Bei Experten nachgefragt

Was taugen Apps zur Kindererziehung?

Vater sitzt mit seinem Sohn vor einem Handy
Spezielle Apps sollen die Erziehung von Kindern erleichtern

Künstliche Intelligenz soll Eltern via App bei der Erziehung ihrer Kinder helfen. TECHBOOK hat Experten gefragt, was Apps wie Muse oder Vroom können.

Technologien bereichern in vielfältiger Form unseren Alltag: Roboter saugen für uns oder mähen den Rasen, smarte Lautsprecher lassen sich via Stimme bedienen und das Smartphone ist sowieso unsere Allzweckwaffe für nahezu alles. Da überrascht es vermutlich nicht, dass Apps Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder helfen sollen. Manche dieser Helfer arbeiten sogar mit künstlicher Intelligenz. Großartige Unterstützung, totaler Blödsinn oder sind solche Erziehungs-Apps gar gefährlich? TECHBOOK hat bei Experten nachgefragt, was diese Apps tatsächlich leisten können und wo es lohnt, genauer hinzuschauen.

Es sind vor allem zwei amerikanische Erziehungs-App, die immer wieder Beachtung finden: „Vroom“ und „Muse“.

So funktioniert die App „Vroom“

Die App „Vroom“ ist Bestandteil der globalen Bezos-Familien-Stiftung. „Wir glauben, dass alle Eltern das Potential haben, ihren Kindern eine strahlende Zukunft zu schaffen“, heißt es auf der Seite von „Vroom“. Die App ist kostenlos, die Tipps und Funktionen der App basieren auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, um Eltern und Betreuern zu helfen, Kindern einen großartigen Start ins Leben zu geben und ihnen sogar eine bessere Zukunft zu ermöglichen. So weit das Versprechen der Stiftung des Amazon-Gründers Jeff Bezos zur eigenen Erziehungs-App.

Nutzer der App können ein Profil ihres Kindes anlegen. In der App stehen verschiedene Funktionen zur Verfügung. Hauptsächlich handelt es sich dabei um unterschiedliche Aufgaben, die Eltern angeboten werden.

Im unteren Beispiel können Eltern zum Beispiel eine Aktivität zu einer bestimmten Tageszeit wie etwa Schlafenszeit auswählen.

Screenshot App Vroom

Eltern können aus unterschiedlichen Möglichkeiten auswählen, aus welchem Bereich sie gerne eine Aktivität vorgeschlagen bekommen möchten. Diese Auswahl entstammt der Kategorie „Tägliche Routine“. Hier können Eltern auswählen, zu welcher täglichen Routine sie eine Aktivitätsidee haben möchten, bei der das Kind etwas lernen kann.
Foto: Screenshot Vroom

Aber auch zu alltäglichen Aufgaben wie etwa dem Abhängen von Wäsche liefert die App Eltern Optionen, diese Zeit mit einer Aktivität gemeinsam mit dem Kind zu verbringen. Angeboten wird etwa, diese Hausarbeit zu nutzen, um mit dem fiktiven vierjährigen Kind Emma (den Namen und das Alter hat TECHBOOK bestimmt) Socken-Basketball zu spielen. Dabei fungieren ein Wäschekorb als Korb und die Socken als Mini-Basketbälle.

In einem Bereich bekommen die Eltern Aktivitäten für Hausarbeit vorgeschlagen. Beim Machen der Wäsche, so der Vorschlag, können Socken als Bälle und der Wäschekorb als Korb fungieren, um Socken-Basketball zu spielen. Die Eltern können dabei lesen, was ihr Kind bei der Aktivität lernt.
Foto: Screenshot Vroom

Bei jeder Aktivität wird zusätzlich erklärt, was das Kind dabei lernt, welche Kompetenzen des Kindes dabei gefördert werden und für welche Zwecke diese gut sind.

So funktioniert die App „Muse“

Die App wurde von der amerikanischen Neurowissenschaftlerin Vivienne Ming entwickelt. Im Interview mit Heute erklärte die Entwicklerin der Erziehungs-App „Muse“, dass der einzige Grund, warum sie die App aufgebaut habe, sei, dass sie in einer Welt voller kreativer Menschen lebe. Die App versuche diese Welt mit zu erschaffen. „Kinder werden dank ‚Muse‘ bessere Menschen. ‚Muse‘ versucht, tief in ihre Identität einzudringen und sie so täglich ein bisschen stärker zu machen“, sagt Ming gegenüber Heute.

