Philosophin erklärt

Das verraten Ihre Selfies über Sie

Zwei frauen stehen am Strand und machen mit ihrem Smartphone ein Selfie
Selfies sind inzwischen fester Bestandtteil unserer Foto-Kultur
Foto: Getty Images

Jeder hat schon einmal eins geschossen: ein Selfie. Aber sie sind mehr als nur ein einfaches Selbstbildnis. Was sie genau ausdrücken, darüber hat TECHBOOK mit der Selfie-Forscherin Kristina Steimer gesprochen.

Was sagen die selbstaufgenommenen Fotos über uns aus? Was treibt uns an, uns selbst zu fotografieren und was wollen wir damit anderen Menschen zeigen? Unsere Selfies können eine Menge über unsere eigene Persönlichkeiten preisgeben.

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Obwohl Selfies tief in unserem Alltag verwurzelt sind, haben sich bisher verhältnismäßig wenige Wissenschaftler mit diesem Thema beschäftigt. Jetzt gibt es ein Forschungsnetzwerk unter dem Dach des „Zentrums für Ethik der Medien und der digitalen Gesellschaft“, einer Kooperation der Katholischen Universität Eichstätt und der Hochschule für Philosophie München, das sich auf unterschiedlichen Ebenen mit dem Foto-Phänomen beschäftigt.   

Die Geschichte des Selfies

Zu verdanken haben wir den Begriff übrigens einer ausschweifenden Party. Es war nämlich ein betrunkener Student in Australien, der den Begriff „Selfie“ erfand. 2002 postete er ein Bild von sich selbst auf der australischen Seite ABC mit den Worten: „Äh, betrunken bei dem 21. Geburtstag von einem Kumpel, stolperte ich und landete mit der Lippe zuerst (…) auf der Treppe.“ Und weiter: „Ich hatte ein etwa ein Zentimeter langes Loch direkt in meiner Unterlippe. Und entschuldigt den Fokus, es war ein Selfie.“ Damit war der neue Trend geboren, den zig Millionen Menschen auf der Welt wiederholten.

Hier kündigt sich schon das an, was man heute als typisch für die Selfie-Kultur bezeichnen könnte, erklärt die Philosophin Kristina Steimer, die ihre Doktorarbeit über Selfies schreibt: „Einerseits ‚entschuldigt‘ sich der Urheber für sein Foto, das sehr nah und durch digitale Tools selbstbestimmt kontrolliert aufgenommen wird. Andererseits begründet der Urheber dieses nahaufgenommene Foto mit ‚Es war ein Selfie‘ und gibt so dem eigenen Selbstbild eine ungezwungene Attitüde, macht es dadurch quasi salonfähig.

Das Selbstbild des Australiers sollte nur der Anfang sein. 2013 wurde das Wort „Selfie“ vom Oxford English Dictionary (OED) zum Wort des Jahres gewählt. Politiker wie Barack Obama, Promis wie Kim Kardashian und sogar der Papst können es nicht lassen und fotografieren sich mit dem Handy selbst.

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Sehnsucht nach Originalität

„Im Selfie wollen wir die Frage beantworten, wer wir sind und sein wollen. Dieses Fragen haben immer schon mit unseren Beziehungen zu Orten und Personen zu tun“, sagt Steimer. Ein Selfie sei bildhistorisch als Selbstporträt zu betrachten. Dadurch könne davon ausgegangen werden, dass das Gezeigte es wert ist, genau so und nicht anders gezeigt zu werden. Diese Annahme zeige das Bedürfnis des Menschen nach Originalität. Aber weiterhin originell zu sein, sei im Zeitalter der Reproduzierbarkeit immer schwieriger. Fotoideen werden kopiert und vervielfältigt.

„Wir Menschen haben uns schon immer Fragen zu uns selbst gestellt, uns mitgeteilt, uns und andere interpretiert. Selfies sind eine moderne Form dies auszudrücken“, sagt Steimer. Gleichzeitig ist das Selfie ein Massenphänomen. Es bediene das menschliche Bedürfnis nach Zugehörigkeit, mache es aber auch schwer, sich als ‚Das bin jetzt nur ich!‘ abzugrenzen. „Im Selfie, das man als eine Art Echtzeit-Dokumentation des eigenen Lebens mit globaler Reichweite bezeichnen könnte, treffe ich jede Menge andere, die genau das Gleiche machen wie ich: Wir alle drücken unsere Einzigartigkeit aus und wir alle tun es auf die gleiche Weise“, sagt Steimer.

