15. Februar 2026, 16:13 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
An Otmar Pilsak werden sich Menschen auch noch in 100 Jahren erinnern, genauer gesagt an seine Erfindung: den Elektronischen Verkehrslotsen für Autofahrer, kurz: EVA. Dass er damit einmal den Grundstein für alle später folgenden Navigationssysteme schaffen würde, konnte der gelernte Nachrichtentechniker damals nicht ahnen. TECHBOOK hat mit Otmar Pilsak darüber gesprochen, wie er und sein Team auch ohne GPS, Massenspeicher und Mobilfunk ein funktionierendes Navigationssystem entwickelt haben.
Lange bevor Smartphones, GPS und digitale Karten selbstverständlich wurden, wies eine elektronische Stimme Autofahrern den Weg durch deutsche Städte. Hinter dieser frühen Vision stand ein Ingenieur, der Navigation völlig neu dachte – mit den technischen Mitteln seiner Zeit. Ein Gespräch über Pioniergeist, Improvisation und die Entstehung eines Systems, das den Grundstein für moderne Navigation legte.
TECHBOOK: Wie ist eigentlich die Idee entstanden, ein Navigationssystem für Autofahrer zu erschaffen?
Otmar Pilsak: „Autofahrer standen damals schon vor dem Problem, wie sie möglichst zeitsparend von A nach B kommen. Es gab selbstverständlich Straßenkarten. Gerade bei längeren Routen brauchte es allerdings mehrere Karten, um den bestmöglichen Weg ans Ziel zu finden. Das war unpraktisch und aufwendig. Deswegen hatte ich die Idee für eine Navigation, die Autofahrer per Sprachausgabe auf dem schnellsten Weg durch den Straßenverkehr lotst.“
Blaupunkt machte es möglich
Sie haben Nachrichtentechnik studiert. Wieso haben Sie sich mit der Navigation im Straßenverkehr beschäftigt?
„Ich habe damals an der Technischen Hochschule in Aachen studiert. Dort gab es seinerzeit eine Arbeitsgruppe ‚Verkehrsleittechnik‘. Da habe ich als wissenschaftlicher Assistent mitgearbeitet. Der AG-Leiter hatte schon im Jahr 1969 eine kurze Notiz darüber gelesen, wie eine Zielführung durch einen Informationsaustausch zwischen einer Elektronik im Auto und am Straßenrand prinzipiell funktionieren könnte. Das hielt unser damaliger AG-Leiter für einen vielversprechenden Ansatz. Mit einem auf dieser Idee basierenden Konzept eines Zielführungssystems sind wir damals an Bosch herangetreten. Über die Bosch-Marke ‚Blaupunkt‘ forschte das Unternehmen bereits in diesem Bereich. Dann nahm die Geschichte ihren Lauf.“
Wie ging es konkret weiter?
„Ursprünglich planten Bosch und Blaupunkt die Realisierung eines solchen Leitsystems für das westdeutsche Autobahnnetz. Doch erkannten die Verantwortlichen bereits bei einem Großversuch im östlichen Ruhrgebiet, dass ein erheblicher Zeit- und Verwaltungsaufwand in den einzelnen Bundesländern entsteht. Denn jedes trägt die Verantwortlichkeit, um im eigenen Zuständigkeitsgebiet die Vielzahl an Steuergeräten, Induktionsschleifen, Verkehrsleitzentralen sowie Strom- und Datenleitungen zu installieren und die Kosten dafür zu übernehmen.
Deshalb bekam ich den Auftrag, mir zu überlegen, ob ein Zielführungssystem nicht auch ohne aufwendige Infrastruktur realisierbar wäre. Daraus entstand das Konzept für das EVA-System, das von Blaupunkt beim Deutschen Patentamt im Jahr 1979 unter der Bezeichnung ‚Fahrzeuggerät zur Zielführung‘ zum Patent angemeldet wurde. EVA sollte zunächst nur in West-Berlin erprobt werden, wegen der damaligen Insellage. Wegen des hohen Aufwands wurde dann aber entschieden, das EVA-System in Hildesheim, dem Stammsitz von Blaupunkt, zu erproben und damit die Realisierbarkeit des Konzepts nachzuweisen.“
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Kosten und Herausforderungen
Eine kurze Zwischenfrage: Wie erfindet man etwas, was es noch gar nicht gibt? Sie hatten doch keine Ansatzpunkte, auf denen Sie aufbauen konnten.
„Das vergleiche ich immer mit der Arbeit eines Architekten. Der baut immer wieder neue Häuser, die es vorher in der Form nicht gab. Allerdings kennt er Baustoffe, Fenster, Heizungen, Steckdosen und Türen. So ähnlich war das damals bei uns. Es gab kleine Speicherelemente, Mikroprozessoren sowie Ortungssysteme und Verfahren zur Positionsbestimmung, beispielsweise die Koppelortung aus der Seefahrt. Daraus ist dann Ende der 1970er-Jahre die Idee entstanden, ein fahrzeugautonomes Zielführungssystem mit einer digitalen Karte von Hildesheim zu entwickeln.“
Wie haben Sie das hinbekommen ohne Scanner?