Wie auch bei „Vroom“ erstellen Nutzer der App „Muse“ ein Profil für ihr Kind, das sie mit der App fördern wollen. Mittels Algorithmus werden dem Nutzer Übungen, Aufgaben oder Spiele vorgeschlagen, die zur Entwicklung des Kindes passen und dessen Fähigkeiten sie fördern sollen. Eltern können eingeben, wie die Aktivität verlaufen ist. Auf diese Weise lernt die App dazu.

Die User der App zeigen sich in den Bewertungen zufrieden. Im App Store hat die Awendung eine Bewertung von 3,7 Sternen, im Play Store bekam sie nur zwei von fünf Sternen von den Nutzern. Eine Nutzerin schreibt im App Store in ihrer Bewertung: „Die App ist etwas für Eltern, die gerne etwas mit ihren Kindern machen wollen, aber nicht die Zeit haben, danach zu recherchieren. So bekommt man halt kostenlos viele kleine Ideen für die jeweilige Altersstufe. Nicht wundern: die App stellt auch Fragen, das dient dazu zu verstehen, was die Situation der Eltern, des Kindes und der Stand der Interaktion ist. Ich kann die App wirklich sehr empfehlen!!!“

Achtung: Beim Schreiben dieses Textes funktionierte die App „Muse“ nur teilweise. Die meisten Funktionen der App konnten nicht genutzt werden. TECHBOOK hat sich an die Entwickler der App gewendet, aber keine Antwort zu den Hintergründen erhalten.

Das sind nicht die einzigen Erziehungshelfer auf dem Smartphone. Auch Apps wie „BabySparks“ oder die deutsche „Elternsein-App“ stehen Nutzern zur Verfügung. „Ich möchte solche Hilfen für Eltern – nur weil sie digital sind – nicht per se verurteilen. Früher haben sich Eltern in Ratgeberzeitschriften informiert, heute gibt es dafür elektronische Medien“, sagt Joachim Türk, Mitglied des Bundesvorstands des Kinderschutzbundes und für den Themenbereich Medien/Digitales zuständig. Eltern sollten bei der Nutzung jedoch bedenken, dass hinter solchen Apps oftmals ein Start-up steht und somit vornehmlich Betriebswissenschaftler sowie Techniker. Generell sei eine Sammlung von Ideen zur Gestaltung der Freizeit nicht schlecht. Dennoch ermutigt Türk Eltern dazu, auf ihre eigenen Ideen und die ihrer Kinder zu vertrauen.

Moderne Form des Ratgeber-Buches

Doch was ist von solchen Apps wirklich zu erwarten? „Wenn man Kinder hat, braucht man nicht zwangsläufig Ratgeber“, sagt Michael Winterhoff, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Psychotherapie in Bonn, zu TECHBOOK. Grundsätzlich stehe und falle die Erziehung von Kindern mit dem erziehenden Erwachsenen. „Kinder brauchen Eltern, die in sich ruhen“, sagt der Experte. Nur dann verfügt man über das Entscheidende, die Intuition, das Bauchgefühl. Immer mehr Erwachsenen fehlt diese innere Ruhe, vielen sogar ein Gespür für sich selbst. Daher auch die Entwicklung, dass immer mehr Erwachsene ihre eigene Befindlichkeit messen: Ob Schlaf oder die Anzahl der Schritte – alles werde getrackt.

In einem seiner Bücher beschreibt er, wie die aktuelle Bildungspolitik in Deutschland dazu führe, dass die Jugend verdumme, immer mehr Heranwachsende keine Berufsreife entwickelten. Laut Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung weisen 50 Prozent der Abiturienten keine Hochschul-Tauglichkeit auf, ihnen fehlen sogar Grundkenntnisse in Deutsch und Mathe. Ein Drittel der Hochschulen geben Nachhilfe in Deutsch und Mathe. Im Bereich kaufmännischer Berufe (Studie DIHT) sind ein Drittel der Lehrstellen nicht besetzt, aufgrund fehlender Eignung, ein Viertel der Azubis brechen die Ausbildung ab, ein Drittel der Betriebe geben Nachhilfe in Deutsch und Mathe.

