beispiel mit Ampeln, Sensoren und Rechnern. Das System passt die Schaltzeiten automatisch an die aktuelle Verkehrslage an und verlängert beispielsweise an viel befahrenen Kreuzungen die Grünphasen.
Adaptive Resource Management findet sich beispielsweise bei Cloud-Plattformen. Dabei beobachtet das System permanent die eigene Auslastung und verteilt die vorhandene Rechenleistung dynamisch auf besonders wichtige Anwendungen. Benötigt ein Dienst plötzlich mehr Kapazität, erhält er zusätzliche Ressourcen. Weniger dringende Prozesse wandern bei der Abarbeitung weiter nach hinten.
Letztlich basiert auch die Steuerung von Mobilfunknetzen oder KI-Rechenzentren auf der Idee von Erna Schneider Hoover. Ohne ihre Entwicklung gäbe es im Internet reichlich Stau auf den digitalen Autobahnen.