„Also, zunächst einmal haben wir ein Team gebildet. In der Spitze waren wir 13 oder 14 Leute. Die Teamleitung habe ich übernommen. Daher kümmerte ich mich auch um Förderanträge. Dafür habe ich die Kosten für das Gesamtprojekt ermittelt. 6,1 Millionen D-Mark hatte ich ausgerechnet, was am Ende fast zielgenau den tatsächlichen Kosten entsprochen hat. Knapp die Hälfte der Kosten haben wir über Fördermittel aus dem Forschungsministerium finanziert. Für die Digitalisierung der Karten haben wir uns alle verfügbaren Straßenkarten vom Vermessungsamt Hildesheim besorgt. Danach haben wir Karte für Karte mit einem Digitizer eingelesen. Das war damals ein Stift, der mit einem Computer verbunden war. Unsere Arbeit sah dann so aus: Wir haben mit dem Stift sämtliche Straßen auf der Papierkarte nachgezeichnet. Daraus entwickelten wir eine Folge von Koordinatenwerten, die den Verlauf aller Straßen von Hildesheim abbildeten. So ist eine digitale Karte von Hildesheim entstanden.“
Darum hat EVA eine männliche Stimme
Wie sind Sie mit den damaligen Speicherlimitierungen klargekommen?
„Die digitale Karte von Hildesheim beanspruchte 128 Kilobyte. Die übliche Speichergröße von Chips betrug damals zwei Kilobyte. Die waren also damals in etwa zwei Millionen Mal kleiner als heute übliche Speicherchips. Ich hatte den Speicherplatz auch einmal für West-Deutschland abgeschätzt. Dafür wären etwa 500 Megabyte nötig gewesen. Weil parallel zu unserer Entwicklung neue, leistungsfähigere Speichermedien vorgestellt worden sind, beispielsweise die Audio-CD auf der Funkausstellung 1983 in Berlin, entstand die Idee, eine digitale Deutschlandkarte auf einer CD zu speichern. Dieses Speichermedium hätte dafür ausgereicht. Wir hatten zudem mit einem weiteren Speicherproblem zu kämpfen. Denn auch die Sprachausgabe benötigte Speicher. In den ursprünglichen Überlegungen hatten wir an eine weibliche Stimme gedacht. Das machte beim Namen EVA ja auch Sinn. Leider ist der Speicherbedarf bei hohen Frauenstimmen größer als bei tiefen männlichen Stimmen. Aufgrund der Speicherrestriktionen klingt EVA männlich.“
Ungefähr zur gleichen Zeit, also 1983, hatten Sie und Ihr Team den ersten EVA-Prototyp vorgestellt. Mit welchen Gefühlen erinnern Sie sich daran?
„Der ganze Presserummel war schon aufregend. Blaupunkt hatte damals alle möglichen Pressevertreter zur Vorstellung von EVA eingeladen. Das Nachrichtenmagazin ‚Stern‘ brachte den ersten Artikel mit dem Titel: ‚EVA sagt, wo es lang geht‘. Später folgten weitere Berichte in TV und Radio.“
Wer steckt eigentlich hinter der Marke Blaupunkt?
Zwischen Druck und Glaube an Erfolg
In welchen Phasen der Entwicklung von EVA hätten Sie und Ihr Team am liebsten alles hingeschmissen?
„Also für mein Team und mich kann ich sagen, dass wir von Anfang an vom Erfolg unseres Projekts überzeugt waren. Blaupunkt ist zwischendurch nervös geworden. Das konnte ich sogar verstehen, weil parallel zu unserer Entwicklungsarbeit auch andere Unternehmen in Europa, Japan und in den USA an einem funktionierenden Navigationssystem arbeiteten. Dadurch spürten wir etwas mehr Druck. Doch den ließen wir nicht zu sehr an uns heran. Denn wir waren ja von unserem System überzeugt.“
Herr Pilsak, wie geht es Ihnen dabei, wenn Sie daran denken, sich mit EVA einen festen Platz in den Geschichtsbüchern gesichert zu haben? Ihr Name wird für immer mit der Erfindung des ersten Navigationssystems verbunden sein.
„Ach, darüber habe ich ehrlich gesagt noch nie wirklich nachgedacht. Selbstverständlich macht es mich stolz. Allerdings ist mir auch bewusst, dass zu so einer Entwicklung auch eine Menge Glück gehört. Ich zitiere an der Stelle immer die Redewendung von ‚Zwergen auf den Schultern von Riesen‘. Sie stammt aus dem 12. Jahrhundert und wird dem Philosophen Bernhard von Chartres zugeschrieben. Dieser bildhafte Vergleich trifft auch auf alle Erfindungen zu, weil Neues immer auf Erkenntnissen anderer aufbaut. So sehe ich das auch. Ohne die vielen Vorleistungen früherer Erfinder-Generationen hätten wir EVA gar nicht bauen können.“
Weitere Informationen zu EVA
Wer sich näher für die Funktionsweise von EVA interessiert, findet auf den Webseiten von Bosch eine Hintergrundgeschichte zur Funktionsweise des ersten Navigationssystems. Übrigens: EVA ist zwar bereits im Jahr 1979 von Otmar Pilsak zum Patent angemeldet worden. Erteilt wurde ihm das Patent allerdings erst im Jahr 1987.