Obwohl es so beliebt ist, belegen Untersuchungen, dass Menschen ungern zugeben, dass sie viele Selfies machen. „Sie haben die Sorge, als selbstverliebter Narzisst entlarvt zu werden“, sagt Steimer. Aber sind wir vielleicht genau das? Immerhin liegt der Fokus beim Selfie auf der Person, die den Auslöser drückt. Narzissten seien wir deshalb aber nicht gleich, vielmehr versuchen wir Antworten auf ziemlich philosophische Fragen zu finden: Wer bin ich? Wer will ich sein? Was aber ein Selfie für einen selbst bedeutet, sei privates Empfinden.

Im Selfie zeige sich ein Selbstoptimierungs-Trend, der sich in unserer Gesellschaft auch anderweitig weitgehend etabliert habe. „Die Selfie-Kultur entwickelt inzwischen aber auch einen Trend hin zum Imperfekten, getreu dem Motto ‚I don’t give a fuck: Break the filter!‘“, sagt Kristina Steimer. Bei diesem Trend fotografieren sich Menschen selbst unter anderem in unvorteilhaften Positionen, aus kuriosen Winkeln oder gar verwackelt – eine Seite, die die meisten Menschen eigentlich verstecken wollen.

Der Erfolg des Selfies

Das Selbstbildnis via Smartphone passt einfach in unsere heutige Zeit und das gleich aus mehreren Gründen. So sei es speziell der technische Fortschritt, der auch die Verbreitung des Selfies maßgeblich vorangetrieben hat. Die Frontkamera am Handy und die Tatsache, dass immer mehr Menschen ein solches Mobiltelefon besitzen, hätten dazu geführt, dass immer mehr Menschen ein Selfie aufgenommen haben. „Plattformen wie Instagram und Prominente haben ebenso bei der Verbreitung des Selfies geholfen“, sagt Steimer.

Ist das Selfie tot?

Und dann das: 2017 erklärt Selfie-Ikone Kim Kardashian, das Selfie sei tot. „Das erinnert an den Ausspruch des Philosophen Friedrich Nietzsche: ‚Gott ist tot!‘ Genau wie Nietzsche erklärt Kardashian etwas für tot, woran man sich zuvor abgearbeitet hat. Ein deutlicher Hinweis darauf, wie lebendig es noch ist, sonst wäre es wohl kaum nötig, es so vehement für tot zu erklären“, sagt die Wissenschaftlerin Steimer. Das Statement von Kim Kardashian zeigt aber etwas anderes: „Das Selfie geht bislang nicht genug auf das Bedürfnis ein, Fragen nach dem eigenen Selbst in Geschichten darzustellen. Also Dauer statt nur Bestand auszudrücken“, resümiert Steimer. Die Foto-Plattform Instagram scheine nun mit den Stories auf dieses Bedürfnis zu antworten. „Auch Selfie-Trends wie das Polaroid-Revival lenken die Aufmerksamkeit auf den Zeitfaktor im Selfie. Etwas, das ich jetzt mache, kleide ich so ein, dass es schon aussieht wie eine Erinnerung“, weiß Steimer.

Der Selfie-Stress

Es ist genau diese Erinnerung, für die einige Menschen alles geben, gar das eigene Leben riskieren, um ein besonderes Selbstbildnis von sich zu besitzen. Immer wieder gibt es diese traurigen Geschichten von meist jungen Leuten, die für ein Selfie etwa an einer Klippe ihr Leben nicht nur riskieren, sondern es gar verlieren. Daneben kann der Drang, das perfekte Selfie zu schießen, in regelrechten Stress ausarten. „Die Idee von Selbstverwirklichung, also man selbst zu sein, ist heute ein gesellschaftlich etablierter Wert“, sagt Steimer. In der Werbung, auf dem Arbeitsmarkt oder in den Medien – über verschiedene Kanäle werde von uns immer wieder eins gefordert: Sei du selbst! „Weil die Antwort darauf, wer man ist, aber nie eindeutig oder abschließend gegeben werden kann, haben wir es heute mit einer Art ‚Authenzitätsstress‘ zu tun“, so Steimer. Es sei vielleicht eine der Herausforderungen unserer Zeit, das Streben danach, man selbst zu sein, mit der Gegenfrage zu beantworten: Was bedeutet das eigentlich für mich? Vielleicht sollten wir deshalb ein Selfie vor allem aus einem Grund machen: zum Spaß!