„Solche Apps machen ein Kind zu etwas, wofür man eine Anleitung braucht“, erklärt Winterhoff. Der Markt für Ratgeber sei weiterhin ungebrochen groß. „Eine Erziehungs-App ist neutral betrachtet eine moderne Form eines Ratgebers. So lange die Informationen sachgemäß sind, stehe ich dem zunächst positiv gegenüber“, sagt Erziehungswissenschaftler Albert Wunsch gegenüber TECHBOOK. Der Sozialpädagoge ist auch Autor verschiedener Ratgeber. Apps sind in Echtzeit abrufbar – anders als ein Buch.

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„Eltern hängen medial am Tropf“

Und genau das birgt eine große Gefahr, meint der Erziehungsexperte: „Eine App verleitet dazu, eine Art Soforthilfe zu sein.“ Wenn Eltern die digitale Hilfe eins zu eins übernehmen würden und damit ihr eigenes Denk- und Urteilsvermögen sozusagen ausschalten würden, sei das bei der Erziehung gefährlich. „Technik und künstliche Intelligenz sind immer Fluch und Segen zugleich“, sagt Wunsch. Eltern dürfen nie vergessen, dass die KI immer nur so gut sei, wie die echte Intelligenz, die sie geschaffen hat. Schädlich sei es, wenn Menschen den modernen Medien komplett vertrauen. „Viele Menschen stellen Google oder Wikipedia einen Blankoscheck aus und hinterfragen die Quellen nicht“, warnt Erziehungswissenschaftler Wunsch. Eltern sollten vor einer reinen Übernahme zurückschrecken.

Experte meint

„Natürlich tauschen Eltern sich auch heute schon im Netz über Erziehungsfragen aus. Früher geschah das ausschließlich offline im Freundes-, Familien-, und Bekanntenkreis. Heute kommt das Netz dazu. Das ist nicht zu verteufeln, sondern ein verständliches Bedürfnis von Eltern. Im Internet treffen sie auf einen breiten Erfahrungsschatz und auf viele verschiedene Blickwinkel, die den eigenen Horizont durchaus erweitern können. Unter bestimmten Bedingungen kann das Smartphone also ein Erziehungshelfer sein: Wenn die App redaktionell-fachlich gut durchdacht ist. Wenn Datenschutz und Datensicherheit gewährleistet sind. Und wenn Eltern angesichts der Fülle an Ratgebern – egal ob in Apps, Büchern oder Fachzeitschriften – am Ende ihrem Bauchgefühl vertrauen.“ – Joachim Türk, Mitglied des Bundesvorstands des Kinderschutzbundes

Davor warnt auch Michael Winterhoff: „Erziehungs-Apps könnten Eltern vorgaukeln, es gebe eine Art Betriebsanleitung für ihre Kinder.“ Die Grundsatzfrage ist: „Beherrsche ich das Smartphone oder beherrscht das Smartphone mich?“, fragt Albert Wunsch. Viele Nutzer hätten keine Ahnung über die Folgen der Smartphone-Nutzung. Informationen von Apps oder aus dem Internet dürften keinen ultimativen Handlungscharakter haben. Informationen sollten auf keinen Fall eins zu eins übernommen werden. Kinder hätten sehr feine Antennen, die sofort spüren, ob der Erwachsene etwas tut, was er selbst überlegt hat oder was er einfach ausführt. „Wenn das Kind mitbekommt, dass sich Eltern Tipps in einer App holen, dann haben die Eltern schlechte Karten“, erzählt Albert Wunsch. Ohne kommen Menschen kaum noch aus, Eltern genauso wenig: „Eltern hängen medial am Tropf“, sagt Winterhoff.

Apps nicht verteufeln, sondern sinnvoll einsetzen

„Grundsätzlich ist nicht alles darin schlecht“, sagt Winterhoff über Erziehungs-Apps. Die App als Ideengeber für spielerische Aktivitäten im Alltag findet der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie positiv.

