5. September 2025, 12:03 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Der englische Lautsprecher- und Verstärkerhersteller Marshall ist der Name, dem die Stars der Rockmusik vertrauen. Ob Pete Townshend von The Who, Jimi Hendrix oder Eric Clapton – sie alle setzten und setzen auf das Equipment der einst von Jim Marshall gegründeten Traditionsmarke.
Die Geschichte der Marshall Group taugt als gutes Beispiel für ein heute global agierendes Unternehmen. Seinen Ursprung hatte es in der kleinstmöglichen Form – als lokaler Betrieb, in dem der Chef selbst noch hinter der Ladentheke stand. Aber der Reihe nach.
Die Anfänge von Marshall
Der Engländer James Charles „Jim“ Marshall litt an Knochentuberkulose und war deshalb während des 2. Weltkriegs ausgemustert worden. Arbeit hatte Marshall schließlich in einem Elektronikunternehmen für Rüstungsgüter gefunden. Dort gelang es ihm, sich so viel Fachwissen in Bezug auf Elektrotechnik anzueignen, dass man ihn schon bald zum Chefelektroniker des Unternehmens machte. Nach Kriegsende aber verdiente der leidenschaftliche Schlagzeuger sein Geld zunächst mit Schlagzeugunterricht. Als er schließlich genug beisammen hatte, um sich selbstständig zu machen, eröffnete er 1960 in London ein Ladengeschäft für Schlagzeuge. Damals konnte er nicht ahnen, was aus diesem kleinen Betrieb einmal werden sollte.
Seine Kunden, meistens Schlagzeuger der neuen Rockmusik, die, einer riesigen Welle gleich, Großbritannien überflutete, brachten nicht selten den Gitarristen und/oder den Bassisten ihrer Band mit ins Geschäft. Marshall, der in einer Garage bereits mit Lautsprechern/Verstärkern für Musikinstrumente experimentierte, entschied sich daher, das schmale Portfolio um Bass- und Gitarrenverstärker zu erweitern.
Kunden wie der Gitarrist der Rockband The Who, Pete Townshend, wünschten sich allerdings einen Verstärker mit der Eigenschaft, „schmutziger“ zu klingen, als dass dies bei vielen bisherigen Geräten der Fall war. Also mühten sich Marshall und seine Kollegen Dudley Craven und Ken Bran einen amerikanischen Fender-Verstärker mit den wenigen Komponenten, die sich im Nachkriegs-Großbritannien überhaupt auftreiben ließen, so zu „manipulieren“, dass Townshend und Co. zufrieden waren.
Alte Technik, neuer Sound
Und was bei diesen Bemühungen herauskam, war nicht weniger als der Sound, der bis heute den Rock prägt. Ob Townshend, Jimi Hendrix, Eric Clapton, Lemmy Kilmister von Motörhead, Angus Young von AC/DC, Jeff Beck von den Yardbirds oder der auf der Insel hoch verehrte „Modfather“ Paul Weller – um nur einige der ganz großen Rockstars zu nennen – sie alle setzten bzw. setzen bis heute auf den typischen, kraftvollen, leicht verzerrten Marshall-Klang. Der Schlüssel zu diesem Klang liegt in der Verwendung heute eigentlich veralteter Komponenten, etwa elektronischer Röhren. So verhält sich ein Marshall-Verstärker bis heute nicht sehr viel anders als es früher der gute, alte Röhrenfernseher tat. Auch der musste nach dem Einschalten erst einmal „warmlaufen“.
Manche Gitarristen konnten gar nicht genug von diesem Klang bekommen. Marshall entwickelte infolge mit dem „Marshall-Stack“ einen regelrechten Turm aus Verstärkern, der heute bei vielen Rockbands Usus ist. Im Nachruf auf den 2012 verstorbenen Jim Marshall erwähnte die englische Tageszeitung „The Guardian“ eine kleine Anekdote, die aber viel über die Bedeutung von Marshall-Verstärkern für den Rock(-Musiker) aussagte. So habe der schwedische Heavy-Metal-Gitarrist Yngwie Malmsteen einmal damit geprahlt, dass man vom Weltraum aus zwei Strukturen erkennen könne: „die Chinesische Mauer und meine Marshall-Verstärker“.
Heute ist Marshall längst eine Weltmarke, die neben Verstärkern auch Kopfhörer, DAB-Radios und sogar einen Kühlschrank anbietet. Noch immer Bestand hat das schlicht-wertige, legendäre Design aller Marshall-Geräte. Ein Design, das sich bis heute durch den Namenszug in Schreibschriftoptik, die Messing-Bedienliste sowie den anthrazitfarbenen Bezugsstoff (bei den Boxen) auszeichnet und im Laufe der Jahrzehnte allenfalls leichte Farbton-Änderungen erfahren hat.
