Von Wikipedia-Gründer

„WT:Social“ – was steckt hinter der Facebook-Alternative?

Wikipedia-Mitgründer Jimmy Wales WT:Sociald
Jimmy Wales will mit seinem Netzwerk gegen Fake News vorgehen und zur Diskussion seriöser Nachrichten anregen
Foto: Getty Images

Den Namen Jimmy Wales dürften viele von den Wikipedia-Spendenaufrufen kennen, die alle paar Monate bei Nutzern der Online-Enzyklopädie eingehen. Jetzt hat der Wikipedia-Mitgründer ein (nicht mehr ganz) neues Projekt: WT:Social.

„Stellen Sie sich eine Welt vor, in der das gesamte Wissen der Menschheit frei zugänglich ist. Das ist unser Ziel!“ Dieser Satz und leicht abgewandelte Formen davon schließen in der Regel die Spendenaufrufe der Wikipedia. Die Online-Enzyklopädie ist seit vielen Jahren aus dem Internet nicht mehr wegzudenken und rangiert auf Platz 5 der weltweit am häufigsten besuchten Webseiten (Stand 2018) – hinter den größten Suchmaschinen Google und Baidu, sowie YouTube und Facebook. Und jetzt stellen Sie sich vor, wie ein Zusammenschluss aus Facebook und Wikipedia aussehen würde. Das Ergebnis dürfte ziemlich genau dem „neuen“ Netzwerk WT:Social entsprechen.

Was steckt hinter dem Netzwerk WT:Social?

Die Anführungszeichen im vorangegangenen Absatz um das Wort neu beziehen sich darauf, dass das Projekt tatsächlich nicht ganz so neu ist. Die Plattform geht nämlich aus der Online-Zeitung WikiTribune hervor, die Wikipedia-Mitgründer Jimmy Wales bereits 2017 ins Leben rief. Das damals ausgerufene Ziel, mit faktenbasiertem Journalismus gegen Fake News und „alternative Fakten“ vorzugehen, hat auch heute noch Bestand. WikiTribune war zwar nicht erfolgreich, im neuen Gewand eines sozialen Netzwerks könnte es nun aber durchaus Potential haben.

Fast 300.000 Menschen haben sich bereits auf der Plattform angemeldet. Die Nutzer sollen dort, anders als beispielsweise bei Facebook, weniger über sich selbst berichten als über aktuelle Nachrichten aus aller Welt.

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WT:Social ist rein spendengestützt und werbefrei

In WT:Social soll das communitygetragene Konzept von Wikipedia auf ein soziales Netzwerk übertragen werden. Dem Handelsblatt sagte Wales dazu: „Das Ziel ist, den Leuten Informationen mit Qualität zu liefern, statt Informationen, die sie einfach nur zum Weiterklicken animieren.“ Deshalb soll die Plattform, genau wie Wikipedia, komplett werbefrei sein und sich ausschließlich über Spendengelder finanzieren. Der Gründer selbst geht übrigens mit gutem Beispiel voran und hat bereits ein sehr aktives Profil.

Screenshot WT:Social Jimmy Wales Profil

Auch Gründer Jimmy Wales hat ein Profil auf der Seite
Foto: TECHBOOK

Nutzer können Artikel posten und selbst Beiträge verfassen, Posts anderer kommentieren und sogar editieren. Wie in jedem anderen sozialen Netzwerk auch kann man sich mit Freunden und Familie vernetzen, Gruppen voller Gleichgesinnter beitreten und sein eigenes Profil pflegen. Der Fokus liegt dabei allerdings klar auf nachrichtlichem Content, der von den Nutzern entweder über einen Link zur Diskussion freigegeben oder in längeren Beiträgen selbst verfasst wird. Editiert ein weiterer User diese Beiträge, bleibt die ursprüngliche Nachricht nachvollziehbar. Am Ende geht es darum, „qualitativ hochwertigen Journalismus zu generieren“ (nachzulesen auf der Plattform selbst). Ein wichtiger Punkt ist dabei der Schutz der Nutzerdaten. So heißt es im Statement weiter: „Wir werden Ihre Daten niemals verkaufen. Unsere Plattform lebt von der Großzügigkeit einzelner Spender, um sicherzustellen, dass Ihre Privatsphäre geschützt und Ihr sozialer Bereich werbefrei ist.“