Experte meint

„Wenn ich Tipps und Ideen aus einer App gut finde und diese dann umsetze, kann eine App genauso nützlich wie ein Ratgeber sein. – Foto: Peter Wirtz“ – Michael Winterhoff, Kinder- und Jugendpsychiater

Vorsicht sei aber geboten, wenn Eltern Dinge umsetzen von denen sie selbst nicht überzeugt sind. Wunder soll aber niemand erwarten. Wer eine schwierige Situation mit einem Kind erlebt, darf nicht auf eine Antwort sozusagen per Knopfdruck hoffen. „Das wäre wie bei einem Horoskop: Es scheint zu passen. Eltern würden dann zu Umsetzern werden und ihren Job als Erzieher an den Nagel hängen“, sagt Wunsch.

Die Technologie in unserem Alltag hat die Erziehung bereits verändert. Viele Eltern nutzen das Internet, um Probleme zu lösen, anstatt einen Experten zu fragen. „Google und Co. sorgen bei den Eltern für mehr Ängste, was schlecht für die Entwicklung der Kinder ist. Anstatt in die direkte Kommunikation mit jemandem zu gehen, finden sie im Netz zu einem Problem 1000 Antworten, sind hinterher irritierter als vorher“, erklärt Winterhoff.

Daten: Darauf sollten Eltern achten

Winterhoff wünscht sich beim Thema Daten von Eltern mehr Bewusstsein: „Wir gehen mit Daten sehr naiv um oder haben keinen ausreichenden Kenntnisstand davon. Ich kann nur empfehlen, äußerst zurückhaltend im Netz zu agieren.“ Fotos der Kinder sollten seiner Meinung nach weder im Internet noch in den sozialen Netzwerken hochgeladen werden. Auch Spielzeuge, die mit dem Internet verbunden sind, bewertet er kritisch: „Fehler können uns einholen. Die Kinder von heute sind irgendwann erwachsen und finden dann mitunter unzählige Fotos oder Daten von sich im Internet.“ Die App von Ming sammele Daten von Kindern und den Nutzern, um mehr über sie zu erfahren, erklärt Ming über ihre App, die mit künstlicher Intelligenz arbeitet.

Fazit der Experten: Smartphone-Nutzung reduzieren

Eltern sollten ihren Umgang mit dem Handy in Anwesenheit ihrer Kinder überdenken. „Ich empfehle Eltern ihr Bewusstsein zu schärfen, dass sie besonders bei kleinen Kindern in der gemeinsamen Zeit mit dem Kind, sehr zurückhaltend  Smartphones nutzen. Die Eltern sind ansonsten zwar körperlich aber nicht geistig anwesend und das ist schlecht für die Kinder“, weiß Winterhoff. Gerade Mahlzeiten, die Begleitung des Kindes in Ruhe beim abendlichen Aufräumen, Waschen und ins Bett gehen sind wichtige Zeiten ohne mediale Erreichbarkeit. Das fördert die Beziehung und natürliche Kommunikation mit dem Kind. Hinzukomme, dass Erwachsene sich durch die Allgegenwärtigkeit des Smartphones in einen Zustand begeben, der die Psyche verändert, sie aufgrund zu vieler Meldungen verwirre.

Experte meint

„Kinder erleben diese ständige mediale Welt. Anstatt selbst zu erziehen darf das Smartphone nicht zum Dauerbegleiter werden. Eltern müssen sich in ihr Kind hinein empfinden und das kann keine App.“ – Albert Wunsch, Erziehungswissenschaftler

Eltern können an ihrer eigenen Befindlichkeit und somit der ihrer Kinder arbeiten. „Unsere Psyche kann nur zur Ruhe kommen, wenn wir bewusst uns eine Auszeit nehmen, in der wir schweigen“, rät Michael Winterhoff. Dadurch würden Eltern wieder ein Gespür für sich und ihre Kinder bekommen. Dafür eignen sich Spaziergänge durch den Wald, ein Kirchenbesuch, Yoga oder Meditation. Er empfiehlt Eltern sogar einen Tag digitalen Detox pro Woche: „Ein Tag in der Woche sollte für die Familie komplett frei von Medien sein.“

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