Forscherin erklärt

Ist Handy-Strahlung wirklich krebserregend?

Fördert Handystrahlung die Gefahr eines Hirntumors?
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Ob bei der Arbeit oder auf der heimischen Couch: Wir tragen das Handy fast immer mit uns herum. Viele Menschen machen sich Sorgen, dass die ständige Strahlung Schäden hervorrufen könnte. Doch was ist eigentlich dran an dem Mythos, dass Handy-Strahlung krebserregend ist? TECHBOOK hat mit einer Krebsforscherin gesprochen.

Hirntumor durch Handynutzung? Viele Menschen glauben, dass die Strahlung eines Smartphones zu einem erhöhten Krebsrisiko führt. Die Annahme: Wir halten das Handy ständig am Kopf, es liegt neben uns auf dem Nachttisch, wir tragen es überall mit uns herum – und sind so ständiger Smartphone-Strahlung ausgesetzt, die angeblich das Entstehen von Krebszellen fördert. Doch stimmt das überhaupt?

TECHBOOK hat mit einer Expertin gesprochen: Maria Blettner forscht am Institut für Medizinische Biometrie, Epidemiologie und Informatik an der Universität Mainz. Ihre Forschungsschwerpunkte sind biometrische Methoden in der Epidemiologie und epidemiologische Untersuchungen zu strahleninduzierten Tumoren.

Fördert Smartphone-Strahlung die Entstehung von Krebszellen?

Die Forscherin weiß, dass das Thema grundsätzlich kontrovers diskutiert wird, sie kann besorgte Handynutzer dennoch beruhigen: „Eine große internationale Studie interpretiere ich so, dass ein Zusammenhang zwischen Handystrahlung und Krebs sehr unwahrscheinlich ist.“ Die Ergebnisse der Studie ließen keinen Zusammenhang zwischen Handystrahlung und Krebs zu. Blettner selbst war an der bisher größten Studie zu diesem Thema, der Interphone-Studie, beteiligt. Dabei befragten Forscher im Jahr 2012 mehr als 5.000 Hirntumorpatienten in 13 Ländern. Ergebnis: Zwischen Art und Ausprägung des Hirntumors und der Handynutzung konnten die Forscher keinen Zusammenhang feststellen.

Für die Studie wurden nur Patienten befragt, die an Gliomen und Meningeomen erkrankt waren. Bei Gliomen handelt es sich um Hirntumore im Zentralen Nervensystem. Sie kommen am häufigsten vor und sind eine der aggressivsten Formen des Hirntumors. Meningeome hingegen entstehen nicht aus der Gehirnsubstanz, sondern entwickeln sich aus den Zellen der Hirnhäute.

US-Studie bestätigt Ergebnisse

Die Ergebnisse der Interphone-Studie waren auch Anlass für weitere Untersuchungen, etwa vom „National Cancer Institute“ (Krebsforschungszentrum) des US-Gesundheitsministeriums. Hier untersuchten die Wissenschaftler die Datensätze von 24.813 Gliomen-Patienten, welche besonders oft oder kaum der Mobilfunkstrahlung ausgesetzt waren. Einen Zusammenhang zwischen Mobilfunknutzung und einem erhöhtem Gliomen-Risiko konnten die Forscher nicht feststellen.

Gibt es seit dem Smartphone-Boom mehr Hirntumor-Patienten?

Seit der Veröffentlichung des ersten iPhones ist die Zahl der Smartphones rapide gestiegen. In Deutschland werden circa 57 Millionen Smartphones genutzt. Ein solcher Boom müsste dazu führen, dass es auch mehr Hirntumor-Patienten gibt, sofern an dem Mythos etwas dran ist. Doch hier stützen die Zahlen die Erkenntnisse der Forscher. „Die Zahl an Hirntumoren ist in den vergangen Jahren nicht wesentlich gestiegen. Eine zeitliche Korrelation wäre auch wenig aussagekräftig, da sich gleichzeitig sehr viel verändert, zum Beispiel auch die diagnostischen Methoden“, erklärt Blettner. Durch neue ärztliche Verfahren können Tumore besser und häufiger entdeckt werden.

5 aktuelle Handys, mit denen man einfach nur telefonieren kann

Dass Handystrahlen jedoch durchaus nicht ungefährlich sein können, bestätigte ein italienisches Gericht im Jahr 2017. Ein Mitarbeiter eines Telekommunikationskonzerns verklagte erfolgreich seinen Arbeitgeber, nachdem der Kläger auf einem Ohr taub geworden war. In seinem Job habe der Italiener 15 Jahre lang täglich mehrere Stunden mit dem Handy telefonieren müssen. Ein seltener, gutartiger Tumor entstand, der operativ entfernt wurde, was zum Verlust des Hörvermögens führte. Der damalige Gutachter in dem Gerichtsverfahren, Paolo Crosignani, stellte im Interview mit der italienischen Zeitung „La Stampa“ klar, dass es sich um einen Einzelfall handele. Die damals ausgesendeten Strahlen seien viel stärker gewesen als bei heutigen Mobiltelefonen.

Hersteller von Smartphones geben Strahlenwerte an. Was muss ich beim Kauf beachten?

Wer heute ein modernes Smartphone kauft und strahlungstechnisch besonders vorsichtig sein will, muss sich keine Sorgen machen. „Moderne Handys und Smartphones sind strahlungsärmer als etwa alte Geräte“, versichert Blettner. Aktuelle Smartphones, wie etwa das iPhone Xs, unterbieten mit einem sogenannten SAR-Wert von 1,35 den aktuell erlaubten Grenzwert von 2 Watt pro Kilogramm deutlich. Der SAR-Wert gibt die Wärmewirkung dieser Hochfrequenzstrahlen an – bei einem SAR-Wert von 2 Watt pro Kilogramm darf sich die Haut etwa nicht um mehr als einen Grad Celsius erwärmen. Damit ist nach dem Urteil von der internationalen Strahlenschutzkommission (ICNIRP) und Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine sichere Nutzung des Handys auch bei maximaler Sendeleistung gewährleistet. Nach Aussage der ICNIRP gilt dies auch für besonders empfindliche Menschen.

Fazit: Ob Handystrahlen krebserregend sind, wird kontrovers diskutiert.