Plattform steckt trotzdem noch in den Kinderschuhen

WikiTribune basierte noch auf einem WordPress-Backend, bei WT:Social wird nun auf eine selbstentwickelte Plattform gesetzt. Diesbezüglich gibt es ganz offensichtlich noch Nachholbedarf, das weiß Gründer Wales auch selbst:

Auch im TECHBOOK-Test zeigt sich die (noch) relative Kargheit des Layouts. Im Newsfeed beispielsweise werden zwar wie auf Seiten der Konkurrenz auch neue Beiträge als erstes angezeigt, weitere Filtermöglichkeiten gibt es aber kaum. Bereits jetzt sind so fast 200.000 Beiträge zusammengekommen, die sich im Nachhinein kaum noch ordnen lassen. Der von Facebook und Co. verwöhnte Nutzer dürfte den textlastigen und bildarmen Feed außerdem erst einmal gewöhnungsbedürftig finden.

Screenshot WT:Social News Feed

Der Newsfeed sieht bisher noch recht unspektakulär aus, andererseits soll es ja auch eher um die „inneren Werte“ gehen
Foto: TECHBOOK

Intuitives Handling, lange Warteliste…

Name und Email-Adresse eingeben, Passwort festlegen, Account verifizieren – unsere Anmeldung bei WT:Social hat gerade einmal zwei Minuten gedauert. Der geübte Social-Media-Nutzer dürfte sich dann auch ganz einfach auf der Seite zurechtfinden. Über das Menü oben rechts gelangt man zum News Feed oder dem eigenen Profil. Bisher gibt es die Plattform nur auf Englisch, es werden aber direkt heimische Gruppen vorgeschlagen. Ein Beitritt wird genauso auf dem Profil angezeigt wie jeder Post.

Leider kann man nach der schnellen Anmeldung nicht direkt loslegen. Man landet erstmal auf einer Warteliste – und die ist schon jetzt relativ lang. Bei Erstellung des Accounts gegen 09:30 Uhr waren wir noch irgendwo auf Platz 300.000, gegen 16 Uhr sind wir immerhin schon auf Platz 251.849 vorgerutscht. Kleines Update dazu: Zwei Tage später, am 28.11. um 09:30 Uhr, haben wir uns immerhin auf Platz 198.246 verbessert. Das Ganze lässt sich mit einer kleinen Spende – monatlich 12 Euro oder 90 Euro im Jahr – oder Einladungen an Freunde, Familie und Kollegen wohl etwas beschleunigen. Bis dahin kann weder selbst gepostet noch Gruppen beigetreten werden, allerdings kann man bereits im Feed stöbern und sich die Profile anderer User anschauen.

Screenshot WT:Social Profil

Noch nicht viel zu sehen (und zu machen) auf dem Profil
Foto: TECHBOOK

Nichtsdestotrotz hat die Seite bereits fast 300.000 Nutzer und fast nochmal genauso viele stehen auf der Warteliste. Das Konzept scheint also auf breites Interesse zu stoßen.

Seite soll mit seinen Nutzern wachsen

Optisch und technisch ist in jedem Fall noch Luft nach oben. Außer der Gruppenfunktion, dem Feed und der eigenen Seite gibt es aktuell noch nicht viel auf WT:Social zu sehen. Vereinzelte längere Ladezeiten, unzureichender Schutz gegen Spam – Wales weist selbst darauf hin, dass das Team noch klein ist. Die Plattform soll mit der Zeit und ihren Nutzern wachsen. Auf der Startseite heißt es: „Fake News haben globale Ereignisse beeinflusst, und Algorithmen kümmern sich nur um ‚Engagement‘ und sorgen dafür, dass Menschen von Plattformen ohne Substanz abhängig sind (…). Wir geben Ihnen die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, welche Inhalte Ihnen bereitgestellt werden und irreführende Überschriften direkt zu bearbeiten oder Problembeiträge zu kennzeichnen.“

Deswegen sucht das Team nach Unterstützung und freiwilligen Helfern. Für das Konzept von WT:Social wird vor allem eine aktive Community benötigt, die unermüdlich gegen Falschmeldungen vorgeht und permanent neue, hochwertige Beiträge produziert. Das hehre Ziel: Die Social-Media-Landschaft nachhaltig zu verändern.