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Marshall wird chinesisch
Man kann sich vorstellen, dass eine solche wertige Marke, die zudem zwischen 2020 und 2024 ihren Umsatz auf mehr als 400 Millionen Euro verdoppeln konnte, in einer globalisierten Welt, Begehrlichkeiten weckt. Und so kam es, wie es kommen musste. 2023 erfolgte die Übernahme durch Zound Industries, ein schwedisches Unternehmen, das bereits seit 2010 Lautsprecher und Kopfhörer unter dem Markennamen Marshall verkaufte. Allerdings hielt die Marshall-Familie 24 Prozent des neuen Unternehmens, das jetzt den Namen Marshall Group trug, und war damit der größte Aktionär.
Wo es aber einen Großen gibt, gibt es meist auch einen noch Größeren. Und so wurde die Marshall Group knapp zwei Jahre später ebenfalls zum Verkaufsobjekt. Käufer war mit der HongShan Capital Group (HSG) eine chinesische Private-Equity-Firma, die die stolze Summe von 1,1 Milliarden Euro bezahlte – und damit ihre bisher größte Investition in Europa tätigte. Obwohl die Marshall-Familie sich auch diesmal eine Beteiligung von mehr als 20 Prozent sicherte, ging der Verkauf nicht ohne Kritik ab. So befürchten nicht wenige Fans der Marke gar einen Ausverkauf des Traditionsunternehmens.
Kritik, der die Verantwortlichen allerdings mit viel Optimismus begegnen. „Unsere Aufgabe ist es, Marshall dabei zu unterstützen, sein volles Potenzial auszuschöpfen, indem wir unser Fachwissen über digitale Kanäle und die Optimierung der Lieferkette nutzen“, so etwa Taro Niggemann, Geschäftsführer der HSG für Europa, anlässlich der Bekanntgabe des Kaufs im Februar 2025. Man wolle dazu beitragen, die außergewöhnlichen Produkte von Marshall noch mehr Kunden weltweit zugänglich zu machen. Und Martin Axhamre, CFO und stellvertretender CEO der Marshall Group, betonte: „Wir haben bereits eine positive Dynamik mit spannenden Plänen für die Zukunft. In Kombination mit dieser neuen Eigentümerstruktur werden wir in der Lage sein, langfristig zu investieren und noch schneller zu werden.“
Mag schön und gut klingen. Ob die Kritiker aber dennoch recht behalten, lässt sich aktuell noch kaum beurteilen, schließlich ist die „neue Eigentümerstruktur“ gerade einmal ein halbes Jahr alt.
Offizielle Ehrungen und eine Liebeserklärung
Was auf jeden Fall unantastbar bleiben wird, ist die Erinnerung an das Schaffen von Jim Marshall. Ein Mann, der aus fast nichts etwas machte, was die populäre (Musik)Kultur bis heute prägt. Ganz zu Recht wurde Marshall für sein Lebenswerk wiederholt ausgezeichnet. So bedachte ihn Queen Elisabeth II. gleich zweimal, 1984 und 1992, mit der Verleihung des „The Queens Award For Export Achievement“. Mit dieser Auszeichnung werden herausragende Leistungen im internationalen Handel belohnt.
Noch deutlich höher einzustufen aber ist die zweite Ehrung, die Marshall durch die Queen erfuhr. 2004 erhob ihn die Königin in den Stand eines Offiziers des „Order of the British Empire“. Dabei handelt es sich um den höchsten zivilen Verdienstorden mit Ritterwürde, den die britische Krone überhaupt zu vergeben hat.
Eine weitere Ehrung war etwa die Verleihung der „Freedom of the Borough of Milton Keynes“, eine mit der deutschen Ehrenbürgerschaft vergleichbare Auszeichnung (Milton Keynes ist die größte der in den 1960er Jahren gebauten britischen Planstädte). Vielleicht aber war Marshall selbst trotz dieser vielen offiziellen Ehrenbezeugungen eine andere, eine nicht offizielle, sogar die liebste. Bis heute spricht man von ihm auch als „The Lord of Loud“ oder „The Father of Loud“. Und diese Liebeserklärung an ihn und sein Werk dürfte gewiss eher im kollektiven Gedächtnis verhaftet bleiben als jeder noch so gewichtige Ritterorden.

